Der Spice Hype

05 12 2008

Die Kräutermischung Spice geht momentan intensiv durch die Medien und bekommt durch die häufig ungenaue bis falsche Berichterstattung mehr Aufmerksamkeit, als sie verdient. Prima Beispiel: Spiegel Online bringt ein Video über Salvia (und nebenbei auch über Spice), in dem YouTube Videos von ziemlich abgehenden Salvia-Kiffern gezeigt werden. Soweit OK, allerdings frage ich mich schon hier, wieso da dann plötzlich über Spice geredet wird, wo Salvia Divinorum (Aztekensalbei) und Spice zwei wirklich verschiedene Paar Schuh sind: Salvia ist eines der stärksten Halluzinogene weit und breit und in Deutschland seit Anfang dieses Jahres nicht mehr frei verkäuflich. Nicht ganz zu Unrecht, mit Salvia ist wirklich nicht unbedarft zu spaßen, auf jeden Fall noch weniger als mit den meisten anderen Drogen. Spice, sowie seine "stärkeren" Varianten Spice Gold und Spice Diamond und alle Nachahmer wie Sence, ChillX und SMOK wirken je nach Erfahrungsbericht irgendwo zwischen gar nicht und etwa so stark wie Cannabis, nur irgendwie anders. Also erst mal keine Panik, liebe Eltern. Trotzdem sollte man die Finger davon lassen, zumindest bis geklärt ist, was es genau ist und wie es genau wirkt. Ohne dieses Wissen Drogen zu konsumieren ist nie eine kluge Idee, egal um welche Drogen es sich handelt. Cannabis ist übrigens hervorragend erforscht, millionenfach bewährt und vor allem viel billiger! Von Spice und Co. braucht man für eine nennenswerte Wirkung deutlich mehr als von durchschnittlichem Gras und pro Gramm 6-12€ sind nicht wirklich billig, wie viele Berichte behaupten. Brauchbares Gras kostet in Holland etwa das gleiche, kann aber deutlich viel mehr pro Gramm. Warum ist Spice dann so beliebt, außer dem offensichtlichen Grund, dass so ziemlich jedes Medium in den letzten Monaten profundes und sagenumwobenes Halbwissen darüber in die Welt gesetzt hat? Ganz klar: Es ist frei verkäuflich, was zur paradoxen Situation führt, dass gerade die bigotte und allemal überdenkenswerte Drogengesetzgebung die Leute scharenweise in die Arme von schlecht bis gar nicht erforschten und möglicherweise gefährlichen Cannabis-Alternativen wie Spice treibt. Ziel verfehlt würde ich mal sagen.

Wer Kinder hat und für wen deswegen Drogen ein Thema sind, sollte übrigens unbedingt mal mit (ehemaligen) Konsumenten darüber sprechen und/oder das Buch "Rauschzeichen - Cannabis: Alles, was man wissen muss" von Steffen Geyer und Georg Wurt" lesen. Ich kann das nur jedem empfehlen, sowohl potenziellen Cannabis-Konsumenten, als auch ganz besonders warm besorgten Eltern von Teenagern. Verbote und Verteufelungen bewirken bei Teenagern nämlich oft das genaue Gegenteil, wenn sie sich aus offensichtlich zur Schau gestelltem Un- bis Halbwissen speisen. Und über Cannabis und Drogen im Allgemeinen geistert unfassbar viel mythisches Halbwissen herum, das oft genug im krassen Widerspruch sowohl zur erfahrenen, als auch zur objektiven Realität steht. Also: Ruhe bewahren, gut informieren und Gespräche auf dem Boden der Tatsachen führen.

Ach ja, die Medienkritik: Spiegel Online benutzt die YouTube Videos von völlig geflashten Salvia-Konsumenten nicht nur im Beitrag über Salvia, sondern auch in einem gesonderten Beitrag über Spice und tut damit so, als würde Spice tierisch flashen. Allerdings flasht nicht mal Cannabis auch nur ansatzweise in der Art, wie es Salvia tut, und Spice erst recht nicht. Solche Berichterstattung klärt weniger auf, als sie neue Konsumenten in die Läden treibt. Das ist scheiße und nützt allein den Herstellern solcher Kräutermischungen. Spiegel Online ist aber nicht alleine damit, deren Videoberichte zum Thema sind sogar vergleichsweise gut recherchiert und bis auf den Fauxpas mit den falsch zitierten YouTube Videos recht stimmig.

