Die deutschen Copycats

02 12 2008

Manchmal kann ich es echt nicht mehr hören das undifferenzierte Gejammer über die german copycats, die ja alle so ultra innovativen US Web 2.0 Dienste einfach 1:1 für den deutschen Markt übersetzen. Arme Amis… Wenn man es etwas differenzierter betrachtet, wird man allerdings mehrere Dinge feststellen:

Zum einen wird man tatsächlich etliche Dienste finden, die mehr oder weniger 1:1 von US-Vorbildern geklaut sind. Aber: Das ist keine besondere deutsche Spezialität, sondern passiert weltweit täglich im Netz (man denke nur an die bestimmt inzwischen dreistellige Anzahl von Twitter-Klonen). Dass das möglicherweise auf dem deutschen Markt häufiger vorkommt, also anderswo (ist das tatsächlich so?), hat für mich einen ganz simplen Grund: Der deutsche Markt ist ein vergleichsweise großer Markt und lokalisierte ausländische Inhalte haben hier Tradition (ich denke hier an Filme und Serien, die durchweg synchronisiert werden). Wenn ein erfolgreicher und innovativer englischsprachiger Dienst keine lokalisierte Fassung für diesen Markt anbietet, macht es eben jemand anderes. Bestes Beispiel: Facebook und StudiVZ. Für Facebook war der deutsche Markt erklärtermaßen mit eher geringer Priorität versehen, also musste zwangsläufig jemand kommen und die zweifelsohne sehr zeitgeistige Idee adaptieren. Das ist nicht fies, dreckig und gemein, sondern eine logische Konsequenz des links liegen lassens eines vielversprechenden Marktes. Wer auf die Mitarbeit seiner Nutzer angewiesen ist, sollte besser deren Sprache sprechen und deren Gepflogenheiten ernst nehmen, sonst macht es jemand anderes. Ob die Oberfläche und Funktionalität hingegen dertart platt abgeguckt werden muss, ist eine andere Frage und da verstehe ich jede Beschwerde. Wenn ich mir allerdings Facebook und StudiVZ jetzt so anschaue, kann ich so viel Ähnlichkeit gar nicht mehr erkennen. Bei den meisten (zumeist englischsprachigen) Twitter-Klonen ist die Ähnlichkeit jedenfalls viel größer.

Eine andere Gruppe sind sehr sehr naheliegende Dienste, bei denen schlicht mehrere Leute auf die gleiche Idee gekommen sind. Branchenverzeichnisse mit Lokalbezug und Bewertungen zum Beispiel drängen sich geradezu auf. Die Frage, ob Qype eine Yelp-Kopie ist oder nicht (Kommentare lesen!) stellt sich daher für mich nicht. Wie eingebildet und hochnäsig kann man sein, hier einen Ideenklau zu unterstellen: Als ob in Deutschland keine innovativen Köpfe im Web unterwegs wären und naheliegende Dienste entwickeln würden. Einer der Kommentare brachte es auf den Punkt: Die deutschen Gelben Seiten als Nachmache der amerikanischen Yellow Pages zu bezeichnen geht schlicht an der Realität vorbei.

Eine dritte Gruppe sind Dienste, die sich in einigen Funktionen überschneiden, sonst aber unterschiedliche Ausrichtungen haben. Ich sehe nichts kritisierbares darin, Funktionen von anderen Diensten zu übernehmen, die sich dort als funktionabel erwiesen haben. Der englische Begriff dafür nennt sich best practice und beschreibt genau das: Man übernimmt Funktionen und Arbeitsweisen, die sich bei anderen bewährt haben. Ein in der Informatik völlig übliches und positiv besetztes Vorgehen.

Ja, es gibt ein Copycat-Problem und ich verstehe, dass es frustrierend ist zu sehen, wie eigene gute Ideen zwei, drei Monate später bei anderen Diensten übernommen werden. Aber hier gilt ganz einfach das Gesetz des freien Marktes: Dass deutsche Copycats in Deutschland erfolgreicher sind als die US-Originale, kommt ja nicht von Ungefähr, sondern zeigt ganz klar Defizite bei der internationalen Expansionspolitik von US-Diensten auf. Wer Wal-Martesk versucht so ganz nebenbei europäische Märkte ohne die nötigen landesspezifischen Anpassungen in die Tasche zu stecken, braucht sich nicht wundern, dass er damit wenig erfolgreich bleibt. Europa und speziell Deutschland und Frankreich sind eben eigene Märkte mit einigen Spezifika die man selber beachten kann oder das eben anderen überlassen.

Letzter Aspekt für heute: Wenn man allzu schnell und leicht kopiert wird, sollte man selbstkritisch genug sein zu erkennen, dass der eigene Dienst offensichtlich nicht so genial und einzigartig ist, wie man denkt. Amazon, eBay und Google sind deswegen nie wirklich gut kopiert worden, weil dort einfach mehr Genius drin steckt, als etwa in Twitter, das jeder halbwegs begabte Webmensch in zwei Tagen nachprogrammiert hat. Zu einem tragfähigen USP gehört laut Marketing-Lehrbuch nun mal die Eigenschaft, nicht in einem Handstreich von der Konkirrenz imitiert werden zu können. Dass Webdienste (gerade in den USA) auch ohne einen solchen USP eine große Menge Venture Kapital ins Popöchen geblasen bekommen setzt diese Regel nur soweit außer Kraft, dass die Kapitalgeber hoffen, dass der Dienst seinen zwangsläufig aufpoppenden Kopien (eben durch dieses viele Geld) stets genau den Schrit voraus ist, der nötig ist.



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