Zensursula als Bundespräsidentin?

02 06 2010

Da tritt überraschend ein Bundespräsident zurück, den keiner so richtig scheiße fand, was das bestmögliche realistische Ergebnis für einen Bundespräsidenten ist. Und natürlich wird sofort ein Nachfolger gesucht, soweit alles nachvollziehbar. Aber warum zur Hölle favorisiert man dann zwei Personen, die bei einer nicht zu unterschätzenden Bevölkerungsgruppe die meistgehassten Politiker der letzten 10 Jahre sind? Herr Schäuble wäre von den beiden noch der tragbarere, aber Frau von der Leyen als Bundespräsidentin zu favorisieren ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht all derer, die sie bei sich unter dem Buchstaben Z wie Zensursula eingeordnet haben, sondern auch ein klares Zeichen für die Geringschätzung des Bundespräsidenten als Insititution. Malte Welding hat das sehr schön formuliert, ein Auszug daraus:

Es reicht nicht, durch Kindergärten zu ziehen und Vergewaltigungen von Kindern schlecht zu finden. Das tut jeder, er tourt damit bloß nicht durch die Republik, weil es selbstverständlich ist und den politischen Aussagegehalt hat von Facebookgruppen, die sich gegen AIDS, Krieg und Umweltverschmutzung richten. Dass sie ihren politischen Gegnern implizit unterstellt hat, Kinderpornographie gutzuheißen, zeugt hingegen von einer Skrupellosigkeit, die selten zu finden ist. Spalten und Verhöhnen mögen eine erfolgreiche Populistin machen, eine Bundespräsidentin kann man so vielleicht werden, aber nicht sein."

Dem Artikel ist nicht viel hinzuzufügen, Sascha Lobo fasst das auf Twitter prägnant zusammen:

"Ursula von der Leyen ist im Volk beliebt." WHILE ($volk = ($alle - $internet))

Frau von der Leyen ist ein für mich derart unerträglicher Gedanke, dass ich sogar Schäuble oder Stoiber lieber sehen würde (und davon abgesehen für sogar durchaus geeignet halte). Und das muss wirklich etwas heißen.

Und weil alle so schön ihre Favoriten ins Spiel bringen: Hans-Jürger Papier, der vor kurzen ausgeschiedene Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts klingt nicht schlecht, bei aller Kritik auch Joschka Fischer. Frau Käßmann gehört auch nicht zu den schlechten Vorschlägen. Wie auch immer, um es mit Herrn Häkelschwein zu sagen:

Liebes Internet, du hast jetzt 30 Tage Zeit, um Frau von der Leyen als Bundespräsidentin zu verhindern. Enttäusche Deutschland nicht!


Flattr ist keine Lösung für alles, aber gerade deswegen so schön

19 05 2010

Als ich den Vortrag von Peter Sunde auf der re:publica 2010 (Mitschnitt auf YouTube) gesehen habe, war ich sofort geflasht. Peter redete erst mal ein paar Minuten locker flockig über die Vergangenheit von Pirate-Bay, dass es einem Warm ums Herz werden konnte. Wenn etwas Punk ist, dann das. Dann wechselte das Thema zum neuen Projekt der Schweden: Flattr ist eine Art Micropayment-Dienst, dessen Idee so simpel wie genial ist. Oder sollte man kongenial sagen? Denn ähnliche bis sehr ähnliche Ideen gibt es auch anderswo, etwa bei Kachingle. Wie auch immer, der Einführungsfilm auf der Flattr-Homepage sagt in zwei Minuten eigentlich alles, was man wissen muss, also schnell mal anschauen:

Inzwischen habe auch ich meine Invite-Codes bekommen und habe einen Flattr-Button in meinem Blog. Wer mir also seine Wertschätzung zeigen möchte, kann dies nun auch via Flattr tun. Da sind wir auch schon beim Knackpunkt: Ich erwarte keine nennenswerten Einnahmen auf diesem Kanal, aber das ist auch gar nicht das, wofür Flattr gedacht ist. Für mich ist Flattr eine lang vermisste Möglichkeit, guten Inhalten im Netz meine Wertschätzung auch finanziell zu zeigen. PayPal Spendenbuttons haben das Problem, dass man den angemessenen Betrag bestimmen muss. Man will weder knausrig sein, noch 100€ im Monat an Spenden raushauen, also spendet man nur sehr selten für etwas. Ich habe zuletzt 25$ an Brian Dunning von Skeptoid gespendet, nachdem ich etwa 150 der 200 Episoden geradezu verschlungen habe. Solche Spenden sind aber eher die Ausnahme denn die Regel, wo nun Flattr ins Spiel kommt. Flattr löst das Problem, indem es die Sache einfach umdreht: Ich lege monatlich fest, wieviel ich insgesamt spenden möchte und alle Klicks auf irgendwelche Flattr-Buttons im Netz bekommen einen gleichen Anteil an dieser Summe. Die Flatrate-idee ist großartig, denn so sitzt mein Spendenfinger sehr locker. Jeder gute Text (und davon gibt es viele im Netz) bekommt so eine kleine Wertschätzung von mir. Damit wird niemand reich, aber die Geste zählt; es ist wie das Bier, das man jemandem ausgibt. Genau darauf habe ich gewartet.

Großartig wäre natürlich, wenn man seine Things I have flattred per RSS abrufen und in seinen Lifestream packen könnte, so als Premium-Empfehlungen. Großartig wäre auch, wenn die Kohle automatisch abgebucht würde und man nicht jeden Monat wieder manuell Geld überweisen müsste. Aber Flattr steckt noch in der Beta-Phase und dafür funktioniert es schon ganz prächtig.

Und weil ich das Wort Großartig noch nicht oft genug benutzt habe, hier noch einmal: Das großartige an Flattr ist gerade, dass man damit nicht reich wird, sondern auf einfachstmögliche Art ein paar Kröten verteilen kann. Auf der anderen Seite ist so ein Flattr-Button keine Anmaßung, eine wunderschön unaufdringliche Art, Besuchern eine kleine Wertschätzungsäußerungsmöglichkeit zu bieten. Eben keine Universallösung. Genau deswegen wird es erfolgreich sein.

P.S. Hatte nicht Facebook sowas schon seit Ewigkeiten in der Pipeline? Was ist daraus eigentlich geworden?