Nachtrag 08.12.2008: Den lustigen Tippfehler im Titel habe ich schweren Herzens korrigiert. Aber eigentlich wollte ich darauf hinweisen, dass Malte vom Spreeblick just heute einen kleinen Drogenführer begonnen hat. Wer übrigens Malte nicht kennt oder den Spreeblick, hat recht wahrscheinlich was verpasst, für den Drogenführer gilt das auch. Also ran. Mal schauen wie die folgenden Kapitel aussehen werden.

Noch ein Nachtrag, diesmal am 18.12.2008: Wie man der Internet- und Tagespresse allenthalben entnehmen konnte, ist der wirksame Inhaltsstoff von Spice und Co. wohl das synthetisch hergestellte JWH-018. Siehe auch bei Steffen Geyer oder beim Spiegel Online. Damit ist das Geheimnis wohl geklärt, wenn die Analyse denn tatsächlich stimmt. Ergebnis für die Praxis: JWH-018 ist bisher nur an Mäusen erforscht, also lieber richtiges THC an den Start bringen. Ergebnis für die Sinnebene: Die Situation führt sehr klar die Absurdität des Cannabis-Banns vor Augen. Eine nicht gerade geringe Zahl von Menschen (vor allem Minderjährige) weicht auf legale Cannabis-Alternativen aus und nimmt allein für die Legalität ein unnötig hohes Risiko in Kauf, obwohl Cannabis hervorragend erforscht und vergleichsweise ungefährlich ist. Ungefährlicher jedenfalls als Tabak und auch als Alkohol (Gefährlichkeit hier gemessen an Todesofpern und Suchtpotenzial). Da kann ich nur den Kopf schütteln.


Die deutschen Copycats

02 12 2008

Manchmal kann ich es echt nicht mehr hören das undifferenzierte Gejammer über die german copycats, die ja alle so ultra innovativen US Web 2.0 Dienste einfach 1:1 für den deutschen Markt übersetzen. Arme Amis… Wenn man es etwas differenzierter betrachtet, wird man allerdings mehrere Dinge feststellen:

Zum einen wird man tatsächlich etliche Dienste finden, die mehr oder weniger 1:1 von US-Vorbildern geklaut sind. Aber: Das ist keine besondere deutsche Spezialität, sondern passiert weltweit täglich im Netz (man denke nur an die bestimmt inzwischen dreistellige Anzahl von Twitter-Klonen). Dass das möglicherweise auf dem deutschen Markt häufiger vorkommt, also anderswo (ist das tatsächlich so?), hat für mich einen ganz simplen Grund: Der deutsche Markt ist ein vergleichsweise großer Markt und lokalisierte ausländische Inhalte haben hier Tradition (ich denke hier an Filme und Serien, die durchweg synchronisiert werden). Wenn ein erfolgreicher und innovativer englischsprachiger Dienst keine lokalisierte Fassung für diesen Markt anbietet, macht es eben jemand anderes. Bestes Beispiel: Facebook und StudiVZ. Für Facebook war der deutsche Markt erklärtermaßen mit eher geringer Priorität versehen, also musste zwangsläufig jemand kommen und die zweifelsohne sehr zeitgeistige Idee adaptieren. Das ist nicht fies, dreckig und gemein, sondern eine logische Konsequenz des links liegen lassens eines vielversprechenden Marktes. Wer auf die Mitarbeit seiner Nutzer angewiesen ist, sollte besser deren Sprache sprechen und deren Gepflogenheiten ernst nehmen, sonst macht es jemand anderes. Ob die Oberfläche und Funktionalität hingegen dertart platt abgeguckt werden muss, ist eine andere Frage und da verstehe ich jede Beschwerde. Wenn ich mir allerdings Facebook und StudiVZ jetzt so anschaue, kann ich so viel Ähnlichkeit gar nicht mehr erkennen. Bei den meisten (zumeist englischsprachigen) Twitter-Klonen ist die Ähnlichkeit jedenfalls viel größer.

