Flattr ist keine Lösung für alles, aber gerade deswegen so schön

19 05 2010

Als ich den Vortrag von Peter Sunde auf der re:publica 2010 (Mitschnitt auf YouTube) gesehen habe, war ich sofort geflasht. Peter redete erst mal ein paar Minuten locker flockig über die Vergangenheit von Pirate-Bay, dass es einem Warm ums Herz werden konnte. Wenn etwas Punk ist, dann das. Dann wechselte das Thema zum neuen Projekt der Schweden: Flattr ist eine Art Micropayment-Dienst, dessen Idee so simpel wie genial ist. Oder sollte man kongenial sagen? Denn ähnliche bis sehr ähnliche Ideen gibt es auch anderswo, etwa bei Kachingle. Wie auch immer, der Einführungsfilm auf der Flattr-Homepage sagt in zwei Minuten eigentlich alles, was man wissen muss, also schnell mal anschauen:

Inzwischen habe auch ich meine Invite-Codes bekommen und habe einen Flattr-Button in meinem Blog. Wer mir also seine Wertschätzung zeigen möchte, kann dies nun auch via Flattr tun. Da sind wir auch schon beim Knackpunkt: Ich erwarte keine nennenswerten Einnahmen auf diesem Kanal, aber das ist auch gar nicht das, wofür Flattr gedacht ist. Für mich ist Flattr eine lang vermisste Möglichkeit, guten Inhalten im Netz meine Wertschätzung auch finanziell zu zeigen. PayPal Spendenbuttons haben das Problem, dass man den angemessenen Betrag bestimmen muss. Man will weder knausrig sein, noch 100€ im Monat an Spenden raushauen, also spendet man nur sehr selten für etwas. Ich habe zuletzt 25$ an Brian Dunning von Skeptoid gespendet, nachdem ich etwa 150 der 200 Episoden geradezu verschlungen habe. Solche Spenden sind aber eher die Ausnahme denn die Regel, wo nun Flattr ins Spiel kommt. Flattr löst das Problem, indem es die Sache einfach umdreht: Ich lege monatlich fest, wieviel ich insgesamt spenden möchte und alle Klicks auf irgendwelche Flattr-Buttons im Netz bekommen einen gleichen Anteil an dieser Summe. Die Flatrate-idee ist großartig, denn so sitzt mein Spendenfinger sehr locker. Jeder gute Text (und davon gibt es viele im Netz) bekommt so eine kleine Wertschätzung von mir. Damit wird niemand reich, aber die Geste zählt; es ist wie das Bier, das man jemandem ausgibt. Genau darauf habe ich gewartet.

Großartig wäre natürlich, wenn man seine Things I have flattred per RSS abrufen und in seinen Lifestream packen könnte, so als Premium-Empfehlungen. Großartig wäre auch, wenn die Kohle automatisch abgebucht würde und man nicht jeden Monat wieder manuell Geld überweisen müsste. Aber Flattr steckt noch in der Beta-Phase und dafür funktioniert es schon ganz prächtig.

Und weil ich das Wort Großartig noch nicht oft genug benutzt habe, hier noch einmal: Das großartige an Flattr ist gerade, dass man damit nicht reich wird, sondern auf einfachstmögliche Art ein paar Kröten verteilen kann. Auf der anderen Seite ist so ein Flattr-Button keine Anmaßung, eine wunderschön unaufdringliche Art, Besuchern eine kleine Wertschätzungsäußerungsmöglichkeit zu bieten. Eben keine Universallösung. Genau deswegen wird es erfolgreich sein.

P.S. Hatte nicht Facebook sowas schon seit Ewigkeiten in der Pipeline? Was ist daraus eigentlich geworden?


