Aufregung über den Amazon Cyber Monday

30 11 2010

Gestern war bei Amazon der Cyber Monday, dabei wurden den ganzen Tag über insgesamt 30 Produkte zu unfassbar niedrigen Preisen angeboten. Nun brodelt der Volkeszorn und das ganze scheint Amazon heftig auf die Füße zu fallen. Doch warum eigentlich?

Kommen wir zuerst zu Amazons Fehlverhalten. Ich selbst habe (wie offenbar sehr viele andere) in dem Moment auf den Kaufen-Button geklickt, als er pünktlich zur vollen Stunde erschien und bin trotzdem leer ausgegangen. Dabei fiel auf, dass direkt nach meinem Klick ein AJAX-Request abgeschickt wurde, der anfangs immer mit einer 503er Fehlermeldung beantwortet wurde. Während unter dem Produkt für bis zu einer halben Stunde "Angebotsstatus wird geprüft" stand, wurde dieser AJAX-Request ca. alle 30 Sekunden wiederholt und enthielt (wenn er erfolgreich war) unter anderem jeweils den Verfügbarkeitsstatus des jeweiligen Produktes. Dort habe ich zwischenzeitlich bei mehreren Produkten einen Verkaufsstatus von um die 70% gesehen, bekommen habe das Produkt trotzdem nicht. Scheinbar war gar nicht das schnelle Klicken entscheidend, sondern, dass man einen Klick gemacht hat, der zufällig nicht gerade mit einem Überlastungsfehler beantwortet wurde. Warum nach meinem Klick 70% gemeldet bekommen habe, aber trotzdem leer ausgegangen bin, ist dann natürlich eine spannende Frage. Das ist aber gar das Problem, denn dass bei diesen Preisen Amazon nicht unerheblich draufzahlt, ist offensichtlich. Es ist also durchaus verständlich, dass Amazon da nicht größere Mengen von raus haut.

Was man Amazon aber sehr wohl vorwerfen kann, ist die mangelde Transparenz. Dass es sich hier um ein Lockvogelangebot handelt, hätte klar kommuniziert werden müssen. Hätte Amazon klar gesagt, dass es nur ein Kontingent von 10 oder 50 oder wieviel auch immer vom jeweiligen Produkt gibt, wäre jedem klar gewesen, dass es sich hier um ein reines Glücksspiel handelt. Tatsächlich aber wurde der Eindruck eines zwar bahnbrechend billigen, aber eben doch konventionellen Schnäppchenangebotes erweckt. Und für Schnäppchenangebote gelten in Deutschland strenge wettbewerbsrechtliche Regelungen, was die Verfügbarkeit der Angebote angeht. Media Markt, Saturn und Konsorten haben schon das ein oder andere gerichtliche Scharmützel in eben diesem Problemfeld geführt und eins ist klar: Lockvogelangebote, die nur einen nicht signifikanten Anteil der interessierten Kunden bedienen können, sind einfach nicht drin. Ich bin gespannt, ob jemand Amazon da rechtlich ans Bein pinkeln mag, aber verdient hätten sie es allemal.

Doch nun zu den wütenden Schnäppchenjägern. Es widert mich einfach an, wie mimosenhaft immer herumgeheult wird, wenn man bei einem Superschnäppchen mal leer ausgeht. Die Anspruchsdenke, die dahinter steckt, ist einfach peinlich. Es scheint so, als ob sich jeder Hinz und Kunz bereits in Besitz der günstigen Ware sieht, sobald der Preis bekannt ist. Auch wenn man Amazon mangelnde Transparenz vorwerfen kann und ein ordentlicher Frust durchaus verständlich ist, ist Captain Obvious hier einfach nicht zu übersehen: Bei 222€ für ein Motorola Defy (statt 310€ nächstbilligstem Preis bei Geizhals) und 180€ für eine Playstation 3 (statt sonst 300€) muss jedem sonnenklar sein, dass Amazon da ordentlich draufzahlt und nur sehr geringe Stückzahlen von anbieten kann. Man hätte bei der riesigen medialen Aufmerksamkeit um den Cyber Monday wahrscheinlich auch einfach Lotto spielen können. Man versucht es also mal, rechtet aber sowieso damit, leer auszugehen. Kein Grund, sich riesig aufzuregen, aber diese Schnäppchenjägermentalität schaltet offenbar die Vernunft aus.