Eine andere Gruppe sind sehr sehr naheliegende Dienste, bei denen schlicht mehrere Leute auf die gleiche Idee gekommen sind. Branchenverzeichnisse mit Lokalbezug und Bewertungen zum Beispiel drängen sich geradezu auf. Die Frage, ob Qype eine Yelp-Kopie ist oder nicht (Kommentare lesen!) stellt sich daher für mich nicht. Wie eingebildet und hochnäsig kann man sein, hier einen Ideenklau zu unterstellen: Als ob in Deutschland keine innovativen Köpfe im Web unterwegs wären und naheliegende Dienste entwickeln würden. Einer der Kommentare brachte es auf den Punkt: Die deutschen Gelben Seiten als Nachmache der amerikanischen Yellow Pages zu bezeichnen geht schlicht an der Realität vorbei.

Eine dritte Gruppe sind Dienste, die sich in einigen Funktionen überschneiden, sonst aber unterschiedliche Ausrichtungen haben. Ich sehe nichts kritisierbares darin, Funktionen von anderen Diensten zu übernehmen, die sich dort als funktionabel erwiesen haben. Der englische Begriff dafür nennt sich best practice und beschreibt genau das: Man übernimmt Funktionen und Arbeitsweisen, die sich bei anderen bewährt haben. Ein in der Informatik völlig übliches und positiv besetztes Vorgehen.

Ja, es gibt ein Copycat-Problem und ich verstehe, dass es frustrierend ist zu sehen, wie eigene gute Ideen zwei, drei Monate später bei anderen Diensten übernommen werden. Aber hier gilt ganz einfach das Gesetz des freien Marktes: Dass deutsche Copycats in Deutschland erfolgreicher sind als die US-Originale, kommt ja nicht von Ungefähr, sondern zeigt ganz klar Defizite bei der internationalen Expansionspolitik von US-Diensten auf. Wer Wal-Martesk versucht so ganz nebenbei europäische Märkte ohne die nötigen landesspezifischen Anpassungen in die Tasche zu stecken, braucht sich nicht wundern, dass er damit wenig erfolgreich bleibt. Europa und speziell Deutschland und Frankreich sind eben eigene Märkte mit einigen Spezifika die man selber beachten kann oder das eben anderen überlassen.

Letzter Aspekt für heute: Wenn man allzu schnell und leicht kopiert wird, sollte man selbstkritisch genug sein zu erkennen, dass der eigene Dienst offensichtlich nicht so genial und einzigartig ist, wie man denkt. Amazon, eBay und Google sind deswegen nie wirklich gut kopiert worden, weil dort einfach mehr Genius drin steckt, als etwa in Twitter, das jeder halbwegs begabte Webmensch in zwei Tagen nachprogrammiert hat. Zu einem tragfähigen USP gehört laut Marketing-Lehrbuch nun mal die Eigenschaft, nicht in einem Handstreich von der Konkirrenz imitiert werden zu können. Dass Webdienste (gerade in den USA) auch ohne einen solchen USP eine große Menge Venture Kapital ins Popöchen geblasen bekommen setzt diese Regel nur soweit außer Kraft, dass die Kapitalgeber hoffen, dass der Dienst seinen zwangsläufig aufpoppenden Kopien (eben durch dieses viele Geld) stets genau den Schrit voraus ist, der nötig ist.


Ich kauf kein Seitenbacher-Müsli, rede aber drüber, immerhin

12 09 2008

Unerträglich! Aktuell läuft auf 1live wieder ständig ein Seitenbacher-Radiospot, der sich bequem ganz weit oben in der Reihe der schlimmen Seitenbacher-Werbungen platziert. Ich finde die Seitenbacher-Müslis ja an sich ganz lecker und auch attraktiv, wenn auch nicht ganz billig. Aber ich kann sie nicht kaufen, weil ich immer an das Werbung gewordene Grauen denken muss. Dem Hörensagen nach macht der Seitenbacher-Chef die Werbungen selbst und lässt sich dieses Zepter leider auch nicht aus der Hand nehmen. Aber Warum? Was hat die Gesellschaft dem Mann getan, dass er sich so grausam rächen muss?

Wenn ich jemandem den Begriff "Reaktanz" im Werbekontext erklären soll, ist Seitenbacher jedenfalls mein Lieblingsbeispiel.