Einige Gedanken zur Geschlechterfragendiskussion bei den und um die Piraten

18 05 2010

Anlässlich des Bundesparteitags der Piratenpartei am letzten Wochenende kocht gerade wieder mal die Gender-Suppe. Konkret geht es um die Frage pro oder contra Frauenquote bei den Piraten und es wird heiß diskutiert. Malte Welding hat einen interessanten Einwurf parat, man lese da auch und vor allem die Kommentare. Ich selbst habe ausnahmsweise auch mal kommentiert und mich – für mich überraschend – für eine Frauenquote ausgesprochen. Ich sehe zwar keinen echten Sinn in einer und auch manifeste Nachteile durch eine Frauenquote, aber was hat man zu verlieren? Mit ein wenig Pech ein paar nicht so brauchbare Frauen in Positionen? Ja nu, wenns weiter nichts ist? Positionen werden auch stetig mit Männern schlecht besetzt, also kein echter Verlust an dieser Front. Fragt sich, was eine Frauenquote an Nutzen bringen könnte. Ich zweifle stark an, dass das im Falle der Piraten wirklich hilft; aber die Idee dahinter ist ja, Frauen anzulocken und zu motivieren, sich in der Partei zu engagieren. Wenn das klappt – ich lasse mich ja gerne eines besseren belehren – wäre den Piraten viel geholfen. Frauen interessieren sich gewöhnlich leider einen Scheiß für die Kernthemen der Piraten, die Reaktionen variieren meist zwischen demonstrativem Desinteresse und aggressivem Ablehnen der Thematiken. Jede Frau, die da anders drauf ist, ist hochhöchstwillkommen; nicht nur bei den Piraten, sondern in der ganzen Bewegung und überhaupt der IT-Branche. Wir leiden unter massivem Frauenmangel, so sieht die Realität aus. Ein feiner Text von Mela Eckenfels (deren Kochbuch für Geeks ich in meinem Regal stehen habe) beleuchtet die Problematik sehr gut. Unbedingt lesen, bevor man die Piraten von Außen mit Gendergranaten bewirft.

Wenn nun eine Frauenquote hilft, die Befindlichkeiten zu heilen, die Frauen von einem Engagement bei den Piraten abhalten, dann her damit. Nochmal: Ich behaupte, dass bei den Piraten schon jetzt keiner Frau des Frauseins wegen Steine in den Weg gelegt werden, ganz im Gegenteil. Eine Frauenquote liefe meiner Erwartung nach also massiv ins Leere. Na und? Dann kann man sie auch einführen, um die lähmende Diskussioin hinter sich zu bringen.

Vielleicht gibt es aber noch andere Nachteile bei einem Bekenntnis zu Instrumenten, wie der Frauenquote. Christophe Chan Hin hat einen lesenswerten Text verfasst, der sich etwas von der Genderproblematik entfernt und gute Gründe liefert, wieso Konzepte wie Frauenquoten bei den Piraten einfach nicht passen. Letztlich liefert der Text einen recht plausiblen Erklärungsansatz, wieso die Piraten die Frauenquote mehrheitlich ablehnen. Und der Grund ist kein Machogehabe oder Maskulinismus in der breiten Basis, auch keine Angst vor guten Frauen in Führungspositionen (allein diese Unterstellung ist in meinen Augen eine Unverschämtheit). Die Piraten sind eine Manifestation eines Konzeptes der vorurteilsfreien Zusammenarbeit. Gerade dass hier kein Sündenbock gesucht wird, kein die Anderen sind schuld gelebt wird, macht die Stärke der Piraten aus. Zusammenarbeit unter dem Leitstern der Vernunft der Individuen lässt keinen Raum für Geschlechter- und sonstige Lager. Wozu auch? Ist das zielführend? Eher nicht. Daher die Ablehnung dieser lähmenden ideologischen Thematik. Folgende Absätze sind sehr erhellend bei der Frage nach dem Wesen der Piratenpartei:

Die Piratenpartei ist keine Ein-Themen Partei. Sie ist der politische Ausdruck einer vernetzten Gesellschaft. Geradezu rücksichtslos entern die Piraten die ganz wesentlichen Themen, die von den Linken und Liberalen schon längst vergessen wurden. Die Austauschbarkeit der anderen Parteien, die alle in eine Mitte wollen, hat mit der Erodierung ihrer eigenen Prinzipien und einer die Gesellschaft spaltende Sündenbockpolitik zu tun. Im Gegenteil unterscheiden sich die Parteien mittlerweile nur noch in der Wahl ihres Sündenbocks, und mit offenen Armen wird jede Möglichkeit, einen neuen Schuldigen zu finden, auch wenn sie noch so Menschenverachtend ist, empfangen. Hier setzt die Piratenpartei an, um eine Gesellschaft zu verhindern, die sich gegenseitig misstraut und dabei nicht merkt, dass in ihrer Spaltung das Kontrollinstrument liegt.

Aber in Momenten, wo 160.000 Menschen eine Petition gegen Zensursula unterschreiben, wo fast 150.000 Menschen gegen Atomkraft auf die Strasse gehen, wo bundesweit 85.000 Menschen für den Bildungsstreik eintreten, da bekommt die Politik eine Ahnung, wie instabil ihre Kontrolle ist, sobald Menschen ihre Klasse, Rasse, ihr Geschlecht und ihre Leitkultur mal links und rechts liegen lassen und sich zusammenschließen.

