Erstes Semester BWL-Studium an der Uni, Übung Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler. Vorne ein Assi von der Mathe-Fakultät, herablassend, bocklos, hölzern, unangenehm. Im Hörsaal um die 100 BWL-Erstsemester, herablassend, bocklos, ahnungslos, unangenehm. Ich weiß nicht mehr genau, wie es zum Eklat kam, ich meine aber, der Assi beschwerte sich, dass fast niemand seine Hausaufgaben gemacht hat. Was für ein Ansatz? 100 Leute, die endlich aus der Schule raus sind, sich ins Leben stürzen wollen, BWL ganz sicher nicht angefangen haben, um zur Begrüßung Mathe-Hausaufgaben zu machen. Der Assi war davon echt angepisst, was sich nicht besserte, als ihn ein gut gebauter und sich äußerst charmant findender Jung-FDP-Schlagende-Verbindungs-Schnösel in 3. Unternehmer-Generation darauf hinwies, dass er sich mal seinen Stock aus dem Arsch ziehen soll. Dieser Typ steht einfach auf und haut im Rausgehen so ein Ding raus. In einem Heinz-Strunk-Roman hatte er einen Pfeffer-Und-Salz-Mantel angehabt, die coole Sau.

Dieser Moment war rückblickend eine Zäsur in meiner BWL-Studiums-Lebensphase. Erstens bewunderte ich den Typen für seine #Coolness und für seinen 100% im richtigen Moment kommenden Auftritt. Dazu muss man sagen, dass ich auch nach 5 Semestern nur etwa zehn von den 300 Leuten mit Namen kannte, mit denen ich angefangen hatte, womit ich vermutlich noch über dem Durchschnitt lag.1 Da war so ein Ding allemal ein Ding. Zweitens hatte der Typ so 100% Recht, was machte ich da eigentlich? Auch für mich war der Moment zu gehen. Ich war höflich genug, um das Ende der Übung abzuwarten, aber danach war ich nie mehr da. Gegen das Establishment! Die Klausur habe ich später trotzdem ohne weitere Beschäftigung mit dem Mist (in der Vorlesung war ich schon länger nicht gewesen) bereits im 2. Anlauf geschafft. Übrigens knappstens, weil die Nachschreibklausur so viel schwerer als die Hauptklausur war, dass die Punktegrenze fürs Bestehen ziemlich genau auf meinen Wert gesenkt wurde.

In diesem Moment, spätestens, hätte ich mir eingestehen können, dass das BWL-Studium an der Uni und ich keine Freunde werden würden. Hat dann noch zweieinhalb Jahre gedauert, bis das bei mir angekommen ist, nachdem mein in dem Kontext ungesundes Pflichtbewusstsein von einer nicht ganz freiwilligen endgültigen Exmatrikulation besiegt wurde. Manchmal im Leben findet man einfach den Absprung nicht selber und eiert Jahre lang so rum, bis die Entscheidung jemand anderes für einen trifft oder unmissverständlich ausspricht. Vermutlich habe ich die Reife einfach erst erreichen müssen, früher hätte ich mich an so eine drastische Lebensentscheidung nicht heran getraut und hätte nur Kleinigkeiten geändert statt den nötigen Paradigmenwechsel vorzunehmen.

Ein wichtiger Paradigmenwechsel. In der Mathe-Übung im ersten Semester war ich immerhin schon mal so weit gekommen, wenigstens diesen Unsinn nicht mehr über mich ergehen zu lassen. So ungerne ich solchen Typen Recht gebe, aber der Typ hatte im richtigen Moment eine wegweisende Erkenntnis gehabt und diese auch mit allen anderen geteilt. Danke dafür, auch wenn ich das erst so viel Später richtig zu schätzen weiß.

Das war nicht ich, passte so gar nicht zu mir. Umso wichtiger war die Erfahrung für mich, danach war klar, was und wie ich nicht sein will. Die FH und ein cooler Studiengang mit relativ geringen BWL-Unannehmlichkeiten war dann der richtige Weg für mich, vom allerersten Tag an. Das ist mir sofort klar gewesen, als ich zur großartigen Erstsemestereinführung kam. Die BWL-Zeit war für meinen Reifeprozess trotzdem gut und wichtig, ich möchte sie keinesfalls missen. Und ich hatte meinen Spaß. In irgendeiner ultra langweiligen Vorlesung habe ich sogar mal Zeit und Kopf gefunden, über Wochen fast das gesamte Shadowrun-Regelwerk 3.01d zu lesen und zu lernen. Im 5. Semester war ich so oft und ausgiebig in Berlin, dass es sich heute noch immer wie ein Stück Heimat anfühlt.

Merke: Pflichtbewusstsein ist nicht nur eine positive Eigenschaft, für sich selbst ist es oft sogar äußerst hinderlich. Etwa wenn es darum geht, ein falsch angefangenes Studium abzubrechen. Oder sich von einer falschen Partnerin oder einem falschen Partner rechtzeitig zu trennen. Nur wer sich selbst in Frage stellt und auch die daraus abzuleitenden Konsequenzen bereit ist zu tragen, kommt auch weiter. Manchmal braucht man freilich etwas Nachhilfe. BWL ist jedenfalls mehr was für andere.


  1. Heute kann ich mich an keinen einzigen Namen erinnern, immerhin habe ich noch ein paar Gesichter vor mir. Die einzigen Namen, die ich heute noch weiß sind Leute, die ich auch vorher schon lose kannte und mit denen das Studium einigermaßen erträglich, ja eigentlich sogar ganz lustig war. 

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