Prokrastination.com: Blog abonniert, Buch gekauft

03 09 2008

Gerade bin ich auf prokrastination.com gestoßen (Lesebefehl!), das Blog zum demnächst erscheinenden Buch mit dem schönen Titel "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin". Schon vom Titel fühle ich mich zu 120% angesprochen, also habe ich das Buch kurzerhand vorbestellt, noch bevor ich den dazugehörigen Blog abonniert habe. Von Kathrin Passig und Sascha Lobo habe ich ja bereits Bücher im Regal, wobei ich das ganz bestimmt ganz grandiose "Lexikon des Unwissens" ganz bestimmt später mal irgendwann lese, wenn ich Zeit und(!) Muße finde. "Wir nennen es Arbeit" ist ja sowieso Pflichtlektüre für Typen wie mich. Was spricht also dagegen, dieses Buch zu kaufen, ohne den Klappentext gelesen zu haben oder diesen Schönen, kompakten Textauszug mit 6 einfachen Übungen?

Das beste aber ist, dass ich nur ein einziges Buch, das ich im letzten Jahr erworben habe, komplett oder auch nur angelesen habe. Sollte mir das zu denken geben? Warum kaufe ich eigentlich regelmäßig Bücher, die ich dann doch nicht (aus)lese? Nur Stefan Kuzmanys "Gute Marken, böse Marken", das mit übrigens geschenkt wurde, habe ich ganz gelesen; das war zwar nicht so gut wie andere Bücher in meinem Regal, aber dafür schön kurz und schneller durch als eine normale c't. Ich habe sogar schwersten Herzens mein Brand Eins Abo gekündigt, weil ich schon fünf ungeöffnete Ausgaben im Queue hatte. Dafür bekomme ich seitdem ungefragt jeden Monat die H.O.M.E., eine Designerzeitschrift "aus der Designstadt Berlin": Die Leute vom Axel-Springer Aboservice haben mich offenbar echt verstanden, da gibt es nämlich nicht viel zu lesen, sondern nur ganz schöne Fotos von feiner Architektur und unfassbar teuren Möbeln zu gucken. Damit kann ich prima anstinken gegen den Stapel "Art"-Magazine im schicken Designerbadezimmer eines Bekannten, der immer meine oberflächlich durchgeblätterten H.O.M.E. Ausgaben bekommt und diese sicher mehr zu schätzen weiß als ich. Zielgruppe und so, ihr wisst schon…

Apropos Zielgruppe, aber das ist ein anderer Beitrag.


Der Rapper Deichkind

06 07 2008

Aus einem Spiegel-Online Artikel über Sarah Kuttners neue ARD-Show:

Als Schalter der unterschiedlichen Inserate entpuppt sich der 17-jährige Gunnar, der die Reporterin norddeutsch nölend wie der Rapper Deichkind durch seine Friesenhütte führt.

Huch?


Gibt es eigentlich wirklich keine Kopftuch-Pornos?

02 05 2008

Passend zum letzten Eintrag fällt mir wieder mal folgende Frage ein: Gibt es eigentlich wirklich keine Pornos, in denen Frauen mit Kopftuch/Burka/Whatever vorkommen? Ich habe mal irgendwo eine Diskussion zu genau dieser Frage verfolgt: Die Teilnehmer hielten sich für ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Pornografie, aber keinem war jemals ein solcher Film aufgefallen. Eine Suche im Internet blieb erfolglos, so dass irgendjemand eine Liste mit zig türkischen Pornos ins Spiel brachte. So hat also jeder drei davon besorgt und auf besagte Frage hin analysiert: In keinem kam eine Frau mit Kopftuch vor. Wirklich witzig, was man so für Diskussionen im Netz findet, oder? Ich finde sowas ungemein spannend, vielleicht hätte ich eher was Sozialwissenschaftliches studieren sollen.

Jedenfalls hat mich die Frage bis heute nicht los gelassen. Ich habe mir auch die Folgefrage gestellt, warum das so sein könnte, bin aber zu keinem wirklich einleuchtenden Ergebnis gekommen. Es gibt ja auch Pornografie mit Nonnen und allen möglichen anderen symbolischen Kostümen, an religiöse Gründe mag ich daher nicht glauben. Aber warum sonst? Es gibt ja auch Pornos mit Akteuren in Alltagskleidung, dass das Kopftuch aus diesem Grund fehlt zieht also auch nicht.

