Aber wenn nur ein Kind…

05 08 2009

Immer wieder bekommt man in der Zensurdebatte als Argument für Netzsperren gegen Kinderpornographie das gleiche dumme Argument zu hören: Wenn durch die Netzsperren nur ein Kind weniger missbraucht wird, dann hat sich das ganze gelohnt! Mir fällt wirklich kein dümmeres Argument ein als dieses. Sollte man diesem Argument konsequent folgen, wäre exakt alles erlaubt, um Kindesmissbrauch zu verhindern. Alles, was auch nur im entferntesten dazu beitragen könnte, wäre in Ordnung. Eigentlich brauche ich nicht weiter schreiben, denn jeder kann sich selbst ausmalen, was man denn dann alles tun könnte und konsequenterweise auch müsste. Trotzdem ein Beispielezur Verdeutlichung, was ich meine:

Diesem Argument folgend müsste man also in jede Wohnung eine Kameraüberwachung durch die Polizei installieren oder noch besser direkt 24 Stunden am Tag einen Polizisten ausnahmslos jedes Kind begleiten lassen. Wobei… dem Argument folgend kann man auch der Polizei nicht trauen, also lässt man jedes Kind stets von zwei Polizisten begleiten, die sich alle Nase lang abwechseln. Nicht, dass es noch Absprachen gibt.

Verdammt, macht Euch doch mal frei von diesem Verfolgungswahn und macht Euch frei vom Gedanken der totalen Sicherheit. Die wird es nicht geben, nie und nimmer. Und damit muss man einfach klar kommen. Niemand möchte, dass irgendwo Kinder missbraucht werden. Man wird es aber leider nicht verhindern können, so sehr man sich auch anstrengt.

OK, aber warum finde ich das Argument so dämlich? Wenn die Netzsperren doch vielleicht dabei helfen? Das Argument an sich ist in meinen Augen schlicht und einfach ungültig, weil es auf alles passt. Ein Totschlagargument, auch wenn ich den Begriff nicht mag. Wer auf so eine Argumentation zurückgreift, hat sonst nichts vorzubringen oder ist rein emotional gesteuert. Neulich kam eine Freundin mit genau diesem Argument und hatte Wasser in den Augen stehen, weil Kindesmissbrauch sie so wütend und betroffen macht. Emotional zu argumentieren funktioniert in einem echten Diskurs aber nicht, denn die nüchterne Logik ist dabei ausgeblendet, und ohne Logik funktioniert kein Diskurs.

Aber was, wenn doch ein Kind vor Missbrauch bewahrt wird durch die Netzsperren? Ganz ehrlich: Wieso sollte jemand, der Kinder missbraucht, damit aufhören, weil jemand im Web vor möglicherweise davon angefertigten Aufnahmen einen Vorhang zieht? Mir ist die Kette nicht ganz klar, die hier herbeigewunschdenkt wird. Es ist reine Spekulation, dass eine solche Sperre irgendeinen Effekt auf den Tausch von Kinderpornographie hat und erst recht ist es reine Spekulation, dass sie einen Effekt auf die Zahl der Missbrauchsfälle hat. Meine Gegenthese hatte ich hier im Blog schon mal aufgestellt: Was, wenn durch das ganze Gerede um das Gesetz Leute erst auf die Idee gekommen sind, sich mal Kinderpornos anzugucken?

Das alles ganz davon abgesehen, dass nur ein minimaler Anteil aller getauschten kinderpornographischen Bilder im Web (also das, was man im Browser aufruft und worauf sich die Sperren beziehen) auftaucht. Die Strafverfolger sagen recht einhellig, dass der weit überwiegende Großteil per Post transportiert wird. Und jetzt kommt der Sprung zur dummen Argumentation: Wenn der Großteil der Kinderpornos per Post transportiert wird, wäre es dann nicht unsere Pflicht, das Postgeheimnis aufzuheben, wenn dadurch nur ein Kind…? Ich denke es ist klar geworden, wie unsagbar dumm diese Argumentation ist.

P.S. Noch jemand, der mit diesem Argument um die Ecke kommt, ist Nora Reich von den Grünen (hier das Video ihrer Rede auf YouTube). Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihren unfassbar stotterigen Vortragsstil peinlicher finde oder ihre 100%ige Wiedergabe der #Zensursula Argumentation. So oder so, es scheint nicht wenige Grüne zu geben, die dieser Argumentation folgen. Und wer wird es ihnen verübeln, fühlen sie doch in ihrem Herzen, dass was getan werden muss. Denn wenn nur ein Kind…, ihr wisst schon.

P.P.S. Ich wiederhole mich, aber es muss noch mal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Es geht hier um die Einrichtung einer Infrastruktur zur Zensur des World Wide Web. Kinderpornographie ist nur die Einstiegsdroge gewesen, denn inzwischen fordert auch Frau von der Leyen selber eine Diskussion über die Ausweitung der Sperren auf andere Inhalte. Aktuell im Angebot: Nazis, Hass, Killerspiele und – Überraschung! – Urheberrechtsverletzungen. Letzteres dürfte übrigens das Hauptziel sein, denn die Musikindustrie kam mit genau dieser Idee schon vor fast zehn Jahren. Jetzt, wo das Fass offen ist, sollten wir uns also schnell vom Glatteis der Kinderpornodiskussion herunter bewegen und Tacheles reden: Es geht nicht um Kinderpornos. Leute, lasst Euch doch nicht verarschen.

