Sven Regener regt sich auf und ich auch

22 03 2012

Sven Regener hat an sich Recht, irgendwie, in diesem wütenden Radiomitschnitt. Aber er redet am eigentlichen Problem galant vorbei und verwechselt hier und da das ein oder andere.

Beispiel: YouTube zahlt nichts an die Künstler? Das sieht die ein oder andere Plattenfirma sicher ganz anders. Vielmehr gibt es einen Einigungsstau in Deutschland zwischen GEMA und YouTube, während in anderen Ländern die Künstler (bzw. die Plattenfirmen) schon fleißig Geld mit YouTube verdienen. Aber hört Euch seinen Ausbruch ruhig mal unvoreingenommen und in voller Länge an.

Schade, dass Regener offenbar inzwischen so alt geworden zu sein scheint, dass er nicht mehr so recht überblickt, worüber er sich da aufregt. Vielleicht verdient er ja auch selber nichts mehr und schließt daraus, das alles scheiße geworden ist. In dem Fall würde ich empfehlen, mal wieder ein so fantastisches Album wie die vorletzten beiden zu machen statt so einer haarsträubenden Scheiße wie "Fremde Federn", dem unerträglichsten Album, das ich seit Jahren gehört (bzw. vielmehr durchgeskippt) habe. Mit Scheißmucke verdient man nämlich in der Tat kein Geld. Aber das ist Polemik.

Denn eigentlich kann ich bei mir und in meinem Umfeld in den letzten Jahren eine klare Tendenz in Richtung wieder für Musik bezahlen sehen, übrigens gerade unter denen, die Piraten wählen. Spotify und Co., last.fm Premium, iTunes, Amazon MP3 und so weiter: Ich und wahrscheinlich die meisten der Leute um mich herum haben in den letzten zwei, drei Jahren wieder Größenordnungen an Geld in Musik gesteckt, wie seit ihrer Teenagerzeit nicht mehr. Und dann kommt da so ein Regener und tut so, als würde keiner Kohle für Musik abdrücken wollen. Das war mal so, eine Zeit lang, als es einfach keine akzeptablen Angebote gegeben hat, wo man seine Kohle hätte reinwerfen können: Entweder gar keine digitale Distribution oder mit DRM vermint, dann doch lieber gesaugt. Inzwischen ist das anders und – Überraschung! – die Leute bezahlen ja doch, wenn man sie lässt. Und das, obwohl sie in der Zwischenzeit vom Apfel der kostenlosen Verfügbarkeit genascht hatten, denn die Leute haben doch offenbar genug Problembewusstsein bzw. verhalten sich anständig, wenn man ihnen angemessene Angebote macht. Da sollte man anknüpfen, statt rumzuheulen, dass YouTube nicht die offensichtlich überhöhten Forderungen der GEMA bezahlen möchte. Das Gesellschaftsbild, was er da zeichnet, ist maßlos – je nach Sichtweise – übertrieben oder überholt, jedenfalls nicht zutreffend.

Überhaupt: So zu tun, als würde YouTube alleine das ganze Geld einsacken, das sie mit anderer Leute Musik macht, ist eine reichlich dreiste Behauptung. Wäre es anders, würden die Plattenfirmen sicherlich eher nicht freiwillig ihren "Content" dort einstellen. Sven Regener hat da keinen Bock drauf und stellt seine Videos lieber kostenlos auf seiner eigenen Website ein. Seine Entscheidung, aber seiner Argumentation nicht gerade dienlich, denn damit verzichtet er aktiv auf YouTube-Einnahmen. Nur, um sich zu beschweren, dass er als Künstler mit YouTube kein Geld verdient. Oder was?

Und dann diese tumbe Milliardenkonzern-Rhetorik, das ist doch kein Argument. Das ist eine Forderung, dass Google doch bitte YouTube aus anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren möge. Übertragen auf die Musikindustrie entspricht das in etwa der Forderung, Sony möge doch die Musiksparte unprofitabel betreiben und aus seinen anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren, denn da verdienen die ja genug, gar Milliarden! Die Schweine!

Ich kaufe Musik, die ich gut finde (als MP3 ohne DRM). Und ich bezahle zusätzlich für last.fm Premium und einen Streamingdienst (zur Zeit Spotify), wo ich Musik höre, die ich mir nicht kaufen möchte, weil sie mir so viel nicht oder noch nicht wert ist. Gelegentlich wird mir Musik, die ich dort kennengelernt habe so viel Wert, dass ich sie kaufe. Die Kohle kann die Plattenfirma mitnehmen oder es bleiben lassen, weil es ihr zu wenig ist. Musik, die bei den Streamingdiensten nicht auftaucht – und das ist unerfreulich viel – sauge ich weiterhin, bevor ich sie blind kaufe. Denn leider habe ich mich über etwa die Hälfte meiner Alben-Blindkäufe ernsthaft geärgert. Also keine Blindkäufe mehr, sondern erst ernsthaft reinhören und dann löschen oder kaufen. Das ist mein Verständnis von Fair Use und das hat in meinen Augen den nötigen Anstand, den Herr Regener einfordert.

Abschließend stellt sich mir die Frage, was Herr Regener denn eigentlich will? Dass YouTube einen Anteil seiner Einnahmen an die Verwerter abgibt? Ist längst der Fall. Dass YouTube-Einnahmen bei den Künstlern ankommen? Ist eher ein Problem zwischen Verwertern und Künstlern. Dass YouTube sich mit der GEMA einigt? Da sehe ich das Problem gemessen an den erfolgten Einigungen in anderen Ländern eher auf der Seite der GEMA. Dass die Leute wieder für Musik bezahlen und nicht asozial bei Megaupload saugen? Ist auch längst in einem tragbaren Maße der Fall, denke ich, aber allemal geht die Tendenz klar in die richtige Richtung. Dass die Gesellschaft die Künstler nicht aus dem Auge verliert? Da sind wir uns sicher alle einig, deswegen besteht das Problem in meinen Augen auch eher in der Angstfantasie von Herrn Regener als in der Realität. Also regen Sie sich ab, Herr Regener.



Trackbacks


Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)
Noch keine Kommentare

Die Kommentarfunktion wurde vom Besitzer dieses Blogs in diesem Eintrag deaktiviert.