Denke ich nicht weit genug? Zu weit? Gibt es am Ende doch solche Pornos und man nimmt sie nur nicht wahr? Man blendet ja auch andere Spielarten einfach aus, weil sie einen nicht die Bohne interessieren. Es gibt doch alle nur erdenklichen sexuellen Vorlieben und für alle diese Vorlieben auch passende Pornografie. Hat jemand eine brauchbare Erklärung für mich parat oder wenigstens einen Gegenbeweis für die These der Nonexistenz?


Hoffentlich ein letztes mal DRM

27 04 2008

Ich hab schon lange keine Lust mehr. Meine aufklärerische Arbeit (sichselbstwichtigmach) und die Arbeit vieler anderer zum Thema DRM hat ja offensichtlich gefruchtet: Das Thema DRM für Musikdownloads ist weitgehend durch. Spätestens wenn demnächst Amazon auch auf dem deutschen Markt am Start ist, wird DRM-Fesselmusik wie Steine in den virtuellen Regalen liegen. Gut so. Lasst Euch nicht verarschen!

Also kleiner Digest zu aktueller Presse: Die Musikindustrie hat einen offenen Brief an die Kanzlerin veröffentlicht, in dem sie rumheult und fordert, dass die Bundesregierung etwas tut. Ich frage mich, was sie denn noch tun sollen? Reicht Euch die aktuelle für die Konsumenten sehr unangenehme Lage noch nicht? René von Nerdcore hat alles, was dazu zu sagen ist, in eine offene Antwort verpackt. Ja genau. Was können die Konsumenten und die Regierung (die diese irgendwie schon noch vertritt) dafür, dass Euch Euer Geschäftsmodell wegbricht? Wollt ihr noch analog zum Kohlepfennig einen Musikpfennig haben? Das wär ja ne geile Idee! Da löst sich die Grundlage einer ganzen Industrie auf (was bei der Musik so einfach nicht stimmt), und der Staat muss Arbeitsplätze mit hohen Subventionen sichern. Kennt man ja.

Allein: Eure Probleme sind Hausgemacht. Die Kunden haben plötzlich das Zepter in der Hand. Und die Kunden wollen durchaus Musik und sie wollen auch durchaus dafür bezahlen, ehrlich! Die Welt ändert sich. Heult der Lebensmittel-Einzelhandel rum, dass der Trend zu Convenience-Produkten geht und kaum noch jemand einfach nur Mehl kauft oder die Brauereibranche, dass der Bierabsatz ins Bodenlose fällt? Nein, denn man kann sich auch als Industrie durchaus an veränderte Situationen anpassen: Kommt man bei Rewe rein, empfängt einen eine Convenience-Kühltruhe und im Bierregal stapeln sich zig verschiedene Biermixgetränke, denn die sind tierisch en vogue und verkaufen sich blendend.

Und was macht ihr? Statt den Konsumenten schon seit zehn Jahren Musik im bevorzugten MP3-Format zu verkaufen zu Preisen, die nicht über denen von CDs liegen (aus denen man sich übrigens ganz einfach und noch immer legal eigene MP3s machen kann), und zu Konditionen, die denen von Tauschbörsenmusik mindestens ebenbürtig sind. Sprich: Ein Album für 10 Euro ohne Fußfesseln. Im Spiegel-Online steht übrigens dieser Tage ein gut zusammengefasster Abgesang auf DRM: Microsoft lässt Playsforsure-Musik, die Kunden im msn Musicstore gekauft haben, einfach auslaufen. Ab Mitte des Jahres kann man diese Musik nicht mehr auf andere Rechner (etwa seinen eigenen neuen PC) umlizenzieren. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Nicht nur, dass man seine bezahlte Musik überhaupt umlizenzieren muss, wenn man sie auf seinen neuen Rechner kopiert. Nein, das reicht noch nicht: Man stellt diese Möglichkeit einfach ab und nimmt seinen Kunden die bezahlte Musik damit praktisch wieder weg. Nach maximal drei Jahren.

Zur Erinnerung: Selbstgerippte Musik zum gleichen Preis (inkl. CD) und kostenlos aus dem Netz kopierte Musik läuft ohne jedes Haltbarkeitsdatum einfach weiter, man ist also der Gefickte, weil man für Download-Musik bezahlt hat, obwohl man die gleiche Musik auch für lau aus dem Netz hätte ziehen können. Verkerhte Welt. Und dann heulen diese Leute unserer Bundesregierung die Ohren voll.