Einige Gedanken zur Geschlechterfragendiskussion bei den und um die Piraten

18 05 2010

Anlässlich des Bundesparteitags der Piratenpartei am letzten Wochenende kocht gerade wieder mal die Gender-Suppe. Konkret geht es um die Frage pro oder contra Frauenquote bei den Piraten und es wird heiß diskutiert. Malte Welding hat einen interessanten Einwurf parat, man lese da auch und vor allem die Kommentare. Ich selbst habe ausnahmsweise auch mal kommentiert und mich – für mich überraschend – für eine Frauenquote ausgesprochen. Ich sehe zwar keinen echten Sinn in einer und auch manifeste Nachteile durch eine Frauenquote, aber was hat man zu verlieren? Mit ein wenig Pech ein paar nicht so brauchbare Frauen in Positionen? Ja nu, wenns weiter nichts ist? Positionen werden auch stetig mit Männern schlecht besetzt, also kein echter Verlust an dieser Front. Fragt sich, was eine Frauenquote an Nutzen bringen könnte. Ich zweifle stark an, dass das im Falle der Piraten wirklich hilft; aber die Idee dahinter ist ja, Frauen anzulocken und zu motivieren, sich in der Partei zu engagieren. Wenn das klappt – ich lasse mich ja gerne eines besseren belehren – wäre den Piraten viel geholfen. Frauen interessieren sich gewöhnlich leider einen Scheiß für die Kernthemen der Piraten, die Reaktionen variieren meist zwischen demonstrativem Desinteresse und aggressivem Ablehnen der Thematiken. Jede Frau, die da anders drauf ist, ist hochhöchstwillkommen; nicht nur bei den Piraten, sondern in der ganzen Bewegung und überhaupt der IT-Branche. Wir leiden unter massivem Frauenmangel, so sieht die Realität aus. Ein feiner Text von Mela Eckenfels (deren Kochbuch für Geeks ich in meinem Regal stehen habe) beleuchtet die Problematik sehr gut. Unbedingt lesen, bevor man die Piraten von Außen mit Gendergranaten bewirft.

Wenn nun eine Frauenquote hilft, die Befindlichkeiten zu heilen, die Frauen von einem Engagement bei den Piraten abhalten, dann her damit. Nochmal: Ich behaupte, dass bei den Piraten schon jetzt keiner Frau des Frauseins wegen Steine in den Weg gelegt werden, ganz im Gegenteil. Eine Frauenquote liefe meiner Erwartung nach also massiv ins Leere. Na und? Dann kann man sie auch einführen, um die lähmende Diskussioin hinter sich zu bringen.

Vielleicht gibt es aber noch andere Nachteile bei einem Bekenntnis zu Instrumenten, wie der Frauenquote. Christophe Chan Hin hat einen lesenswerten Text verfasst, der sich etwas von der Genderproblematik entfernt und gute Gründe liefert, wieso Konzepte wie Frauenquoten bei den Piraten einfach nicht passen. Letztlich liefert der Text einen recht plausiblen Erklärungsansatz, wieso die Piraten die Frauenquote mehrheitlich ablehnen. Und der Grund ist kein Machogehabe oder Maskulinismus in der breiten Basis, auch keine Angst vor guten Frauen in Führungspositionen (allein diese Unterstellung ist in meinen Augen eine Unverschämtheit). Die Piraten sind eine Manifestation eines Konzeptes der vorurteilsfreien Zusammenarbeit. Gerade dass hier kein Sündenbock gesucht wird, kein die Anderen sind schuld gelebt wird, macht die Stärke der Piraten aus. Zusammenarbeit unter dem Leitstern der Vernunft der Individuen lässt keinen Raum für Geschlechter- und sonstige Lager. Wozu auch? Ist das zielführend? Eher nicht. Daher die Ablehnung dieser lähmenden ideologischen Thematik. Folgende Absätze sind sehr erhellend bei der Frage nach dem Wesen der Piratenpartei:

Die Piratenpartei ist keine Ein-Themen Partei. Sie ist der politische Ausdruck einer vernetzten Gesellschaft. Geradezu rücksichtslos entern die Piraten die ganz wesentlichen Themen, die von den Linken und Liberalen schon längst vergessen wurden. Die Austauschbarkeit der anderen Parteien, die alle in eine Mitte wollen, hat mit der Erodierung ihrer eigenen Prinzipien und einer die Gesellschaft spaltende Sündenbockpolitik zu tun. Im Gegenteil unterscheiden sich die Parteien mittlerweile nur noch in der Wahl ihres Sündenbocks, und mit offenen Armen wird jede Möglichkeit, einen neuen Schuldigen zu finden, auch wenn sie noch so Menschenverachtend ist, empfangen. Hier setzt die Piratenpartei an, um eine Gesellschaft zu verhindern, die sich gegenseitig misstraut und dabei nicht merkt, dass in ihrer Spaltung das Kontrollinstrument liegt.

Aber in Momenten, wo 160.000 Menschen eine Petition gegen Zensursula unterschreiben, wo fast 150.000 Menschen gegen Atomkraft auf die Strasse gehen, wo bundesweit 85.000 Menschen für den Bildungsstreik eintreten, da bekommt die Politik eine Ahnung, wie instabil ihre Kontrolle ist, sobald Menschen ihre Klasse, Rasse, ihr Geschlecht und ihre Leitkultur mal links und rechts liegen lassen und sich zusammenschließen.