Um das zusammenzufassen: Amazon hat sich den Shitstorm zwar redlich verdient (das hätte denen auch vorher klar sein müssen) und sollte durchaus auch angemessenen rechtlichen Ärger bekommen, aber den peinlich übertriebenen Schnäppchenjäger-Volkeszorn legitimiert das einfach nicht. Seinen Frust mitteilen, klar, aber öffentliche Boykottankündigungen sind an Peinlichkeit kaum noch zu toppen. Noch besser sind nur noch die Leute, die den betroffenen Produkten deswegen eine schlechte Bewertung geben. Als ob die Produkte da etwas für könnten.

JMStV, Atommüllprobleme, S21, diesen Wursttypen ist das alles egal. Aber wenn sie mal ein Schnäppchen nicht bekommen oder 1¢/kWh mehr für ihren Strom ausgeben sollen, ist die Aufregung groß. Was mich daran so stört, ist dieser kleingeistige Egoismus. Um mal auf Amazon zurückzukommen: Leute, die sich über entgangene Schnäppchen echauffiert haben, wählten auch CDU. Oder so, ihr wisst hoffentlich, was ich sagen will.



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Kommentare

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08 12 2010
#1 SD (Antwort)

Hi,
fand den CyberMonday auch etwas enttäuschend im Allgemeinen, hatte aber dennoch Glück bei dem Artikel, für den ich anfangs abgestimmt hatte (>50% auf ein neues PS3-Spiel).
Produkt war nach 1 TAg da.
Perfekte Aktion ;-)
17 12 2010
#2 Bernhard (Antwort)

@Gregor: Hier muss ich aber auch mal eine Lanze für die CDU wählenden "Wursttypen" brechen. Wie Du selbst sagst, war die ganze Aktion nicht gerade transparent. Und als solches hat es sich für die meisten Teilnehmer, die diese Art Angebot vorher noch nicht kannten (mich eingeschlossen), als normales zeitlich begrenztes Schnäppchen-Angebot dargestellt. Und als man dann trotz pünktlicher Teilnahme das Angebot nicht wahrnehmen konnte, war man natürlich enttäuscht. Manch einer wurde sogar mehrfach am Tag enttäuscht. Natürlich ist es nicht richtig das Produkt dafür negativ zu bewerten und Amazon hat diese Bewertungen wohl auch schon wieder entfernt, aber auf der anderen Seite fehlt jede Möglichkeit einer direkten Bewertung des Lockvogel-Angebots auf der Website. Und da scheint es nur naheliegend, dass ein enttäuschter Kunde, der keine Lust hat eine Stelle zu suchen, wo er den Cyber-Monday kommentieren kann, die Produktseite nutzt. Ja, es war nicht richtig, aber nachvollziehbar.

Als ehemaliger Stuttgarter bin ich übrigens für S21. Die Veränderungen sind unbedingt notwendig für die Zukunft von Stuttgart im europäischen Eisenbahnverkehr. Ich mag die Atommüllgegner nicht mehr jammern hören. Mancher Fachmann macht ja tatsächlich sinnvolle Alternativvorschläge (etwa Solaranlagen in Nordafrika). Aber die meisten sind nur Mitläufer oder Dauernörgler, die keine brauchbaren Alternativvorschäge parat haben. Und genau aus dem gleichen Grund boykottiere ich bis jetzt jeden Aufruf wegen des JMStV. Schon dutzende Freunde haben mir über Facebook eine Teilnahme an einer Online-Petition nahe gelegt, aber keine hatte eine sinnvolle Begründung dabei. Und ich bin eben kein Mitläufer. Ich mache gerne mit, wenn mir mal einer sagt, warum und was es für Alternativvorschläge gibt.