P.S. Passt nicht wirklich hier her, aber ist auch interessant: Volker Beck gibt den doofen Piratenwählern (und Linksparteiwählern) die Schuld daran, dass nun vielleicht Rüttgers Ministerpräsident bleibt. Wer hat uns verraten? Die Piraten! Wer war mit dabei? Die Linkspartei! Wow, interessante Negierung der Problematik, wenn auch inzwischen auf Kritik reagierend mit IRONIE-Hinweisen versehen. Die Haltung habe ich unter Grünen aber schön das ein oder andere Mal vernommen. Tatsächlich ist es so, dass ohne die Piratenpartei und unter der nicht ganz ungültigen Annahme, dass die dann freiwerdenden Stimmen primär der SPD und den Grünen zufließen würden, Rot-Grün in NRW die sehr knappe Mehrheit hätte. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass diese fehlenden Stimmen ein bitterer Schlag ins Gesicht von Rot-Grün ist. Beide Parteien haben ihre ursprünglichen Linien verlassen und verlieren massiv Stimmen an Piraten und Linkspartei. Aber statt das als Schuss vor den Bug zu sehen oder als Volltreffer im Fall der 2010er NRW-Wahl, wird den abtrünnigen Wählern trotzig ein Vorwurf hinterhergeworfen. Liebe Grüne: Wie wäre es mal mit einem Reality-Check? Eine Analyse, wieso ein wahlentscheidender Teil der eigenen Wähler sich bei den Piraten besser aufgehoben fühlt? Wer ist hier der Verräter? Eure verdammte überwältigende Enthaltungsfraktion bei der Abstimmung zu Zensursula war eine Zäsur für nun wohl auf längere Zeit ehemalige Grünwähler wie mich. Klarer kann man sich beim Themenkomplex Bürgerrechte in der Informationsgesellschaft kaum auf der falschen Seite positionieren. OK, die SPD hat sich die Hände noch schmutziger gemacht, aber die waren eh schon verlorenes Land. Wenn hier einer trotz allem Schwarz-Gelb in NRW ermöglicht hat, dann sind das SPD und Grüne, die konsequent Wähler vergraulen. Und das auf eigenem Terrain, sind Bürgerrechte doch eigentlich mal Kernthema der Grünen gewesen. Genau diese Arroganz hat mich bei meinen letzten drei Wahlentscheidungen von den Grünen ferngehalten. Würden die Grünen ihren Job wieder ernst nehmen, bräuchte es keine Piratenpartei. Im Grunde ließe sich gar sagen, dass die Piratenpartei die Linkspartei der Grünen ist. Das wäre aber arg vereinfacht, speist sich die Linke zumindest im Westen doch zu guten Teilen auch aus enttäuschen Grünwählern.

Nachtrag 24.05.2010: Schnell noch ein interessanter Beitrag zur Gendersache an sich und Lena Simons Nichtwahl im Speziellen nachgeschoben. Nicht die erste Stimme, die ich höre, die angesichts von Lena Simon (der einzigen Vorstandskandidatin) ganz froh ist, dass es bei den Piraten keine Quote gibt. Laut polternde und polarisierende Leute brauchen die Piraten einfach nicht. Die Trolle in den Foren sind schon schädlich genug für das Außenbild der Partei, Polarisatoren haben in der Parteileitung nichts zu suchen. Vor allem nicht angesichts der Parteilinie der aufgeklärten Besonnenheit.


Fliegender Gerichtsstand

12 05 2010

Beim Vortrag von Udo Vetter auf der re:publica kam die Sprache auf den fliegenden Gerichtsstand bei Rechtsstreitigkeiten mit Internetbezug. Websites sind auch in Hamburg abrufbar, deswegen kann der "Angreifer" die berühmte Pressekammer des OLG Hamburg anrufen, um eine Entscheidung in seinem Sinne zu bewirken. Davon abgesehen, dass sich auch diese Pressekammer nicht auf Dauer so vehement vor der Realität verstecken kann, kam mir eine verwegene Idee für eine kleine Demonstration. Man könnte doch über Geo-Targeting dafür sorgen, dass seine Seite nicht (ohne Tricks) aus Hamburg und Umland abrufbar ist, mithin also die Zuständigkeit der Hamburger Pressekammer vermeiden. Sicher kann man das umgehen, aber die Frage ist, ob eine aktive Umgehung einer solchen Sperre die Nichtzuständigkeit heilen kann. Das wäre doch mal interessant herauszufinden und pressewirksam wäre es allemal. Man stelle sich mal vor, was passieren würde, wenn ein bemerkbarer Teil an Blogs, Foren und sonstigen gefährdeten Angeboten nicht mehr in Hamburg abrufbar wäre. Für die Hamburger Internetnutzer wäre das nicht schön, soviel ist klar. Und fair ist es auch nicht, die falschen zu bestrafen. Aber als Aktion, um die kaputte Pressekammer und ihre bemerkenswerten Entscheidungen in eine größere Öffentlichkeit zu ziehen, wäre das vielleicht sogar wirksam; egal, ob das vorrangige Ziel erreicht wird, oder nicht.

Im Grunde müsste man es echt mal drauf ankommen lassen. Zumindest, wenn man bereits abgemahnt wurde und nicht reagiert, könnte man schnell noch Hamburg rauswerfen und dann vor Gericht die Zuständigkeit der Pressekammer in Hamburg ablehnen. Probieren kann man es ja mal.

So oder so, es ist eine Schande für das deutsche Rechtssystem, dass sich ein Angreifer ein Gericht seiner Wahl aussuchen kann; dass zudem dieses Gericht nicht davon abgehalten werden kann, immer und immer wieder fragwürdige – und von höherer Instanz immer wieder korrigierte – Entscheidungen im Sinne der Angreifer zu treffen, macht diesen Zustand im Grunde unhaltbar. Was spricht dagegen, auch für internetbezogene Klagen als Gerichtsstand den Wohnort des Angreifers oder, noch naheliegender, den des Angegriffenen vorzuschreiben? Eine Parteien wird wohl einen Sitz in Deutschland haben.


Warum ich wieder Piraten wähle

04 05 2010

Ich habe meine Wahlentscheidung für die NRW-Landtagswahl 2010 getroffen, nachdem ich lange hin und her gerissen war. Letztlich habe ich mich wieder für die Piratenpartei entschieden und möchte einige Gedanken dazu niederschreiben.

Nach der Bundestagswahl war ich davon ausgegangen, dass es für die Piratenpartei auf Landesebene keinen wirklichen Bedarf gibt, da sich das zentrale Kernthema der Bürgerrechte in der Informationsgesellschaft auf Landesebene nicht sonderlich auswirkt. Doch weit gefehlt, mit dem JMStV (Ein guter Einstiegspunkt zum Thema JMStV ist netzpolitik.org) kommt der Wahnsinn über die Länderebene ins Spiel. Ich will jetzt nicht viele Worte zu speziellen Themen wie dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag verlieren (Stichwort Internet-Sendezeiten), nur so viel: Keine in irgendeinem Land regierungsbeteiligte Partei hat sich bei dem Thema positiv hervortun können, jede dieser Parteien hätte die Möglichkeit dazu gehabt, federführend war nicht die CDU, sondern die SPD. Das zeigt mir eindrucksvoll, wie wenig vom letzten Jahr tatsächlich bei diesen fünf Parteien angekommen ist und wie wichtig nachwievor die Piratenpartei als Impulsgeber ist.