P.S. Passt nicht wirklich hier her, aber ist auch interessant: Volker Beck gibt den doofen Piratenwählern (und Linksparteiwählern) die Schuld daran, dass nun vielleicht Rüttgers Ministerpräsident bleibt. Wer hat uns verraten? Die Piraten! Wer war mit dabei? Die Linkspartei! Wow, interessante Negierung der Problematik, wenn auch inzwischen auf Kritik reagierend mit IRONIE-Hinweisen versehen. Die Haltung habe ich unter Grünen aber schön das ein oder andere Mal vernommen. Tatsächlich ist es so, dass ohne die Piratenpartei und unter der nicht ganz ungültigen Annahme, dass die dann freiwerdenden Stimmen primär der SPD und den Grünen zufließen würden, Rot-Grün in NRW die sehr knappe Mehrheit hätte. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass diese fehlenden Stimmen ein bitterer Schlag ins Gesicht von Rot-Grün ist. Beide Parteien haben ihre ursprünglichen Linien verlassen und verlieren massiv Stimmen an Piraten und Linkspartei. Aber statt das als Schuss vor den Bug zu sehen oder als Volltreffer im Fall der 2010er NRW-Wahl, wird den abtrünnigen Wählern trotzig ein Vorwurf hinterhergeworfen. Liebe Grüne: Wie wäre es mal mit einem Reality-Check? Eine Analyse, wieso ein wahlentscheidender Teil der eigenen Wähler sich bei den Piraten besser aufgehoben fühlt? Wer ist hier der Verräter? Eure verdammte überwältigende Enthaltungsfraktion bei der Abstimmung zu Zensursula war eine Zäsur für nun wohl auf längere Zeit ehemalige Grünwähler wie mich. Klarer kann man sich beim Themenkomplex Bürgerrechte in der Informationsgesellschaft kaum auf der falschen Seite positionieren. OK, die SPD hat sich die Hände noch schmutziger gemacht, aber die waren eh schon verlorenes Land. Wenn hier einer trotz allem Schwarz-Gelb in NRW ermöglicht hat, dann sind das SPD und Grüne, die konsequent Wähler vergraulen. Und das auf eigenem Terrain, sind Bürgerrechte doch eigentlich mal Kernthema der Grünen gewesen. Genau diese Arroganz hat mich bei meinen letzten drei Wahlentscheidungen von den Grünen ferngehalten. Würden die Grünen ihren Job wieder ernst nehmen, bräuchte es keine Piratenpartei. Im Grunde ließe sich gar sagen, dass die Piratenpartei die Linkspartei der Grünen ist. Das wäre aber arg vereinfacht, speist sich die Linke zumindest im Westen doch zu guten Teilen auch aus enttäuschen Grünwählern.

Nachtrag 24.05.2010: Schnell noch ein interessanter Beitrag zur Gendersache an sich und Lena Simons Nichtwahl im Speziellen nachgeschoben. Nicht die erste Stimme, die ich höre, die angesichts von Lena Simon (der einzigen Vorstandskandidatin) ganz froh ist, dass es bei den Piraten keine Quote gibt. Laut polternde und polarisierende Leute brauchen die Piraten einfach nicht. Die Trolle in den Foren sind schon schädlich genug für das Außenbild der Partei, Polarisatoren haben in der Parteileitung nichts zu suchen. Vor allem nicht angesichts der Parteilinie der aufgeklärten Besonnenheit.


Objektorientierte Entwicklung vs. PHP 4

05 05 2010

Zur Zeit arbeite ich an einem Wordpress-Projekt und bin nach der Umstellung auf PHP 5.3 (vorher war versehentlich PHP 4 auf dem Webspace aktiv) über etliche Deprecated-Warnungen gestolpert. Die explizite Zuweisung von Objekten per Referenz (also mit =& statt dass das Objekt mit = geklont wird) in der wp-settings.php ist schuld, denn dieses im Grunde erwartungskonforme Verhalten ist seit PHP 5 der Normalfall, Objekte werden jetzt nur noch geklont, wenn man explizit clone benutzt, so dass die explizite Zuweisung per Referenz überflüssig ist und angemahnt wird.

Nun ist es bei einem guten Hoster ein Handgriff ein, die E_DEPRECATED-Warnungen in der php.ini zu unterdrücken, von daher ist das alles halb so wild. Die Sache ist aber ein Symptom eines großen Dilemmas: Will man – aus welchen Gründen auch immer – kompatibel zu PHP 4 bleiben, muss man manchmal Code schreiben, der in PHP ab 5.3 eine Deprecated-Warnung wirft. Das TYPO3-Backend beispielsweise warf bis vor kurzem (vielleicht auch immer noch) ebenfalls Unmengen an Deprecated-Warnungen, weil es intensiven Gebrauch von eregi-Funktionen macht. Die kann man mit gutem Geschwindigkeitsgewinn und ohne Schwierigkeiten mit PHP 4 gegen preg-Funktionen austauschen, hier ist es also lediglich eine Sache von Fleiß; ganz davon abgesehen, dass TYPO3 sowieso seit Jahren kein PHP 4 mehr unterstützt. Die Sache bei Wordpress und einigen anderen Projekten mit Objektorientierten Elementen ist aber eine Zwickmühle.

