Das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets

30 10 2009

Martin Weigert antwortet auf netzwertig.com auf die Frage, wie man das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets beschreiben kann mit der Feststellung, dass schon die Frage falsch gedacht ist:

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes jenseits vom Internet. Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der realen Welt unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Das ist so treffend formuliert, dass es mir einen eigenen Blogeintrag wert ist. Das Internet ergänzt das Leben quasi um eine Metaebene. Der Gedanke, dass man sich jetzt ins Netz einwählt, dort etwas tut, als wäre es ein eigener Ort, als würde man dorthin verreisen und danach von dort zurückkehren, ist so unglaublich naiv gedacht. Sowas kann nur von Menschen kommen, deren Zugang zum Netz über Bin ich schon drin, oder was? in den letzten zehn Jahren nicht wirklich hinausgekommen ist. Dass man sich mit so einer ahnungslosen Anfänger-Attitüde überhaupt noch auf das Parkett der breiten Öffentlichkeit traut, liegt einzig und allein daran, dass man noch in bester Gesellschaft ist. Nichts gegen Anfänger, jeder fängt mal klein an, die Frage ist aber, ob man sich dann unbedingt ahnungslos stolpernd in dieser Größenordnung äußern muss. Ich würde mich in jedenfalls Grund und Boden schämen, wenn ich mich auf bundespolitischer Ebene so naiv etwa zum Thema Finanzmarkt äußern würde. Ein schönes Beispiel für peinlichst ahnungsloses Geqautsche leiferte zuletzt Frau Zypries mit ihrem Google-SMS-Gestammel ab.

Nun darf man natürlich hoffen, dass sich diese Leute rauswachsen, das werden sie auch sicher tun. Aber in der Zwischenzeit werden sie noch so viel kaputt machen mit ihrem Bestreben, das Internet zu bekämpfen. Das Internet geht nicht wieder weg und es wird sich auch ganz sicher nicht mehr zurückziehen und sich seine Nische suchen neben Zeitungen und Fernsehen. Es durchdringt die Gesellschaft um Klassen tiefgreifender und revolutionärer als das etwa der Buchdruck getan hat, eben weil es einen universellen Ansatz verfolgt. Es ist OK, sich da raus zu halten. Aber dann sollte man sich auch nicht einmischen. Ich lese keine Tageszeitung, hab ich noch nie getan. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil ich weiß, dass in Zeitungen viele gesellschaftlich wichtige Dinge drinstehen. Aber ich ziehe aus diesem Umstand nicht den Schluss, dass man Gesetze zur Eindämmung der gemeinen Zeitung erlassen muss. Ich finds doof, deswegen ist es doof und deswegen gehört es bekämpft. Was für ein hirnverbrannter und selbstverliebter Ansatz ist das denn bitte?

Und weil noch zu viele Leute so drauf sind, haben die Piraten eine gesellschaftlich so wichtige Funktion als Korrektiv und Denkanstoßgeber. Diese Funktion haben sie bisher großartig ausgeübt. Ohne eine so aufstrebende Jungpartei würden diese Themen in Zeit, Spiegel, FAZ und Co. noch immer keine echte Beachtung finden. Allein durch die Anwesenheit der Piraten als Manifestation der schon zuvor zu erahnenden gesellschaftlichen Umwälzung wird plötzlich recht offen über das Thema Informationsgesellschaft geredet. Erst seit jemand in der breiten Öffentlichkeit aufgetaucht ist, der offenbar beim Thema Informationsgesellschaft echtem Expertentum eine laute Stimme gibt, wird es zunehmend peinlich, sich ahnungslos zu äußern. Zumindest fällt die Peinlichkeit naiver Äußerungen dadurch immer mehr Leuten auf, was sich irgendwann auch rückkoppeln wird und die Anfänger sich vorsichtiger äußern lassen wird. So zumindest meine Hoffnung.



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Kommentare

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13 11 2009
#1 Manfried (Antwort)

Guter Punkt mit der Durchdringung des gesamten Lebens.

Aber in zwei Punkten möchte ich Deinem Post widersprechen:

1. Nicht jeder der keine Ahnung vom Netz hat, bekämpft es gleich. Genauer gesagt, kann ich Dir in Deinem Bogen von Tichy zu Zypries nicht folgen.

Der eine läßt durch seine Frage erkennen, dass er die Dimension der Umwälzung nicht voll erfasst.

Die Andere maßt(e) sich an, den juristischen Rahmen dieser Umwälzung zu setzen. Und ist dann offenbar auch noch renitent und beratungsresistent, während sie Ihre Ahnungslosigkeit auf großer Bühne präsentiert.
Das tut nicht nur inhaltlich sondern auch (politik-)handwerklich weh.

Trotzdem möchte ich diese beiden Positionen nicht vermengen - schon gar nicht unter dem Label "Internet bekämpfen".

2. Schön, dass Du Zeitungen nicht reglementieren und verbieten möchtest.
Trotzdem hinkt der Vergleich. Zeitungen sind als hierarchische Gebilde verhältnismäßig leicht zu kontrollieren und davon wird nicht wenig Gebrauch gemacht.

Andersrum gesagt:

Dass in der ersten Reihe ahnungslose Tölpel mit negativer Lernkurve rumtönen, lässt einen den Gegner unterschätzen.

Die Netzfeindlichkeit gibt es auch unter ernstzunehmenden Menschen. Die erkennen die Dimensionen der demokratisierung von Information und Publikation durchaus. Und fürchten den dadurch entsandenen Kontrollverlust.

Diese Generationen sind aufgewachsen mit der Sicherheit, immer einen Verantwortlichen anzutreffen und im Zweifellsfall einzubremsen / zum Schweigen zu bringen.
Sie sind in diesem System in Ihre Positionen gewachsen. Hier mal einen Meinungsbildner korrumpieren (meist reicht Nähe und Ego-Aufwertung). Dort mal draufhauen und einschüchtern oder direkt die Lobbyisten die Drecksarbeit machen lassen.

Da kann ich gut verstehen, dass diese Leute um Ihren Arsch beziehungsweise das System fürchten. Und sie sind nicht mächtig weil sie doof sind, oder gesellschaftliche Strömungen nicht erkennen.

Deshalb: Ich teile Deine Einschätzung über die Rolle der Piraten als Sprachrohr, Ansprechpartner und messbare Größe.
Aber ich erhoffe mehr von ihnen als einen Kompetenzaufschwung in der Debatte.

mam
13 11 2009
#1.1 Nathanael (Antwort)

Sicher hinkt der Vergleich mit den Tageszeitungen. Ich gehe aber immer gerne von mir aus, wenn ich mich zu etwas äußere, deswegen habe ich das Beispiel gewählt. Für andere Gruppen sprechen, denen man nicht angehört ist immer unzutreffender, als eigene Erfahrungen/Einstellungen zu formulieren. Du hast aber Recht mit der Ausweitung auf netzfeindliche Menschen, die in voller intellektueller Kraft gegen das Netz kämpfen. Das Fass wollte ich nur nicht (schon wieder) aufmachen, weil ich ja eigentlich über das Lebensgefühl der Piraten schreiben wollte.

Von solchen Kommentaren hätte ich übrigens gerne mehr.

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