Es ist schön, dass der Impact der Piratenpartei (in manifesten Wählerstimmen messbar) bzw. der gesamten Bewegung in der Regierung so groß ist. Die hetzige Stimmung ist einem offenen Dialog gewichen, oder zumindest der Simulation eines offenen Dialogs. Constanze Kurz hat einen tollen Artikel dazu in der FAZ geschrieben, lest den unbedingt. Ich bin der Überzeugung, dass Frau von der Leyen und Herr Schäuble in erster Linie wegen des offensichtlichen Impacts der Piratenpartei heute auf Ministerposten sitzen, auf denen sie möglichst weit weg vom Geschehen sind und keinen Schaden mehr anrichten können. Die CDU hätte vom herben Verlust der SPD profitieren müssen; wenn man nun nach Gründen sucht, warum das ausgeblieben ist, könnte man schon mal auf die Idee kommen, dass das Nettowahlergebnis der beiden Ministerien für die CDU wohl doch eher negativ ausgefallen sein dürfte. Das ist Spekulation, aber bis ich einleuchtendere Gründe für die – im Falle von Frau von der Leyen sogar nachträglich bei der erstbesten Gelegenheit durchgeführten – Versetzung höre, bleibe ich dabei.

Zurück zum Thema: Die Dialogbereitschaft des Innenministeriums in Sachen Netzpolitik ist leider nur etwas Honig ums Maul, die Agenda ist offensichtlich die gleiche geblieben, wie Herr de Maizière im Interview mit der taz offenbart. Kuschelkurs nur so weit, um der Piratenpartei (und der ganzen Bewegung, nie vergessen!) genug Wind aus den Segeln zu nehmen. Für mich ist jede Stimme für die Piratenpartei, egal ob sie die 5%-Hürde knackt oder nicht, eine Stimme, die erstens den etablierten Parteien fehlt und zweitens eine klare Position in die Diskussion einbringt. Man mag die Piraten für Spinner halten, aber dann wird die Message noch dringlicher: Da sind überwiegend gebildete und aufgeklärte Leute, die eine Spinnerpartei wählen, weil ihnen deren Kernthema so wichtig erscheint und sie offensichtlich bei keiner der anderen Parteien ein Zuhause finden. Oder anders herum: Würden die Piraten nicht überwiegend für Spinner gehalten, wäre die 5%-Hürde kein Thema gewesen. Die FDP hat ordentlich abgeräumt in diesem Klientel, vielleicht auch die Grünen und die Linken. Wir reden hier von 800.000 Menschen, denen das Thema derart wichtig ist, dass sie ihre Stimme an eine so fragwürdige Partei wie die Piraten verschenken.

Was sollte man auch sonst wählen?

  • Die CDU? Den Feind, der für alles steht, was scheiße ist? Ich könnte Bücher füllen mit Gründen, warum die CDU nun wirklich ganz und gar nie und nimmer geht. Es gibt tatsächlich auch gute Gründe, die CDU zu wählen oder sich dort zu engagieren, die kömmen aber in meinen Augen nicht über Bodensatz an Scheiße hinaus. Echt mal, CDU? srsly?
  • Die SPD, für die der Name Verräterpartei noch schmeichelhaft ist? Die, die alles durchwinken und deren einzige Linie der letzten Jahre war, eben keine Linie zu haben? Nene, da braucht es schon klare Bekenntnisse statt so Brüllern wie dem JMStV oder der Zustimmung zur Internetzensurinfrastrukturgesetz oder zur Vorratsdatenspeicherung. Hinterher dann stets das Gegenteil zu behaupten ist in etwa so glaubwürdig, wie jemanden "mein Freund" zu nennen, dem man gerade aus Jux eine gezimmert hat.
  • Die FDP? Die mit den Apothekern und Hoteliers? Die, deren Vortänzer so unerträglich gegen die sozial schwachen hetzt? Keine Frage hat sich die FDP überraschend stark bei informationsgesellschaftlichen Themen positioniert. Wegen Personen wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (aktuell mit tollem Text in der Stuttgarter Zeitung) und Gerhart Baum habe ich auch mal die FDP gewählt und ich denke nachwievor, dass dieser Flügel ein ziemlich guter Grund ist, die FDP nicht so kategorisch abzulehnen, wie viele Leute das tun. Leider sind die anderen Flügel in der FDP in der Überzahl und bewegen sich zwischen "schlimmer als die CDU" und "recht bauchbar". Ich schätze die FDP, würde sie aber nicht mehr wählen.
  • Die Linke? Ich schätze die Linke als Impulsgeber und der eine Teil, der so rührig an Sozialem im engeren Sinne interessiert ist, ist mir sogar sympathisch. Ehemalige Grünwähler, für die der Einsatz im Kosovo seinerzeit eine Zäsur war, für die allgemein die Rot-Grüne Politik eine der dicksten Enttäuschungen ihres Lebens war. Nachvollziehbar. Mit den anderen Seiten der Linken will ich aber nichts zu tun haben. Als Impulsgeber für eine nach allen Seiten offene politische Diskussion gerne, von hier kommen immer wieder klare und gute Einwürfe. Eine Wählerstimme von mir? Ganz sicher nicht. Erst recht nicht für die auffällige Stillheit, wenn es um dieses Internet geht.
  • Die Grünen? Ich wäre mal fast Mitglied geworden und habe lange Grün gewählt. So wie Ende der 90er etliche Grüne Stammwähler enttäuscht waren, bin ich nachhaltig von den Grünen beim Thema Bürgerrechte und Informationsgesellschaft enttäuscht. Das wäre eigentlich ein Stammthema der Grünen, doch halten sie sich sehr bedeckt dazu. Ich erwarte von den Grünen, dass die in der ersten Reihe stehen, wenn es gegen die Einführung von Zensurinfrastruktur geht. Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Enthaltungen zum Thema, wohin das Auge reicht. Nichts zu sagen hat man scheinbar bei den Grünen, wenn es um dieses Internet geht. Scheiße, wacht mal endlich auf!

Für mich ist der gesamte Basiskomplex der Piraten (Bürgerrechte, Informationsgesellschaft) das wichtigste Zukunftsthema und die Piraten sind die einzigen mit einer halbwegs sinnvollen Vision dafür. Fuck, deswegen sind die überhaupt erst gegründet worden. Traurig, dass die Existenz der Piratenpartei überhaupt eine Grundlage hat und es wäre mir lieber, wenn die Piraten so schnell wie möglich überflüssig würden. Die Realität zeigt leider in eine andere Richtung. In der Zwischenzeit hat sich die Piratenpartei übrigens ein veritables Parteiprogramm für die NRW-Wahl parat gemacht, bei dem von Spinnerei nicht viel zu sehen ist. Ich gehe nicht überall konform mit diesem Programm, vor allem geht mir die Drogenpolitik nicht weit genug, aber es ist geprägt vom Glauben an das Richtige, so wie ich es verstehe. Der Link zeigt auf die Kurzversion des Programms, das bedenklich im Revier der Grünen wildert. Man schaue sich nur mal den offiziellen Wahlwerbespot an, ebenfalls interessant ist dieser inoffizielle Wahlwerbespot.

