Die Enttäuschung in der Wolke am Beispiel Evernote
Geschrieben von Gregor Nathanael Meyer um 12:1611 02 2011
Alles muss heute in die Cloud. Allenthalben wird einem vorgeschwärmt, was man mit den ganzen praktischen Cloud-Diensten alles tolles machen kann, vor allem in Sachen Zusammenarbeit. Nun befinde ich mich zusammen mit anderen Leuten seit einiger Zeit auf der Suche nach verschiedenen Cloud-Lösungen und erlebe eine Enttäuschung nach der anderen. Nach der Lektüre der Featurelisten scheint alles klar, unsere Anforderungen sind scheinbar abgedeckt und eine monatliche Nutzungsgebühr in bezahlbarem Rahmen scheint dafür angemessen zu sein. Dann meldet man sich an, testet das gebotene Featureset und den vorgesehenen Workflow. Kurze Kunstpause, daher der Punkt. Denn dann kommt die große Ernüchterung. Versprochene Features sind zwar irgendwie da, aber oft derart halbherzig implementiert, dass der Nutzwert gegen Null oder darunter sinkt. Wenn es denn überhaupt funktioniert und nicht wegen Serverausfällen oder wackeliger AJAX-Programmierung gerade mal wieder hakt. Ein Beispiel gefällig?
Evernote ist ein Notizverwaltungsdienst, der sich im Web und auf so ziemlich allen Plattformen automatisch synchronisiert, auf meinem Smartphone war ein Client dafür sogar schon vorinstalliert. Nun, das scheint also schon mal recht ausgereift zu sein. Tatsächlich funktioniert alles auf Anhieb, die Synchronisation klappt, die deutsche Übersetzung ist aber teilweise krude und fehlerhaft. Halb so wild. Dann geht es um das versprochene Sharing von Notizbüchern im Team und direkt läuft man in die erste Falle: Kostenlos lässt sich anderen nur Lesezugriff auf eigene Notizbücher geben, also meldet man sich zu zweit für je 5$ für einen Monat zum Premium-Abo an, wobei die Bezahlung per PayPal aus verschiedenen Gründen bei beiden fehlschlägt. Hmm, so hochprofessionell kommt uns das schon nicht mehr vor, aber trotzdem die Kreditkarte gezückt und bezahlt. Nun müssen wir die Einladungen neu verschicken, weil man nicht nachträglich von Lese- auf Schreibzugriff umstellen kann. Das könnte einfacher sein, aber auch das ist kein echtes Hindernis.
Der eingeladene bekommt eine E-Mail und gelangt über einen Link in den Gastmodus des geteilten Notizbuchs und kann dort auch Änderungen vornehmen. Gut, nun muss das geteilte Notizbuch nur noch den eigenen Notizbüchern hinzugefügt werden und wir sind glücklich. Leider sehe ich keine Möglichkeit dafür, lade die Seite also in einem anderen Browser mal neu. Dort sehe ich den Button für einen Sekundenbruchteil aufblitzen und direkt wieder verschwinden. Also ein paar mal F5 drücken und versuchen, den Link zu erwischen. Das klappt sogar scheinbar irgendwann, denn im Hauptmenü taucht das geteilte Adressbuch nun unter dem Oberthema "Geteilte Adressbücher" auf. Wir wähnen uns am Ziel, sind es aber nicht. Tatsächlich hat man nun nur einen Link zum Gastzugang des fremden Notizbuchs in sein Menü aufgenommen, alle coolen Funktionen wie Synchronisierung mit Geräten und Desktop-Client oder die globale Suche über alle Notizbücher funktionieren nur mit eigenen Notizbüchern. Bitte was? Das kann nicht deren Ernst sein! Ein Blick ins Forum bringt etliche wütende Premium-Kunden ans Licht, die an der selben Stelle gestolpert sind. Seit anderthalb Jahren verspricht Evernote immer mal wieder Besserung auf dem Gebiet, passiert ist aber scheinbar nichts. Man kann also wirklich nur im Web auf geteilte Notizbücher zugreifen und das auch nur in Form eines unpraktischen Wurmfortsatzes. Dafür braucht man Evernote aber nicht, schon gar nicht gegen Geld.
Es ist schon beeindruckend, in welchem Maße die Team-Sharing-Funktionen von Evernote nutzlos sind. Das wäre sogar gar nicht mal so schlimm, wenn sie nicht auch noch als Feature beworben würden. So aber wirft man Premium-Kohle aus dem Fenster, was die Enttäuschung umso größer macht. So ist es uns in letzter Zeit mit einigen Cloud-Diensten ergangen, der Fall Evernote war aber so ärgerlich, dass ich dazu mal etwas schreiben musste. Positive Ausnahmen waren die Google-Dienste und Dropbox, das sich als wirklich genial erwiesen hat.
Als Fazit kann ich nur sagen, dass man sich bei der Auswahl eines Cloud-Dienstes maximal 5 Minuten mit der jeweiligen Featureliste auseinandersetzen sollte. Danach sollte man sich anmelden oder einen Demo-Zugang nutzen und selber testen, ob die gewünschte Funktion wirklich in nutzbarer Form vorhanden ist. Die Diskrepanz zwischen Featureliste bzw. Verkäuferversprechen und der tatsächlichen Nutzbarkeit ist gerade im Cloud-Kontext oft erschreckend hoch. Zweites Fazit. Nicht auf Hörensagen hören. Wenn bei Twitter oder sonstwo alle einen Dienst toll finden, einfach mal nachfragen, wer den denn tatsächlich produktiv einsetzt oder sich zumindest mal eingehend angesehen hat. Auch Autoren von Artikeln in Blogs und Fachmagazinen, die eine ganze Reihe toller Cloud-Dienste empfehlen, scheinen sich nur in der Minderheit der Fälle eingehend mit den einzelnen Diensten beschäftigt zu haben. Also auch hier vorsicht, denn so ein Evernote-Patzer fällt einem erst auf, wenn man das Feature auch ausprobiert hat. Clouddienste sind in ihrer Kernkompetenz oft sehr gut, fallen dann zu den Rändern hin aber, meist in Form von Unausgereiftheit, stark ab. Wenn das, was man will, die Kernkompetenz eines Dienstes ist, wird man immerhin eher selten ein Problem bekommen.
Update 02.02.2012: Wo ich den Artikel gerade noch mal lese, muss ich mich gleich mal über Studierende auslassen, die einem in Hausarbeiten allen Ernstes einen Featurelistenvergleich der oberflächlichsten Sorte als Evaluation andrehen wollen. Dazu fällt mir dann wirklich nicht mehr viel ein. Mit sowas bekommt man zwar irgendeine Note, verliert aber ganz sicher den intellektuellen Respekt des Prüfers. Erschreckend, wie egal das den meisten Studierenden ist.
Kategorien : Computer-und-Technik
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