Wobei es in meinen Augen keineswegs eine Zwickmühle ist, da die Lösung auf der Hand liegt: Man wirft einfach den PHP 4 Support über Bord und hält die Anfeindungen einiger Ewiggestriger aus, die nicht wissen, wie sie bei ihren Webspace eine aktuelle PHP-Version umstellt. Diese Anfeindungen kommen leider vor, und sind einer der Gründe, wieso ich zu Serendipity keinen Code mehr beitrage. Serendipity bewahrt wie Wordpress noch immer die PHP 4 Kompatibilität und steht einer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung damit massiv im Weg. Wordpress wird wohl ab Version 3.0 (also ab demnächst) PHP 5 vorraussetzen, damit es endlich nach vorne gehen kann. Das ist im Falle von Wordpress auch bitter nötig, wenn man sich den mitunter grauenerregenden Code anguckt. Die aktuelle Beta 1 wirft aber leider immer noch die Deprecated-Warnungen.

Es gibt so etwas wie Codehygiene. Ich frage mich, wieso sich so viele Softwareprojekte mit aller Macht dagegen stemmen, ihren Code ein wenig zu warten. Eregi-Funktionen gelten schon seit mindestens fünf Jahren als um Größenordnungen langsamer, als ihre preg-Pendants. Wieso zur Hölle liest man dann als Abhilfe für Deprecated-Meldungen immer und überall, dass man die Warnungen ausschalten soll? Wo ist das Problem, sich einmal eine Nacht hinzusetzen und die veralteten und langsamen eregi-Funktionen zu eliminieren? Wieso wird unter Verzicht auf fundamental wichtige Programmiertechniken der Objektorientierung auch mehrere Jahre nach Einstellung des Supports für PHP 4 so sehr daran geklebt? PHP 4 ist veraltet, langsam und behindert massivst eine saubere Programmierung. Das ist sogar so offensichtlich, dass es jedem auffallen müsste, der nur ansatzweise objektorientiert mit PHP programmiert. PHP 4 fehlt es an fundamentalen Funktionalitäten an allen Ecken und Enden, nicht nur bei der Objektorientierung. Bitte, hört auf mit der falsch verstandenen Rückwärtskompatibilität und blickt mal nach vorne.

P.S. Ich bin übrigens latent auf der Suche nach einem neuen Blogsystem. Serendipity möchte ich den Rücken kehren, weil sich an der Front scheinbar nichts mehr tun wird. Auf PHP 5 umstellen? Neue Programmierkonzepte zulassen? Nix da, alles bleibt, wie es ist. Ein System, dessen Core so ungerne angefasst wird, ist nicht meins. Davon abgesehen, dass der Core in meinen Augen sowieso gar kein HTML ausgeben sollte. S9Y ist super stabil und funktioniert bei mir seit nunmehr fast sechs Jahren ohne jedes nennenswerte Problem vor sich hin, aber in etwa so lange hat sich auch nicht mehr wirklich etwas nennenswertes weiter entwickelt; das stimmt zwar nicht ganz, aber die Änderungen blieben insgesamt doch sehr dezent. Wordpress ist leider keine Alternative, auch wenn das Backend großartig ist. Ein Blick in den Core an beliebiger Stelle sollte ausreichend Anlass geben, das System nicht zu wollen. Was ist eigentlich aus Habari geworden?


Warum ich wieder Piraten wähle

04 05 2010

Ich habe meine Wahlentscheidung für die NRW-Landtagswahl 2010 getroffen, nachdem ich lange hin und her gerissen war. Letztlich habe ich mich wieder für die Piratenpartei entschieden und möchte einige Gedanken dazu niederschreiben.

Nach der Bundestagswahl war ich davon ausgegangen, dass es für die Piratenpartei auf Landesebene keinen wirklichen Bedarf gibt, da sich das zentrale Kernthema der Bürgerrechte in der Informationsgesellschaft auf Landesebene nicht sonderlich auswirkt. Doch weit gefehlt, mit dem JMStV (Ein guter Einstiegspunkt zum Thema JMStV ist netzpolitik.org) kommt der Wahnsinn über die Länderebene ins Spiel. Ich will jetzt nicht viele Worte zu speziellen Themen wie dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag verlieren (Stichwort Internet-Sendezeiten), nur so viel: Keine in irgendeinem Land regierungsbeteiligte Partei hat sich bei dem Thema positiv hervortun können, jede dieser Parteien hätte die Möglichkeit dazu gehabt, federführend war nicht die CDU, sondern die SPD. Das zeigt mir eindrucksvoll, wie wenig vom letzten Jahr tatsächlich bei diesen fünf Parteien angekommen ist und wie wichtig nachwievor die Piratenpartei als Impulsgeber ist.