Also, 5%-Hürde hin oder her, die Auswirkungen jeder Stimme für die Piratenpartei treffen unabhängig davon die richtigen. Wenn einem die Themen der Piraten wichtig sind und wenn man diese in den anderen Parteien nicht abgedeckt sieht, sollte man sich einfach mal was trauen. Auch für mich war es eine Überwindung, den Piraten meine Stimme zu geben, ich habe es aber bisher nicht bereut. Es wird wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Landtagswahl und mir gefällt keine der zur Diskussion stehenden Koalitionen so wirklich, also geht meine Stimme wieder an die Piraten. Eine prima Alternative zum aus Verzweiflung Nichtwählen allemal.

Nachtrag 10.05.2010 (ein Tag nach der Wahl): Die Piraten haben gut 1,5% der Zweitstimmen einsammeln können, das sind absolut gesehen 40.000 Stimmen weniger, als bei der Bundestagswahl 2009 in NRW erreicht wurden. Gemessen daran, dass der große Aufhänger der Piratenpartei momentan signifikant weniger Akut erscheint (aber leider in Wirklichkeit so akut wie eh und je ist), ist das ein hervorragendes Ergebnis; zumal die Thematik auf Länderebene sowieso eher wenig relevant ist. Nur 40.000 Stimmen weniger als während der aufgeheizten Bundestagswahl ist weitaus besser, als ich gedacht hätte. Viel mehr ist auch nicht drin beim aktuellen Zustand der Piraten, bei Carta und anderswo werden Rufe laut, nun endlich mal einen ernsthaften Namen zu wählen, um als echte Alternative ernst genommen zu werden, statt als lustiges Protestmittel. Ich habe diese Meinung vor einem Jahr ebenfalls vertreten, bin mir inzwischen aber gar nicht mehr so sicher, ob nicht der Name Piratenpartei noch eine ganze Weile hervorragend funktionieren könnte. Ernst genommen wird man, wenn man Flagge und Gesicht zeigt und kluge Sachen sagt. Ein komischer Name ist da nicht zwingend hinderlich, wie man an Sascha Lobo sieht, dessen Frisur in allen Talkshows mit einem Thema in der Nähe von diesem Internet auftaucht. Stellt sich natürlich die Frage, wie ernst Sascha Lobo allgemein genommen wird, aber er hat eine Stimme, die gehört wird.


Markenauthentizität und die Second-Hand-Coolness

02 05 2010

Gestern war ich in einem dieser alternativen Straßencafés. Eins dieser, wo es Bionade gibt, Chai Latte und selbstgemachten Kuchen auf alten Tellern mit Goldrand. An Authentizität solcher Etablissements könnte man sich wunderbar reiben, ich möchte aber jetzt mal zwei Marken in den Vordergrund zerren, deren Authentizität mir auf den ersten Blick eher fadenscheinig erscheint: LemonAid und CharyTea von der Firma Lemonaid Beverages GmbH aus Hamburg. Beide Getränke bedienen so unglaublich präzise die Bionade-Zielgruppe, dass es einen gruselt. Keine Frage, der Auftritt ist durch und durch cool (wenn auch arg dick aufgetragen), die Produkte toll (LemonAid schmeckt wirklich gut). Das alles ist eben so gestaltet, dass es die Zielgruppe, ich definiere sie mal der Einfachheit halber als die Leute, die Nido lesen und/oder Apple Fans sind, genau abholt. Präzise die Zielgruppe abzuholen ist der feuchte Traum jedes Produktmanagers und genau so kommen mir die beiden Marken vor: Allein orientiert an der Zielgruppe.

Nehmen wir mal Bionade zum Vergleich. Bionade bedient die gleiche Zielgruppe, mit dem Unterschied, dass die Zielgruppe in einem mehrjährigen Prozess Bionade gefunden hat und nicht umgekehrt und von jetzt auf gleich. Ich bin immer skeptisch, wenn so perfekt passende Produkte plötzlich am Markt auftauchen. Wahre Coolness speist sich in meinen Augen in erster Linie aus Realness, oder anders herum: Ohne Realness kann keine echte Coolness entstehen. Coole Leute – und da kann man nun auch wieder sehr schön über Definitionen streiten – zeichnen sich durch ihren Sinn für Trends und ihre Spürnase für die Authentizität ebendieser aus.

Damit will ich nicht sagen, dass Bionade besonders cool ist. Im Gegenteil ist Bionade schon derart in den Mainstream gesickert, dass die Coolness schon bald in zweiter Welle kommt: Es ist bald wieder cool, Bionade zu trinken, gerade weil der gentrifizierte Bionade-Biedermeier (dazu habe ich mal was geschrieben) – qua definitionem uncool – es trinkt und man selber so cool ist, dass man das aushalten kann. Ihr wart ja alle mal Teenager, also solltet Ihr das Prinzip von Euch selbst oder den coolen Anderen kennen.

Zurück zum Thema: LemonAid und CharyTea sind mir einfach zu… Ja was eigentlich? Zu betont cool? Ich habe dabei das Gefühl, zum Spielball einer Marketing-Kampagne zu werden. Ich habe 3,30€ für eine Pulle LemonAid bezahlt, das war in dem Café so ziemlich das teuerste verfügbare Getränk. Doch was habe ich da bezahlt? Wasser, fair gehandelten Limettensaft, fair gehandelten Zucker, Kohlensäure? Wohl eher nicht, selbst bei sehr fair gehandelten Rohstoffen komme ich über ein paar Cent Aufpreis nicht hinaus. Ich bezahle das Markenversprechen? All die flockigen Texte, das Design, dafür, einer der ersten zu sein, die das Produkt ganz selbstverständlich kaufen?

