Den Rumpf dieses Beitrags habe ich vor etwa zwei Jahren geschrieben und seitdem vergessen. Jetzt habe ich das mal zu Ende formuliert.


Mein Leben lang habe ich mich immer wieder über Frauenquoten geärgert, Zeit mal ein paar Gedanken nieder zu schreiben. Wo fange ich an? Für mich als Mann bedeutet eine #Frauenquote ganz allgemein eine praktische Diskriminierung nach Geschlecht: Wo immer eine Frau durch die Quote bevorzugt wird, wird gleichzeitig ein Mann benachteiligt. Das ist Sinn einer Frauenquote und steht erst mal im Raum, eine Frauenquote ist also vom Wesen her eine künstliche Verzerrung der Gleichberechtigung. Es müssen also wirklich gute Gründe her, die so eine Verzerrung rechtfertigen würden. Und auch ein klares Ausstiegs-Kriterium. Soweit könnte man sich schon mal einig sein, oder?

Daraus leite ich ab, dass Befürworter einer Quote in der Bringschuld sind, solche guten Gründe zu nennen. Dazu später mehr, kümmern wir uns erst mal um die Randbedingungen, zu denen eine Quote überhaupt nützlich sein könnte:

  1. Wir benötigen eine ausreichende Anzahl an Frauen, damit eine Quote überhaupt zu erfüllen ist. Oder People of Color oder Leute aus dem Queer-Bereich, was auch immer, ich rede jetzt mal exemplarisch über Frauen. Haben wir mehr quotierte Plätze als Frauen, kann es keine Selektion nach Eignung geben, jede Frau würde automatisch – weil sie eine Frau ist – zum Zuge kommen. Da sind sich sicher alle einig, dass das nicht Ziel sein kann. Wir benötigen also ein Qualitätskriterium, dass eine Frau nur bei gleicher Eignung bevorzugt wird. Dabei muss die Quote auch unerfüllt bleiben dürfen, sonst wird das Qualitätskriterium ad absurdum geführt. Ergebnis: Wir brauchen eine ausreichende Zahl an qualifizierten Frauen, die sich zudem bewerben wollen. (Randproblem: Was bedeutet eigentlich qualifiziert?)
  2. Wir benötigen einen tatsächlichen (also ausreichend nachgewiesenen oder wenigstens allgemein akzeptierten) Hemmeffekt, der Frauen daran hindert, sich a) zu bewerben oder b) (aus)gewählt zu werden. Dieser wird optional, wenn das Ziel einfach "alles egal, Hauptsache mehr Frauen" heißt. b) ist schwer nachzuweisen, also kann man darüber nachdenken, wenigstens gute Indizien für seine Nichtexistenz zu verlangen. Nichtexistenz zu beweisen ist nicht möglich.
  3. Wir benötigen einen Nachweis oder zumindest ausreichend fundierte Annahmen darüber, dass wir mit der Quote nicht die gleichen Probleme einfach nur von den Frauen auf die Männer verlagern. Das würde die Quote wieder ad absurdum führen.

Nehmen wir mal an, es besteht ein systematischer Hemmeffekt, der Frauen von einer Bewerbung abhält, wie auch immer geartet. Dieser Hemmeffekt muss schwerwiegender sein, als ein Hemmeffekt auf die Bewerbungsfreudigkeit von Männern durch eine Quotenregelung. Dieser Aspekt scheint mir in Quotendiskussionen häufig ein wenig unterzugehen: Männer schüchtern Frauen durch ihr dominantes Wesen ein und haben deswegen eine Benachteiligung durch eine Quote zu akzeptieren. Kann man so vertreten, aber das bedeutet auch: Hast du kein einschüchterndes, dominantes Wesen, bist aber dummerweise ein Mann, hast du verloren. Bist du eine Frau mit dominantem, einschüchterndem Wesen, wird es dir zu einfach gemacht, was auch nicht wünschenswert ist. Die Nachteile von zurückhaltenden Menschen gegenüber ihren dominanteren Zeitgenossen am Geschlecht festzumachen ist ein Irrweg und hier sehe ich die Idee des Post-Gender als Ausweg. Innere Konflikte (nicht trauen, etc.) taugen aus diesem Grund jedenfalls in meinen Augen absolut gar nicht als Grund für eine Frauenquote, ganz im Gegenteil sprechen sie eher dagegen.

Kommen wir zu den Hemmeffekten vom Typ b), also den externen und geschlechterspezifischen Hemmeffekten. Die meisten Effekte von Typ a) leiten sich letztlich aus – vorhandenen oder eingebildeten1 – Effekten von Typ b) ab. Das ist wichtig festzuhalten, denn daraus leitet sich ab, dass Effekte von Typ b) vorrangig zu bekämpfen sind, wenn sich daraus andere Effekte ableiten. Wir benötigen also eine nüchterne Bestandsaufnahme, ob es solche Effekte gibt. Falls ja, ist das ein Grund zu handeln. Einfach mal postulieren, dass solche Effekte da sind, halte ich nicht für zielführend und letztlich macht man sich damit nur lächerlich, wenn man aus einem unbelegten Bauchgefühl heraus grundlegende Veränderungen einfordert. #Gender ist kein Feld mit klarem Frontverlauf, umso wichtiger ist es, nicht an der nächste Biegung über unbelegte Tatsachenbehauptungen zu stolpern. Da brauchen wir nicht mal durchgeknallte Maskus für, da reicht auch jemand, der mal mit klarem Kopf die richtigen Gegenfragen stellt.

Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, wir haben nachgewiesene Hemmeffekte vom Typ b), also jemand ist tatsächlich wegen seines Geschlechts oder seiner Geschlechtsidentifikation nicht ausgewählt worden und das war auch nicht sachlich zu begründen. Das ist schwer genug zu belegen, aber nehmen wir an, das ist belegt. Und nehmen wir weiter an, da steckt eine Systematik von für den Kontext signifikanter Tragweise hinter, so dass das Arbeitsrecht oder sonstige Schiedsangelegenheiten mit zu vielen Einzelfallentscheidungen überfordert wären. Was tun? Ist die Einführung einer Quote dann nüchtern betrachtet ein geeignetes Mittel, um diesen Umstand zu beheben? Bei all den Nachteilen?

So lange ich auch darüber nachdenke und mir wohlwollend Argumente dafür anhöre, noch nie hat mich eins davon überzeugen können, dass es es wert ist, die gravierenden nachteiligen Effekte so einer Quote hinzunehmen. Ich halte eine Quote in fast allen Fällen schlicht für ungeeignet, selbst unter idealen Bedingungen. Denn: Je besser die Randbedingungen sind, umso unnötiger wird eine Quote erst. Die Quote ist ja gerade da besonders nötig, wo die Randbedingungen problematisch sind und dann ist auch die Quote besonders problematisch.

Was können wir dann tun? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Post-Gender ist noch lange nicht erreicht, aber eine Quote verfestigt in meinen Augen eine geschlechterungerechte Situation erst noch, statt sie an der Wurzel zu packen. Aus der Ecke der Berliner #Piraten kam mal ein mathematisch komplexer Vorschlag, wie man die Nachteile einer Quote minimieren kann, aber ein paar Vorteile herausholen kann. Da gab es bei einer Wahl zwei (bzw. je nach Umfeld sogar drei) Schlangen, die nach dem Paritätsprinzip zum Zuge kommen. Sowas kann man machen, aber das ändert das prinzipielle Problem nicht, dass eine Quote ein Einwirken auf ein Symptom ist und eine Verzerrung der Situation.

Ich befürchte, man wird keine allgemeingültige Antwort auf das Problem finden. Man muss jeden Einzelfall, jede Situation analysieren und eine angemessene Lösung suchen. Das geht am besten, wenn wenig rumgeschrien und grundsätzlich eingefordert wird und viel reflektiert und mit gutem Problembewusstsein verhandelt wird. Und natürlich kann man gezielt Frauen ansprechen und ermuntern (bzw. fördern), für etwas zu kandidieren. Man kann auch einfordern, dass Leute – nicht nur Männer übrigens – dumme Sprüche und Vorurteile einfach mal für sich behalten. Nehmen wir mal Konferenzen: Da kann man gezielt Leute ansprechen, die keine Rampensäue sind, was ja nach Gender-Lesart in erster Linie Frauen sein sollen. Für schlicht falsch halte ich es, gezielt Frauen anzusprechen, nur weil das dann hinterher einen geschlechtergerechten Anschein erweckt und man aus der zweiten Reihe nicht dumm angepöbelt wird. Die Bestückung der Vortragsslots auf einer Konferenz hat nun mal in der Regel gewichtigere Probleme, als ein aus gesellschaftspolitischem Selbstzweck heraus entstehender Diversity-Anspruch. Man muss ein Klima schaffen, in dem es egal ist, welchen Geschlechts oder Geschlechteridentifikation jemand ist, der auf der Bühne steht. Post-Gender muss das Ziel bleiben und eine Quote oder gezieltes Gewinnen von Frauen torpedieren dieses Ziel. In Folge 175 von Working Draft wurden viele interessante Ansätze zur gezielten Frauenförderung bei Tech-Konferenzen besprochen (ab 01:43:51), sehr erhellend.

Mir ist es übrigens nicht egal, ob auf der Bühne ein Typ oder eine attraktive Frau steht. In letzterem Fall bin ich immer ein wenig abgelenkt von Beinen oder was auch immer. Wer was anderes behauptet, hat keine Libido. Aber das halte ich für unproblematisch, weil man letztlich immer von der Person oder irgendwas abgelenkt ist und genau das ist doch das Schöne an #Diversity, dass sich diese Ablenkung irgendwann auf ein Grundrauschen reduziert. Da will ich hin.

tl;dr: Er hat Post-Gender gesagt!!

Nachtrag 04.08.2014: Da hat jemand ähnliche Gedankengänge und wird prompt in den Kommentaren angepöbelt. Lies erst mal dieses (von mir ausgesuchte und daher vermutlich tendenziell einseitige) Standardwerk und alle 10000 Quellen, bevor Du Dir eigene Gedanken zu einem Thema machen darfst. Das ist ein Musterbeispiel für die Unzugänglichkeit von Gender Studies und warum niemand bei Verstand noch mit denen reden möchte; das beruht ja auch auf Gegenseitigkeit. Und dann beschweren, dass man als Wissenschaftsdisziplin nicht ernst genommen wird.


  1. Ein besonders schwerwiegender Fehler in jeder Gender- oder Diversity-Diskussion ist es, den Opfern die Deutungshoheit zu überlassen, wer wie weit Opfer ist. Das funktioniert prinzipiell nicht und führt zu hanebüchenem Wahnsinns-Spin. Das war mir in der Form gar nicht klar, bis ich diese unglaublich aufschlussreiche Folge von Alternativlos über Trolle, Empöreria und schlechte-Laune-Lawinen gehört habe. Unbedingt für den Erkenntnisgewinn anhören, da führt kein Weg dran vorbei. 

Noch keine Kommentare

Die Kommentarfunktion wurde vom Besitzer dieses Blogs in diesem Eintrag deaktiviert.