Im übrigen wähle ich keine CDU.
17 12 2010
#2.1 Gregor Nathanael Meyer (Antwort)

Zum Cyber Monday: Ich hatte ja geschrieben, dass es verständlich ist, wenn man enttäuscht ist. Ich kritisiere aber die Art der Kommunikation dieser Enttäuschung. Und zudem ganz allgemein die riesen Welle, die viele Leute machen, wenn sie mal bei einem Superschnäppchen leer ausgehen.

S21: Da Ärgert mich die Gleichgültigkeit. Scheiß egal, wie man zum Bahnhof an sich steht, was da im Umfeld passiert ist (friedliche Demonstranten niederprügeln, Verschweigen der echten Kosten, Verarschung der Bevölkerung nach Strich und Faden), ist ne krasse Sache. Der Wursttyp an sich zuckt aber nur mit den Schultern und schiebt das iPhone auf dem Wunschzettel nach ganz oben.

Atomkraftgegner: Castoren schottern hin oder her, das Atommüllproblem ist da und signifikant. Und der neuerliche Atomdeal ist eine Sauerei (das bisherige Ausstiegsszenario sah ja auch keine sofortige Abschaltung vor). Auch hier ist es mit einem Schulterzucken nicht getan, auch wenn man keine Alternative parat hat. Bzw. lautet die Alternative ja offensichtlich, die Laufzeiten nicht zu verlängern. Ich würde sogar sagen, dass das keine Alternative ist. Die Laufzeitverlängerung ist die Alternative und die wird abgelehnt. Wenn man etwas neu dazukommendes verhindern will, muss man keine neue Alternative anbieten, wenn der bisherige Stand tragfähig ist. Sich aus einer für alle wichtigen Thematik rauszuhalten, mag bequem sein, jeder mag auch seine Gründe haben. Aber eine Ablehnung abzulehnen, weil die meisten Ablehner keine Argumente auf dem Tisch legen, bringt einen argumentativ nicht nach vorne. Immerhin gibt es Argumente genug. Vielleicht findet man die nicht stichhaltig und ist deswegen anderer Meinung als "die Masse", aber dann hat man ja eine fundierte Meinung, was einen gerade vom Wursttypen unterscheidet.

Ähnliches gilt für den JMStV. Ich weiß nicht, was Du für Freunde hast, aber mir sind die Argumentationen nur so um die Ohren geflogen, warum und inwiefern der JMStV totaler Bullshit ist. Man muss auch einfach mal Quellen lesen, nicht jede Argumentation passt in 140 Zeichen. Und da sind wir wieder beim Wursttypen: Der ist schon zu bequem, bei irgendeinem gesellschaftlich relevanten Thema mal ein paar Absätze zu lesen und sich halbwegs objektiv zu informieren. Da muss die BILD halt reichen oder im Zweifel wird ein Thema ganz ignoriert, mit den Schultern gezuckt und weiter konsumiert.

Ich kritisiere keine fundierten Meinungen an sich, ich kritisiere das raumgreifende egal sein lassen. Da wird die Meinungsbildung bei gesellschaftlich relevanten Themen auf die Lektüre der BILD-Titelzeilen oder die Aussage von Politikern gestützt, die beide ja bekannt sind für ihre ausgeglichene und neutrale Inkenntnissetzung des Bürgers.

Jetzt klinge ich schon wie meine Lehrer früher, die die Wichtigkeit den Zeitunglesens hochgehalten haben und dabei oft fatal verkannten, dass sie eigentlich nicht die Handhabung von gedruckten Texten auf Altpapier meinten, sondern eben das abstrakte Interesse am gesellschaftlichen Zeitgeist. Das hätte man dann auch mal so formulieren können, wäre vielleicht auf mehr Verständnis unter den Schülern gestoßen, vor allem, weil die in den hiesigen Haushalten vorhandene Rheinische Post wohl eher nicht so recht für diesen Zweck geeignet ist.

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