Das kommt mir zu billig vor, also billig nicht im monetären Sinne. Da verdient jemand gerade echt viel Geld mit dem Wunsch einiger Leute, besonders cool zu sein, ohne dabei wirklich besonders cool zu sein. Das soll keine Kritik sein, einen herzlichen Glückwunsch von mir zu dieser Leistung. Aber damit sind wir wieder bei Nido, dem Magazin für gutverdienende junge Eltern, denen man allerlei Kinderzubehör und Eltern-Lifestyle andrehen muss; oder Apple, mit deren Produkten jetzt anzufangen so ziemlich das bitterste Armutszeugnis der eigenen Hinterherrennerei ist. Das sind Produkte für Menschen, die an der Coolness irgendwie durch Einsatz von Geld teilhaben wollen. Tragischer weise funktioniert das nur vor Leuten, die ebenfalls nicht vorne dabei sind, was wiederum eine ganz eigene Second-Hand-Coolness begründet: Die Coolness-Victims leben einen szenigen Lifestyle vor, der immer und immer wieder nach unten wegsickert und erneuert werden muss. Und dann kommen da Produkte auf den Markt, die die erste Stufe glatt überspringen und direkt im Sickermodus starten. Funktioniert sowas? Man wird sehen, aber die Chancen stehen nicht schlecht, woher soll die anvisierte Zielgruppe auch wissen, was wirklich cool war und was nur über den PR- und Marketing-Weg auf cool getrimmt wurde? Und sind das nicht eigentlich die echt coolen Produkte, also die, die nie durch die Hände der Coolness-Victims gelaufen sind und gerade durch die PR-Manipulationen der ganzen Lifestyle-Verkaufsblättchen den Coolness Anstrich errungen haben? Das kommt auf den Betrachter an, denn immerhin wähnt sich jeder auf der Seite der wahren Coolness.


Werbeblocker sind kein guter Stil, aber nötig

25 03 2010

Frank Patalong hat auf Spiegel Online eine Dsikussion über Werbeblocker losgetreten, die ich schon länger vermisse. Seine Behauptung lautet kurzgefasst: Die immer zahlreicher werdenden Leser mit Adblockern gefährden die Finanzierung des (Qualitäts-)Journalismus. Leser sind undankbar und wollen immer alles umsonst, aber keinesfalls Werbung sehen und sind schuld an allem Niedergang. Felix Schwenzel hat dazu eine gewohnt rotzige Replik mit dem schönen Titel qualitätsheulsusenismus an den Start gebracht und hängt sich (wie auch andere) an Patalongs herbeifantasiertem Deal zwischen Online-Nachrichtenseiten und Lesern bezüglich der Akzeptanz von Werbung für kostenlosen Zugang zu den Nachrichten auf. In der Tat zeugt dieses Verständnis von einem gewissen Realitätsverlust. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Redaktionelle Arbeit bei spiegel.de und Co. irgendwie bezahlt werden will und wenn der Zugang kostenlos ist, muss das Geld woanders herkommen. Auftritt Werbung.

Werbung finanziert Websites. Punkt. Wer Werbung grundsätzlich rausfiltert, torpediert den primären Finanzierungskanal, egal ob er das aus gutem Grund tut oder nicht. Jetzt kommt das Aber: Die Werbeindustrie ist selbst schuld an der Misere. Dass Werbung sich raumgreifend um die Seite legt ist noch erträglich, wenn aber Layer-Ads (die ein klares Zeichen für unseriöse Websites sind) und andere Werbeformen sich vor den eigentlichen Inhalt legen und diesen damit nicht nur optisch in den Hintergrund drängen, geht das zu weit. Wenn mehrere blinkende Flash-Banner jeden nicht gerade hochaktuellen Computer merklich ausbremsen, wenn gar ungefragt Geräusche erzeugt werden (besonders lustig im Zusammenhang mit Tabbed-Browsing) oder am Ende noch Schadcode und ungehemmt Schnüffelcookies auf dem Rechner landen, dann ist das weit oberhalb der Toleranzgrenze. Wer sich in diesem Lichte beschwert, dass Leute sich mit Adblockern wehren, ist ein Zyniker oder ein Ignorant. Der Werbeblogger hat das schön ausformuliert und stellt zudem auf weitere wichtige Aspekte ab.

Doch wie geht man mit der Situation um? Adblocker sind leider notwendig geworden, gerade für die Vielnutzer unter den Lesern, aber sie sind auch irgendwie nicht so recht fair. Ob man das einen Deal nennt oder nicht, man muss anerkennen, dass Werbung gegen Inhalte der bislang gültige und auch praktikabelste Modus ist, Inhalte kostenlos zugänglich zu machen. Von all den Kritikpunkten an Werbung gibt es drei ganz starke: Kaum noch benutzbare ältere Rechner, ungefragte Töne aus irgendwelchen nicht auffindbaren Quellen in irgendwelchen Tabs im Hintergrund und Werbung, die die Inhalte verdeckt (PopUps, Layer Ads, aufdringliche Tooltipps oder alles zusammen). Für die ersten beiden gibt es eine unfassbar geniale Abhilfe, die trennscharf nur die asoziale Scheiße rausfiltert, zudem ein Gewinn an Sicherheit ist und die Umwelt schont (der Stromverbrauch durch unnötige Flash-Blinkerei muss immens sein): Der Flashblocker. Flash-Inhalte werden einfach durch Platzhalter ersetzt und wenn man sie sehen möchte, klickt man sie an. Ganz einfach, großartig. Bleiben noch die Layer-Ads, die im Grunde nur derjenige zu sehen bekommt, der sich regelmäßig auf mäßig seriösen Seiten rumtreibt. Ich habe genau zwei Seiten in meinen Bookmarks, die mir damit auf die Eier gehen, bei beiden habe ich einfach JavaScript ausgeschaltet (was bei Opera sehr leicht geht).

Ich behaupte: Die meisten Leute haben kein grundsätzliches Problem mit Werbung, sondern setzen Adblocker aus ganz bestimmten, handfesten Gründen ein. Der oben erwähnte Artikel vom Werbeblogger zitiert einige klare Regeln, wie Werbung nicht sein soll. Sind die erfüllt, gibt es auch keinen echten Grund, einen Adblocker zu benutzen. Werbung ist nicht zwangsläufig störend und schlecht, aber wenn sie so ist, braucht man sich nicht wundern, dass die Leser da keine Lust drauf haben und wahlweise gar nicht mehr kommen oder die Werbung ausblenden. Fuck, schaut Euch Google mal an.