Es ist schön, dass der Impact der Piratenpartei (in manifesten Wählerstimmen messbar) bzw. der gesamten Bewegung in der Regierung so groß ist. Die hetzige Stimmung ist einem offenen Dialog gewichen, oder zumindest der Simulation eines offenen Dialogs. Constanze Kurz hat einen tollen Artikel dazu in der FAZ geschrieben, lest den unbedingt. Ich bin der Überzeugung, dass Frau von der Leyen und Herr Schäuble in erster Linie wegen des offensichtlichen Impacts der Piratenpartei heute auf Ministerposten sitzen, auf denen sie möglichst weit weg vom Geschehen sind und keinen Schaden mehr anrichten können. Die CDU hätte vom herben Verlust der SPD profitieren müssen; wenn man nun nach Gründen sucht, warum das ausgeblieben ist, könnte man schon mal auf die Idee kommen, dass das Nettowahlergebnis der beiden Ministerien für die CDU wohl doch eher negativ ausgefallen sein dürfte. Das ist Spekulation, aber bis ich einleuchtendere Gründe für die – im Falle von Frau von der Leyen sogar nachträglich bei der erstbesten Gelegenheit durchgeführten – Versetzung höre, bleibe ich dabei.

Zurück zum Thema: Die Dialogbereitschaft des Innenministeriums in Sachen Netzpolitik ist leider nur etwas Honig ums Maul, die Agenda ist offensichtlich die gleiche geblieben, wie Herr de Maizière im Interview mit der taz offenbart. Kuschelkurs nur so weit, um der Piratenpartei (und der ganzen Bewegung, nie vergessen!) genug Wind aus den Segeln zu nehmen. Für mich ist jede Stimme für die Piratenpartei, egal ob sie die 5%-Hürde knackt oder nicht, eine Stimme, die erstens den etablierten Parteien fehlt und zweitens eine klare Position in die Diskussion einbringt. Man mag die Piraten für Spinner halten, aber dann wird die Message noch dringlicher: Da sind überwiegend gebildete und aufgeklärte Leute, die eine Spinnerpartei wählen, weil ihnen deren Kernthema so wichtig erscheint und sie offensichtlich bei keiner der anderen Parteien ein Zuhause finden. Oder anders herum: Würden die Piraten nicht überwiegend für Spinner gehalten, wäre die 5%-Hürde kein Thema gewesen. Die FDP hat ordentlich abgeräumt in diesem Klientel, vielleicht auch die Grünen und die Linken. Wir reden hier von 800.000 Menschen, denen das Thema derart wichtig ist, dass sie ihre Stimme an eine so fragwürdige Partei wie die Piraten verschenken.

Was sollte man auch sonst wählen?