Mir ist das inzwischen gleichgültig: Ich habe schon lange meine Musikkäufe auf ein Minimum reduziert. Einer Branche, die so scheiße ist, gebe ich echt nur ungern irgendwelche Kohle. Gibt genug bessere Alternativen für mein beschränktes Medienbudget. Überhaupt: Wie vermessen ist das ganze eigentlich? Die Leute versenken ihr Medienbudget inzwischen schlicht woanders und die Musikindustrie will Schutz davor? Wie? Meinen die im ernst, die Leute kaufen wieder mehr Musik, wenn man rechtlich gegen sie vorgeht und das mit harten Bandagen? Ganz offensichtlich schmecken den Leuten die aktuellen Konditionen oder die Inhalte nicht mehr. Was macht man als Geschäftsmann: Man dreht genau daran. Naja, ist ja gut jetzt. Schönen Sonntag noch.


Weltrekordversuch im Dauerbloggen

15 01 2008

Ein paar todesmutige Leute, die das gleiche studieren, was ich studiert habe, hauen im Rahmen einer Lehrveranstaltung zu PR- und Pressemanagement ein witziges Blogprojekt raus: Ein Weltrekordversuch im Dauerbloggen. Wer etwas Ahnung von Blogs hat, kann sich darunter garantiert erst mal nichts vorstellen, so auch ich anfangs nicht. Tatsächlich ist das so gedacht, dass 24 Stunden lang 12 Einträge pro Stunde in ein gemeinsames Blog gehackt werden, wobei jeder Gast mitbloggen darf. Also auch Die Besucher des morgigen Tags der offenen Tür an unserer schönen FH. Das ganze ist als Weltrekordversuch beim Guinness Buch der Rekorde angemeldet, hat aber sicher keine Chance auf offizielle Aufnahme. Egal, ist auch so witzig.

Das beste daran ist aber die Einbindung von ein bis zwei Webcams, die Live über Mogulus einen schönen Webstream ins Netz senden, man kann also auch von außen zusehen, was da passiert. Spaßig, wie ich finde.

Ich mache mir allerdings sorgen, dass Horst, unser sehr alter und sehr schwachbrüstiger Testserver total schlapp macht sobald der ein oder andere Besucher die Seite besucht. Einen echten Backup-Server haben wir leider nicht und neue Hardware ist erst gestern gekommen, so dass eine Einrichtung zu knapp war. Mal schauen.

Das richtige Fernsehen ist übrigens gerade da, wie mir ein Vögelchen gezwitschert hat. Also hoch und mal bei center.tv in die Kamera gucken…

Nachtrag 17:01: Ach, ganz vergessen zu erwähnen, dass Google einem als Korrekturvorschlag für Dauerbloggen dauerblasen vorschlägt, auch nicht schlecht.


DRM ist sowas von raus

11 01 2008

DRM-Maßnahmen gelten als das größte Verkaufshindernis für Musikdownloads.

Das geht bei mir runter wie Öl und stammt aus einem Abgesang auf DRM im SPON, der deutlichere Worte kaum hätte finden können. Lesenswert. Natürlich schadet DRM mehr als es nützt. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es der Musikindustrie überhaupt nicht genützt hat. Naja zum Erkenntnisgewinn vielleicht…

Man beachte auch meinen Nachtrag zum letzten Artikel zm Thema DRM.

Eigentlich wollte ich meine schon erwähnte Hausarbeit zum Thema DRM hier veröffentlichen, aber bei einer schnellen Lektüre ist mir aufgefallen, wie schlecht sie im Vergleich zu meiner Thesis ist. Sowas kann ich keinesfalls öffentlich zur Verfügung stellen, ohne mich in Grund und Boden zu schämen. Ich habe eine steile These nach der anderen rausgehauen und Dinge behauptet, die ich nicht näher erklärt und auch nicht belegt habe. Das mag in großen Teilen der Kürze der Arbeit geschuldet sein, aber das ist keine Entschuldigung für wissenschaftliche Unzulänglichkeit; auch nicht, dass eigentlich alles (inkl. der Behauptungen) inhaltlich korrekt ist und meine Thesen fast alle inzwischen verifiziert worden sind (was mir eine gewisse Befriedigung bereitet). Auch die Formulierungen sind nach wissenschaftlichen Maßstäben mitunter haarsträubend. Eventuell hätte ich mir für die 15 Seiten mehr als ein Wochenende Zeit nehmen sollen, die 3,3 ist jedenfalls durchaus berechtigt. Andererseits macht Übung den Meister und ein Jahr später hat meine Thesis diese ganzen Fehler Kinderkrankheiten nicht mehr gezeigt.