Die Argumentationskette Patalongs, dass die eigenen Werbeeinnahmen wegen der bösen Adblocker einbrechen und jetzt Google (der Universalfeind des Qualitätsjournalismus) die ganzen Gewinne mit seiner Werbung einfährt, halte ich für in sich abenteuerlich: Wir verdienen wegen der Werbeblocker kein Geld mehr mit Werbung, aber Google verdient sich gleichzeitig eine goldene Nase. Mit Werbung…
Aber warum verdient Google als einziger so unfassbar gut an Werbung, während andere Werbeeinnahmen einbrechen? Ich denke, die Antwort ist naheliegend: Weil Googles Werbung nicht nervt und es deswegen (über die Datenschutzproblematik hinaus) keinen Grund gibt, sie auszublenden. Ja, ganz verwegen: Googles Werbung neigt sogar dazu, einen Ansatz von Nützlichkeit vorweisen zu können. Man denke nur an die ortsbezogene Werbung in Maps. So liebe Leute, so verdient man mit Werbung im Netz. Die Verlage heulen rum, als gäbe es ein Gesetz, dass nur Google nicht nervende Werbung an die Nutzer bringen darf.

P.S. Ich selber benutze auf meinem sehr fixen Hauptrechner keinen Werbeblocker und auch keinen Flashblocker, lediglich bei zwei Seiten habe ich JavaScript abgeschaltet, um den Layer-Ads zu entgehen, die zudem inzwischen beim Klick auf den Schließen-Button noch ein PopUp öffnen. Unfassbar. Aber auf allen anderen Rechnern hier im Haushalt läuft ein Flashblocker. Das PIII-1GHz Notebook in der Küche ist schon kaum mehr bedienbar, wenn die Diashow bei last.fm läuft. Nachrichtenseiten ohne Flash-Blocker scrollen nur noch mit sekundenlangen Pausen pro Schritt. Hätte Opera einen brauchbaren Flashblocker, würde ich ihn auch auf meinem Hauptrechner benutzen, schon aus Gründen der Sicherheit.


Der JMStV und der Netzzensur-Wahnsinn 2.0

16 02 2010

Sachliche Kritik ist sinnvoller als plumpe Polemik. Dennoch ist festzustellen, dass schon bei Zensursula Polemik weder geschadet hat noch Sachlichkeit irgendetwas brachte.

Dieser Satz stammt aus diesem Blogeintrag von Jörg Tauss zum JMStV und ist gleichzeitig kraftvoll und unglaublich wahr. Traurige Welt. Also zum Thema: Schon vor ein paar Wochen hatte der 1&1-Blog unter dem Titel Das Ende der freien Kommunikation im Internet? auf die drohende Zensur durch die Hintertür in Form des Jugendschutzes hingewiesen. Doch die wirkliche Resonanz blieb aus: Zu skurril und abwegig waren die Inhalte dieses Staatsvertrages. Feste Sendezeiten für Internetseiten, obligatorische Sperrung aller Websites, die den deutschen Bestimmungen zum Jugendschutz nicht entsprechen, also quasi 99,9% des Internets. Also nix mehr mit Westfernsehen und so. Auch die Haftung für Zugangsprovider für die Inhalte ihrer Kunden ist eine irre Idee, führt sie doch die Realität völlig ad absurdum. Krude Vorstellung, man lacht kurz und blättert weiter. Doch leider ist das alles ernst gemeint, die Länder sind gerade drauf und dran diesen oder einen ähnlichen Unsinn zu verabschieden. Ein wenig Aufmerksamkeit schadet da nicht. Also nicht stumpf über den (wie es aussieht) Pyrrhussieg über Zensursula freuen, sondern besser die Realität bemerken.

Ich möchte gar nicht viel zu dem Thema schreiben und habe mehrere bereits geschriebene Absätze wieder gelöscht. Der Entwurf ist so abwegig, dass ich an eine Umsetzung beim besten Willen nicht glauben mag. Trotzdem muss man das Thema im Auge behalten. Die oben verlinkten Artikel sind schon mal gute Ansatzpunkte, der AK-Zensur hat natürlich auch schon was dazu gesagt. Einfach mal lesen und staunen. Demnächst ist Landtagswahl in NRW, ich bin gespannt, wie sich die Parteien hierzu positionieren. Die SPD ist mit Beck übrigens Federführend bei dem Unsinn und die anderen Parteien halten sich bemerkenswert bedeckt zum Thema.

P.S. Auf die Piraten würde ich zur Zeit keine Hoffnung setzen, die haben zur Zeit genug Probleme u.a. mit Leuten wie Aaron König in der Parteiführung.


Arme Blockwart-Würste

05 12 2009

Fefe benutzt im Kontext der Wikipedia-Relevanz-Farce immer wieder den Begiff Blockwart, der es wirklich gut trifft. Elende Spaßbremsen, die mit irgendwelchen streng ausgelegten Regeln im Rücken gegen das Böse in Form von unerträglichen Regelverstößen kämpfen. Ein Musterbeispiel ist Knöllchen-Horst, der Querulant von Osterode, dessen Hobby es ist, Falschparker und andere Staatsfeinde anzuzeigen und der es mit einer Anzeige gegen einen falsch parkenden Rettungshubschrauber irgendwann überreizt und es damit in die überregionale Presse geschafft hat. Was für eine arme Wurst.