  • Die CDU? Den Feind, der für alles steht, was scheiße ist? Ich könnte Bücher füllen mit Gründen, warum die CDU nun wirklich ganz und gar nie und nimmer geht. Es gibt tatsächlich auch gute Gründe, die CDU zu wählen oder sich dort zu engagieren, die kömmen aber in meinen Augen nicht über Bodensatz an Scheiße hinaus. Echt mal, CDU? srsly?
  • Die SPD, für die der Name Verräterpartei noch schmeichelhaft ist? Die, die alles durchwinken und deren einzige Linie der letzten Jahre war, eben keine Linie zu haben? Nene, da braucht es schon klare Bekenntnisse statt so Brüllern wie dem JMStV oder der Zustimmung zur Internetzensurinfrastrukturgesetz oder zur Vorratsdatenspeicherung. Hinterher dann stets das Gegenteil zu behaupten ist in etwa so glaubwürdig, wie jemanden "mein Freund" zu nennen, dem man gerade aus Jux eine gezimmert hat.
  • Die FDP? Die mit den Apothekern und Hoteliers? Die, deren Vortänzer so unerträglich gegen die sozial schwachen hetzt? Keine Frage hat sich die FDP überraschend stark bei informationsgesellschaftlichen Themen positioniert. Wegen Personen wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (aktuell mit tollem Text in der Stuttgarter Zeitung) und Gerhart Baum habe ich auch mal die FDP gewählt und ich denke nachwievor, dass dieser Flügel ein ziemlich guter Grund ist, die FDP nicht so kategorisch abzulehnen, wie viele Leute das tun. Leider sind die anderen Flügel in der FDP in der Überzahl und bewegen sich zwischen "schlimmer als die CDU" und "recht bauchbar". Ich schätze die FDP, würde sie aber nicht mehr wählen.
  • Die Linke? Ich schätze die Linke als Impulsgeber und der eine Teil, der so rührig an Sozialem im engeren Sinne interessiert ist, ist mir sogar sympathisch. Ehemalige Grünwähler, für die der Einsatz im Kosovo seinerzeit eine Zäsur war, für die allgemein die Rot-Grüne Politik eine der dicksten Enttäuschungen ihres Lebens war. Nachvollziehbar. Mit den anderen Seiten der Linken will ich aber nichts zu tun haben. Als Impulsgeber für eine nach allen Seiten offene politische Diskussion gerne, von hier kommen immer wieder klare und gute Einwürfe. Eine Wählerstimme von mir? Ganz sicher nicht. Erst recht nicht für die auffällige Stillheit, wenn es um dieses Internet geht.
  • Die Grünen? Ich wäre mal fast Mitglied geworden und habe lange Grün gewählt. So wie Ende der 90er etliche Grüne Stammwähler enttäuscht waren, bin ich nachhaltig von den Grünen beim Thema Bürgerrechte und Informationsgesellschaft enttäuscht. Das wäre eigentlich ein Stammthema der Grünen, doch halten sie sich sehr bedeckt dazu. Ich erwarte von den Grünen, dass die in der ersten Reihe stehen, wenn es gegen die Einführung von Zensurinfrastruktur geht. Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Enthaltungen zum Thema, wohin das Auge reicht. Nichts zu sagen hat man scheinbar bei den Grünen, wenn es um dieses Internet geht. Scheiße, wacht mal endlich auf!

Für mich ist der gesamte Basiskomplex der Piraten (Bürgerrechte, Informationsgesellschaft) das wichtigste Zukunftsthema und die Piraten sind die einzigen mit einer halbwegs sinnvollen Vision dafür. Fuck, deswegen sind die überhaupt erst gegründet worden. Traurig, dass die Existenz der Piratenpartei überhaupt eine Grundlage hat und es wäre mir lieber, wenn die Piraten so schnell wie möglich überflüssig würden. Die Realität zeigt leider in eine andere Richtung. In der Zwischenzeit hat sich die Piratenpartei übrigens ein veritables Parteiprogramm für die NRW-Wahl parat gemacht, bei dem von Spinnerei nicht viel zu sehen ist. Ich gehe nicht überall konform mit diesem Programm, vor allem geht mir die Drogenpolitik nicht weit genug, aber es ist geprägt vom Glauben an das Richtige, so wie ich es verstehe. Der Link zeigt auf die Kurzversion des Programms, das bedenklich im Revier der Grünen wildert. Man schaue sich nur mal den offiziellen Wahlwerbespot an, ebenfalls interessant ist dieser inoffizielle Wahlwerbespot.

Also, 5%-Hürde hin oder her, die Auswirkungen jeder Stimme für die Piratenpartei treffen unabhängig davon die richtigen. Wenn einem die Themen der Piraten wichtig sind und wenn man diese in den anderen Parteien nicht abgedeckt sieht, sollte man sich einfach mal was trauen. Auch für mich war es eine Überwindung, den Piraten meine Stimme zu geben, ich habe es aber bisher nicht bereut. Es wird wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Landtagswahl und mir gefällt keine der zur Diskussion stehenden Koalitionen so wirklich, also geht meine Stimme wieder an die Piraten. Eine prima Alternative zum aus Verzweiflung Nichtwählen allemal.

Nachtrag 10.05.2010 (ein Tag nach der Wahl): Die Piraten haben gut 1,5% der Zweitstimmen einsammeln können, das sind absolut gesehen 40.000 Stimmen weniger, als bei der Bundestagswahl 2009 in NRW erreicht wurden. Gemessen daran, dass der große Aufhänger der Piratenpartei momentan signifikant weniger Akut erscheint (aber leider in Wirklichkeit so akut wie eh und je ist), ist das ein hervorragendes Ergebnis; zumal die Thematik auf Länderebene sowieso eher wenig relevant ist. Nur 40.000 Stimmen weniger als während der aufgeheizten Bundestagswahl ist weitaus besser, als ich gedacht hätte. Viel mehr ist auch nicht drin beim aktuellen Zustand der Piraten, bei Carta und anderswo werden Rufe laut, nun endlich mal einen ernsthaften Namen zu wählen, um als echte Alternative ernst genommen zu werden, statt als lustiges Protestmittel. Ich habe diese Meinung vor einem Jahr ebenfalls vertreten, bin mir inzwischen aber gar nicht mehr so sicher, ob nicht der Name Piratenpartei noch eine ganze Weile hervorragend funktionieren könnte. Ernst genommen wird man, wenn man Flagge und Gesicht zeigt und kluge Sachen sagt. Ein komischer Name ist da nicht zwingend hinderlich, wie man an Sascha Lobo sieht, dessen Frisur in allen Talkshows mit einem Thema in der Nähe von diesem Internet auftaucht. Stellt sich natürlich die Frage, wie ernst Sascha Lobo allgemein genommen wird, aber er hat eine Stimme, die gehört wird.