Das Thema DRM ist endlich durch

05 01 2008

Heute habe ich feierlich die Seite Wir haben bezahlt aus meiner Blogroll geworfen. Denn, mit Sony BMG hat sich nun das letzte der vier Major Label zum Verzicht auf DRM entschlossen, was die Verlinkung dieser Seite für mich überflüssig macht. Ausschlaggebend ist wohl Amazons Vorstoß gewesen, in den digitalen Musikmarkt einzugreifen, aber eben nur ohne DRM oder gar nicht. Gut so, auch als Gegengewicht zu iTunes. Ich bin gespannt, wann auch andere Shops davon profitieren werden. Endlich ist Schluss mit diesem DRM-Scheiß. Die Musikindustrie (repräsentiert durch die vier Majors) hat im Übrigen auch keine andere Wahl. Keine Industrie kann gegen seine Kunden etwas durchsetzen, was diese nicht wollen; abgesehen von Monopolen, aber die Musik der Majors hat sich gerade nicht als Monopolgut herausgestellt, zu umkämpft ist das Medien(zeit)budget der Leute.

Jetzt fehlt mir nur noch ein Feature: Wenn ich eine CD bei Amazon kaufe, wäre es der Hammer, wenn ich die Musik im Voraus schon als MP3 herunterladen könnte. Sofort loslegen können, nicht selber rippen müssen und trotzdem die CD bekommen ist ein Killerfeature, liebe Amazon-Strategen, aber nur zum gleichen Preis. Denn der Vorteil zieht nur die zwei Tage, bis die CD da ist, denn dann kann ich sie ja auch selber rippen.

Ohne zu sehr auf meiner mit 3,3 bewerteten Hausarbeit zum Thema DRM vom Sommer 2006 rumreiten zu wollen, muss ich doch noch mal kurz erwähnen, dass da genau das drin stand: DRM lässt sich nicht dauerhaft gegen die Kunden durchsetzen und in spätestens 2 Jahren ist Schluss damit. Dieser Umstand zaubert mir immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Die 3,3 kam übrigens dadurch zustande, dass ich meine durchaus schlüssig dargelegte Argumentation nicht beweisen bzw. belegen konnte, zumindest nicht mit gedrucktem Material (Blogs zwitscherten das ja schon von allen Dächern, aber Blogs gelten nicht als Quelle); ergo mangelnde Wissenschaftlichkeit – schlechte Note. Die These "DRM ist nötig, deswegen verkaufen wir nur mit DRM" war allerdings ebenso wenig belegt. Ein Diskurs konnte also meines Erachtens nur auf rein theoretischen Gedankengängen beruhen. Genau dieser (pseudo-)wissenschaftliche Wahnsinn ist übrigens schuld an meinem Entschluss, nicht noch einen Master an meinen Bachelor dran hängen zu wollen. Wie auch immer: Ich hatte recht, was mich im Nachhinein sehr befriedigt.

Nachtrag 05.01.2008 19:14: Eben kam ein Einwand zum Amazon-Bundle-Modell, dass das 14-tägige Rückgaberecht ein Problem sein könnte: Man kauft ne CD, zieht sich die MP3s und schickt die versiegelte CD zurück. Guter Einwand, aber rechtlich sehe ich kein Problem darin, das Rückgaberecht in dem Fall einzuschränken, solange Amazon deutlich genug darauf hinweist. Die DSL-Provider machen das auch so mit dem Haken "Auftrag schnellstmöglich ausführen". Hakt man das an, hat man kein 14-tägiges Widerrufsrecht für den DSL-Vertrag und der Provider legt sofort los. Unschön ist dabei nur, dass die Provider nicht deutlich genug auf die Konsequenzen hingewiesen haben (ist das noch so?).

Wenn der Hinweis bei Amazon also deutlich genug ist(!) und der Haken nicht standardmäßig gesetzt ist(!), wird es zwar trotzdem Kunden geben, die das verpeilen; aber das werden nicht viele sein und die haben halt Pech gehabt, finde ich.