P.P.P.S. Ich werde hier nicht alle meine Inhalte wiederholen. Unter diesem Artikel gibt es eine Liste von Schlagwörtern, auf die man draufklicken kann. Unter dem Schlagwort "aktivismus" finden sich eine Menge vorhergehender Artikel zum Thema. Bevor man mich also volllabert, sollte man da mal nachlesen, was ich bereits geschrieben habe.

Nachtrag: Wer immer noch abstreitet, dass hier eine Zensurinfrastruktur für das Web aufgebaut wird, hat scheinbar die Nachrichten nicht gelesen, etwa bei heise.de (auch wenn das Familienministerium dementiert, muss man das aus dem Wortlaut des Interviews doch entnehmen). Aber Frau von der Leyen ist in bester Gesellschaft mit Überlegungen zur Ausweitung der Sperren, andere fordern ganz direkt und unverblümt die Ausweitung auf die oben genannten Themenfelder.



Trackbacks


Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)
05 08 2009
#1 Eberhard (Antwort)

Ich glaube nicht, daß es hier um die Einrichtung einer Infrastruktur zur Zensur des World Wide Web geht. Aber selbst wenn: wäre das so schlimm?

Schau mal, ich habe schon gelebt, da gab es noch kein WWW. Und ich habe viele Briefe geschrieben, mit Freunden geredet, ganz ohne Computer und Internet. Und die Welt früher war auch nicht schlecht.

Wenn Dich die Zensur im WWW stört, dann benutz es einfach nicht mehr. Ich werde das vielleicht auch bald so machen. Die Welt wäre besser ohne Internet.
06 08 2009
#1.1 Msfit (Antwort)

Mir steht gerade der Mund offen, ob deiner Aussage.

Einmal abgesehen davon, dass das Kinderporno-Argument nur zu augenscheinlich vorgeschoben ist, denn es gibt erfreulicherweise bereits genug Gesetze, die da greifen, verstößt Zensur, in welcher Form auch immer, gegen §5 des Grundgesetzes.

Zusammengenommen mit der, seit 1. Januar 2008 eingeführten Vorratsdatenspeicherung, werden hier in nicht hinnehmbarem Maße Möglichkeiten geschaffen, die Grundrechte jedes Bürgers zu beschneiden.

Wenn du damit leben kannst, dass deine gesamte Kommunikation protokolliert wird, dann ist das dein Privatvergnügen - Frage am Rande: Verschickst du deine Briefe auch brav ohne Umschlag? - aber denk bitte einmal darüber nach, wie du dazu stehst, wenn jemand nicht nur genausten über deine gesamte Kontakte Bescheid wüsste, sondern auch noch bestimmen könnte, was du liest, welchen Hobbies du nachgehst und für welche Inhalte du dich interessieren darfst.
Stelle dir einfach einmal vor, du gingest zum Zeitschriftenhändler, um dir deine Lieblingszeitschrift zu holen, und statt ihrer würdest du nur ein Stoppschild vorfinden.
Oder dich würden ein paar Herren zu einem Gespräch abholen, weil du dich auf der Straße mit einer zweifelhaften (Definition nach Belieben) Person unterhalten hast oder ein missliebiges Buch oder die falsche Zeitung gelesen hast.
Oder weil du einfach deine Meinung öffentlich kundtust.

Nein, Zensur ist ja halb so schlimm und betrifft ja nur die Internet-Heinis...
Wer brauch schon die Grundrechte?
06 08 2009
#1.1.1 Gregor Nathanael Meyer (Antwort)

Bitte nicht die Trolle füttern.
06 08 2009
#1.1.1.1 Misfit (Antwort)

@ Gregor Nathanael Meyer

Verzeihung, war gestern schon spät und es war ein Reflex. Passiert mir sonst eigentlich nicht.

Aber warum das strapzierte Kinderporno-Argument wirklich sehr klug gewählt wurde, zeigt heute auch lawblog auf:
Ein Quantum Ehrlichkeit.

Neben der Emotionalisierung in der öffentlichen Diskussion, setzte man so geschickt auch auf die Angst der Koalitionspartner vor der Yellow Press.
06 08 2009
#1.1.2 Eberhard (Antwort)

Du hast meinen Kommentar nicht richtig gelesen. Ich habe *nicht* gesagt, daß ich für Zensur bin. Ich habe *erstens* gesagt, daß ich nicht der Meinung bin, daß diese Kinderporno-Dings zu einer Zensur des Internet führt. Und ich habe *zweitens* gesagt, daß die Welt ohne Internet ein besserer Ort wäre.

Du bist wahrscheinlich internetsüchtig, und Deine Kommunikation spielt sich nur noch im Netz ab, deswegen reagierst Du auf diese These so allergisch. Fahr mal in Urlaub und nutze ein paar Tage lang kein Internet. Ich hab das neulich auch gemacht. Das tut gut!

Kommentar schreiben


Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
BBCode-Formatierung erlaubt