Urlaub machen

28 12 2009

Ich mache Urlaub, ich weiß, es ist kaum zu glauben. Denn ich fahre nicht gerne in den Urlaub, erst recht nicht, wenn ich knapp bei Kasse bin. Und schon gar nicht eine ganze Woche. Nun haben wir aber schon seit Jahren vor, zu Sylvester ein Haus am Meer mit Sauna klar zu machen. Und weil über Sylvester alle Häuser eine Mindestmietzeit von einer Woche haben, oder wenn sie weniger zulassen, das gleiche kosten, wie andere Häuser eine ganze Woche, sind wir jetzt gleich eine ganze Woche am Start. Naja und knapp bei Kasse bin ich zur Zeit glücklicher Weise (zumindest theoretisch) auch nicht so wirklich. Da wir nicht irgendwo hin fliegen, ist das Ganze sogar umwelt- und geldbeutelmäßig vertretbar.

Bleibt die dritte Einschränkung: Online sein im Urlaub. Bisher hieß Urlaub für mich, weitgehend auf Internetzugriff zu verzichten. Erst fiel diese Grenze durch sowieso gebuchte Datenflatrates bei Deutschland-Kurztrips, jetzt sind wir auch im Haus in Holland für 20€ Aufpreis online. Ich bin gespannt, wie das da realisiert wird; dabei hoffe ich auf einen WLAN-Router im Haus, rechne aber irgendwie mit einer Telefondose, an der man ein Modem anschließen kann und für 9¢/min online gehen kann. So habe ich das nämlich in Krankenhäusern und Reha-Buden in den letzten Jahren immer wieder gesehen. Wie auch immer, ich nehme vorsichtshalber eine Fritz!Box mit. Wär doch gelacht. Eine Woche ohne Online-Zugriff geht für mich nun mal nicht, zumindest nicht freiwillig. Ich weiß, dass andere das als befreiend empfinden; ich tue das nicht. Ich finde auch barfuß in der Stadt laufen nicht befreiend oder auf papierdünnen Strohmatten auf Steinböden in irgendwelchen abgeschiedenen Klöstern zu nächtigen. Weil man da so zu sich findet und so. Fuck Leute: Man kann sich seinen Alltag auch so einrichten, dass man genug Möglichkeiten zum in sich kehren hat. Stress vermeiden und vielleicht gelegentlich mal ein Joint sind da schon sehr hilfreich. Oder man macht zweimal die Woche Yoga oder was auch immer. Für mich ist Urlaub jedenfalls selten befreiend gewesen, sonder eher eine stressige Angelegenheit. Wenn man nach Hause kommt und vor Anstrengung erst mal pennen muss, um danach ein paar Tage damit zu verbringen, wieder auf den aktuellen Stand zu kommen, dann kann ich da keine echte Entspannung erkennen. Um es mit Deichkind zu sagen: Urlaub vom Urlaub". Andere lassen sich die Zeitung in den Urlaub nachschicken, ich brauche eben Internetzugang. So einfach ist das. Keine Ahnung, wieso ich mich da immer rechtfertigen muss.

Es gibt noch eine vierte Einschränkung: Nach Weihnachten ist bei mir seit 10 Jahren traditionell Weihnachts-Netz angesagt, die ich jetzt schweren Herzens sausen lassen muss. Sehr schade. Aus diesem Grund kam bisher auch für mich nie ernsthaft ein Besuch beim Chaos Communication Camp in Frage. Jetzt ist es so weit: Ich kaufe mir einen langärmligen und langbeinigen Spießer-Pyjama und fahre statt mit den Jungs (und Mädels) die Nächte mit Killerspielen und so zu durchzechen in den Sylvester-Urlaub. Ja, ich gehe ganz offensichtlich auf die 30 zu. Und was soll ich sagen? Ist gar nicht so doof, wie das immer dargestellt wird.

Jetzt muss ich mich aber schnell fertig machen und packen, denn gleich geht es schon los. Zu viert in meinem Jazz, das wird kuschelig.