Schöne Story jedenfalls, die mich an ein Erlebnis vor vielen Jahren erinnert hat: Rügen, Sommerurlaub auf dem autofreien Campingplatz. Ich habe das Auto vom Parkplatz geholt und bin nahestmöglich an den Waldweg herangefahren, der vom Campingplatz kommt. Dort habe ich wenige Minuten auf meinen Vater gewartet, der aus irgendeinem Grund schlecht zu Fuß war. Nahestmöglich bedeutet, dass ich bis an das "Verbot für Fahrzeuge aller Art" herangefahren war und das Auto weiterhin am Steuer sitzend am Straßenrand abgestellt hatte. Vor mir, also hinter dem Schild stand noch ein weiteres Auto. Wenige Sekunden später hielt hinter mir ein Pick-Up, der im Gegensatz zu mir die Straßensituation jetzt doch deutlich verengte. Es stieg ein Rentner aus, zückte seine Digitalkamera und fotografierte mich, den Wagen, in dem ich saß inkl. Nummernschild und den Wagen, der vor mir stand. Dann klopfte er an meine Scheibe und wies mich eingeschränkt freundlich darauf hin, dass wir, also der andere Wagen und ich, hier nicht stehen dürften, weil da ja ein "Verbot für Fahrzeuge aller Art" Schild stünde, das wär ja wohl sonnenklar und er hätte Beweisfotos angefertigt und würde uns anzeigen, wenn wir nicht sofort verschwinden würden. Ich war etwas verdattert, guckte mich kurz um und wies ihn dann darauf hin, dass der andere Wagen, wie leicht am Nummernschild zu erkennen, offensichtlich nicht zu mir gehört. Zudem stünde ich ja auch irgendwie recht offensichtlich vor und nicht hinter dem "Verbot für Fahrzeuge aller Art" Schild und zuletzt würde ich hier im Gegensatz zu ihm gerade niemanden blockieren und falls doch, ja im Wagen sitzen, um im Zweifel Platz zu machen. Ganz offensichtlich warte ich ja hier auf jemanden, denn aus Jux und Dollerei würde ich an dieser Ecke sicher nicht rumstehen. Keine Ahnung, was ich genau gesagt habe, aber inhaltlich kommt das hin. Wie denkt ihr, hat der Typ darauf reagiert? Richtig! Er hat gebrummt, dass ich hier trotzdem nicht stehen dürfe (was ich mangels so auslegbarer Beschilderung nicht so sah) und hat sich verzogen. Meinem ersten Impuls, dem Typen hinterher zu fahren und ihn in der nächsten gefährlichen Kurve (die es dort gar nicht gibt) abzudrängen, habe ich nicht nachgegeben. Mich hätte aber schon interessiert, was das für ein Menschenschlag ist, wo und wie so jemand wohnt und all das. Sicher war der seinerzeit Stasi-Spitzel für die gesamte Nachbarschaft. Ich hätte ihn vielleicht auf ein, zwei Herrengedecke in der einzigen Kneipe am Ort einladen sollen, ein interessantes Quellengespräch führen und ihn dann wegen Fahren unter Alkoholeinflusses anzeigen sollen.

Die Moral von der Geschicht: Hilfspolizisten und Blockwarte gibt es überall und nie, absolut nie machen sie Spaß. Insgeheim träumen die sicher von spannenden Kriminalfällen, die sie wie Kalle Blomquist meisterdetektivisch aufklären können. Bis dahin zeigen sie jeden Falschparker an, nicht nur die, die wirklich asozial jemanden (oder auch mal ganze Straßenbahntrassen) blockieren. Und gehen damit jedem Sachbearbeiter und sonstwie juristisch beteiligten auf den Sack und halten sie von ihrer Arbeit ab. Ob so Typen so werden, weil sie in der Schule schon immer alle verpetzt haben und dafür angemessen gemobbt wurden? Und bei manchen wirkt das nicht heilsam, sondern bestätigt sie darin, das Richtige zu tun? Eine mögliche Erklärung liefern die Beginner.


Das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets

30 10 2009

Martin Weigert antwortet auf netzwertig.com auf die Frage, wie man das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets beschreiben kann mit der Feststellung, dass schon die Frage falsch gedacht ist:

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes jenseits vom Internet. Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der realen Welt unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Das ist so treffend formuliert, dass es mir einen eigenen Blogeintrag wert ist. Das Internet ergänzt das Leben quasi um eine Metaebene. Der Gedanke, dass man sich jetzt ins Netz einwählt, dort etwas tut, als wäre es ein eigener Ort, als würde man dorthin verreisen und danach von dort zurückkehren, ist so unglaublich naiv gedacht. Sowas kann nur von Menschen kommen, deren Zugang zum Netz über Bin ich schon drin, oder was? in den letzten zehn Jahren nicht wirklich hinausgekommen ist. Dass man sich mit so einer ahnungslosen Anfänger-Attitüde überhaupt noch auf das Parkett der breiten Öffentlichkeit traut, liegt einzig und allein daran, dass man noch in bester Gesellschaft ist. Nichts gegen Anfänger, jeder fängt mal klein an, die Frage ist aber, ob man sich dann unbedingt ahnungslos stolpernd in dieser Größenordnung äußern muss. Ich würde mich in jedenfalls Grund und Boden schämen, wenn ich mich auf bundespolitischer Ebene so naiv etwa zum Thema Finanzmarkt äußern würde. Ein schönes Beispiel für peinlichst ahnungsloses Geqautsche leiferte zuletzt Frau Zypries mit ihrem Google-SMS-Gestammel ab.

Nun darf man natürlich hoffen, dass sich diese Leute rauswachsen, das werden sie auch sicher tun. Aber in der Zwischenzeit werden sie noch so viel kaputt machen mit ihrem Bestreben, das Internet zu bekämpfen. Das Internet geht nicht wieder weg und es wird sich auch ganz sicher nicht mehr zurückziehen und sich seine Nische suchen neben Zeitungen und Fernsehen. Es durchdringt die Gesellschaft um Klassen tiefgreifender und revolutionärer als das etwa der Buchdruck getan hat, eben weil es einen universellen Ansatz verfolgt. Es ist OK, sich da raus zu halten. Aber dann sollte man sich auch nicht einmischen. Ich lese keine Tageszeitung, hab ich noch nie getan. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil ich weiß, dass in Zeitungen viele gesellschaftlich wichtige Dinge drinstehen. Aber ich ziehe aus diesem Umstand nicht den Schluss, dass man Gesetze zur Eindämmung der gemeinen Zeitung erlassen muss. Ich finds doof, deswegen ist es doof und deswegen gehört es bekämpft. Was für ein hirnverbrannter und selbstverliebter Ansatz ist das denn bitte?

Und weil noch zu viele Leute so drauf sind, haben die Piraten eine gesellschaftlich so wichtige Funktion als Korrektiv und Denkanstoßgeber. Diese Funktion haben sie bisher großartig ausgeübt. Ohne eine so aufstrebende Jungpartei würden diese Themen in Zeit, Spiegel, FAZ und Co. noch immer keine echte Beachtung finden. Allein durch die Anwesenheit der Piraten als Manifestation der schon zuvor zu erahnenden gesellschaftlichen Umwälzung wird plötzlich recht offen über das Thema Informationsgesellschaft geredet. Erst seit jemand in der breiten Öffentlichkeit aufgetaucht ist, der offenbar beim Thema Informationsgesellschaft echtem Expertentum eine laute Stimme gibt, wird es zunehmend peinlich, sich ahnungslos zu äußern. Zumindest fällt die Peinlichkeit naiver Äußerungen dadurch immer mehr Leuten auf, was sich irgendwann auch rückkoppeln wird und die Anfänger sich vorsichtiger äußern lassen wird. So zumindest meine Hoffnung.