Nicht immer gleich Zensur rufen

22 01 2009

In meinem Blog ist der Begriff Zensur in letzter Zeit häufiger vorgekommen. Eine gewisse lächerliche Tendenz lese ich inzwischen selber daraus ab, kann aber nichts dafür, dass staatliche Stellen vermehrt frei drehen. Aber in allen diesen Fällen habe ich den Begriff wohlüberlegt genutzt, weil ich ihn für zutreffend halte. Für nicht zutreffend hielt ich ihn heute Mittag, als ich von der Indizierung eines Pro-Ana Blogs durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien las und ich habe eine kurze Weile darüber nachgedacht, ob ich da zustimme oder das ablehne. Ich bin zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen, weil ich nicht genug über diese Seite wusste, um mir ein Urteil zu bilden. Aber Zensur hielt ich sofort für den falschen Begriff. Johnny Haeusler vom Spreeblick wettert gut argumentiert gegen die Zensur-Rufer und da kann ich nur voll und ganz zustimmen (Lektüre empfohlen).

Aber warum bin ich denn hier dabei, nicht jedoch bei der Kinderporno-Sperre? Tja, wer meine Argumente dort verstanden hatte, sollte diese Frage nicht stellen. Für die anderen nochmal aufgedröselt: Die Indizierung der BPjM richtet sich gegen die Betreiber der Seite (und die sollen nicht entfernen sondern nur Jugendlichen den Zugang verwehren) und das halte ich für völlig legitim, wenn auch weitgehend aussichtslos (Stichwort Betrieb im Ausland). Immerhin setzt es ein Zeichen. Kinderporno-Sperren auf Providerseite richten sich hingegen gerade nicht gegen die Betreiber (im Ausland), sondern installieren Filtermethoden, die geeignet sind, auch alle anderen dem Staat oder indirekt der Wirtschaft missliebigen Inhalte zu überwachen und sperren. Das setzt zwar auch ein Zeichen, aber es geht eben dabei nicht um die Verfolgung von Kinderpornographie, sondern um die Installation flexibler staatlich kontrollierter Überwachungssysteme. Heute Kinderpornos filtern (was in meinen Augen zu 100% nutzlos ist, weil für Interessierte trivial umgehbar und das Problem nicht an der Wurzel packend), morgen Musikdownloads und Filme (Forderungen von Industrielobby und Politikern liegen bereits vor), übermorgen Andersdenkende. Ihr wisst, was ich meine: Der Begriff dafür nennt sich Zensur. Stoppt den Überwachungsstaat und investiert die kosten und Mühen lieber in die Suche nach den Tätern. Das meint auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter zum Thema: Man müsste das Internet schon ganz abschalten, um wirksame Zugangsbeschränkungen zu etablieren. Das liest sich im Anreißer so, als wäre das deren Wunschtraum, aber so ist es nicht gemeint.

Hier hatte ich einen polemischen Gegenvorschlag verfasst, aber dann doch nicht veröffentlicht, weil er die Message ins Lächerliche gezogen hätte.

P.S. Ich schreibe in letzter Zeit zu viel mit dem Tag Aktivismus, das gefällt mir nicht und ist ärgerlich und langweilig. Sorry, aber momentan tut sich an der Front viel, also schreibe ich auch dazu.

P.P.S. Dass ich den Internet-Jugendschutz in Deutschland für zu streng und vor allem weltfremd halte, hat sich nicht geändert. Die Anforderungen an Jugendschutzsysteme sind viel zu hoch, was zum Ergebnis hat, dass Erwachsenenangebote sich völlig aus dem deutschen Rechtsbereich zurückziehen und am Ende ganz ohne Jugendschutz bleiben. Na super, viel erreicht. Und die Idioten, die legal in Deutschland bleiben, müssen ihre Kunden mit komplizierten und teuren Verifikationssystemen abschrecken. Da gibt es auch einen passenden Kampfbegriff für: Inländerdiskriminierung.



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23 01 2009
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Weblog: Webwriting-Magazin - vom Publizieren und Kommunizieren im Internet
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