Linux lernen

11 12 2009

Zu meinem Job gehört auch die Administration von Linux-Servern, wenn man nicht immer auf den guten Willen seines Hosters angewiesen sein möchte. Dazu braucht man Linux-Kenntnisse, die man irgendwie erwerben muss, bevor man öffentliche Server betreut. Grundsätzlich sollte man das zwar Profis überlassen, die wissen, was sie tun, aber manchmal muss man eben auch selber ran. Doch wie fängt man an, ohne jemanden zu gefährden? Linux-Kenntnisse hat man ja nicht einfach so gottgegeben, sondern muss sie sich erarbeiten. Ich schreibe also mal ein paar meiner Erfahrungen aus Sicht ein es Webentwicklers nieder, der ein Arbeitswerkzeug bedienen können muss.

Ich beginne mit meinen ersten (dummen) Gehversuchen, also so, wie man es nicht machen sollte. Anfang 2003 hatte ich das Shared-Hosting bei Hosteurope satt, weil ich wiederholt mit meiner Shared-IP auf SPAM-Blacklists gelandet war, es musste also eine Lösung her. Zu der Zeit kamen die ersten bezahlbaren Rootserver auf den Markt und ich war übermütig genug, ohne jegliche Linux-Kenntnisse einen solchen zu bestellen und auch noch Kunden da mit drauf zu nehmen. Ahnungslos hatte ich mich damals für Suse mit Webmin entschieden und habe das mit viel Schmerz und Tränen irgendwie zum Laufen bekommen. Also alles selbst kompiliert und eingerichtet, und danach nie wieder Updates gemacht. Von Paketmanagern wusste ich damals nicht viel und ich hatte immer Angst, dass irgendwas passiert. Nach etwa zwei Jahren habe ich alle Kunden umgezogen und den Server gekündigt. Eine gute Entscheidung, denn jetzt konnte ich wieder ruhig schlafen. Fazit: Ich hatte im Grunde nichts verstanden und mit Suse kam ich ganz und gar nicht klar.

Da ich das ganze mit der Webentwicklung dann später ernster genommen habe, kam ich irgendwann wieder in Kontakt mit Linux. Diesmal in Form einer virtuellen Maschine mit Ubuntu Server drauf. Ich war das hantieren mit XAMPP leid und wollte endlich mal lernen, mit dem Scheiß umzugehen. Das war eine sehr gute Entscheidung. Ubuntu erbt die meisten guten Eigenschaften von Debian und ist zudem auch noch hervorragend dokumentiert. Ich kann nur jedem empfehlen, die ersten Schritte mit Linux-Servern in einer virtuellen Maschine zu machen und vor allem, sich die distributionsspezifischen Verwaltungswerkzeuge zu nutze zu machen, insbesondere die Paketverwaltung. Welche Distribution einem liegt, sollte man einfach ausprobieren, ich bin mit Ubuntu auf Desktop und Server sehr glücklich. Der Debian-Unterbau ist Gold wert, alleine die Apache-Verwaltung über die hervorragend dokumentierten Konfigurationsdateien ist eine wahre Freude.

In meinem HiWi-Job hatten wir immer mit einem unglaublich langsamen Server im Rechenzentrum zu kämpfen. Wie sich später herausstellte, hatte uns der Admin eine virtuelle Maschine mit nur 128MB RAM spendiert, für eine TYPO3-Seite mit 1000 Seiten, 70 Redakteuren und hohen sechsstelligen Zugriffszahlen im Monat ist das dann doch etwas wenig. Als der Admin wechselte, wurde aufgeräumt und man bat uns, für eine Weile das Hosting selber zu übernehmen. Also habe ich einen Ubuntu-Server auf einem ausrangierten PC-Pool-Rechner aufgesetzt, der bis heute weitgehend reibungslos läuft. Gelegentlich hängt er sich auf in letzter Zeit, das scheint an einer überlasteten MySQL-Datenbank zu liegen. Merke: Auch Übergangslösungen sollte man richtig machen, denn oft werden sie zum Dauerprovisorium. Übrigens gibt es inzwischen neue Hardware und mein Nachfolger muss den ganzen Server migrieren, was überraschend einfach ist. Ich will nicht sagen, dass es eine gute Lösung ist, wenn ich öffentliche Server verwalte, aber dank Ubuntu und einiger Übung in der virtuellen Maschine habe ich das ganz gut hinbekommen. Trotzdem laufen meine eigenen Präsenzen auf einem Managed Server. Insbesondere Geschichten wie Mailserver mit Spamfiltern oder Jabber-Server lasse ich weiterhin nur Profis machen. Ein LAMP-Server bekommt man aber auch so gut hin und leider besser, als bei vielen Hostern. Was ich da schon gesehen habe… Da mache ich das dann doch lieber selbst.

Wenn ich schon Rootserver mit Plesk sehe, rollen sich mir schon die Fußnägel auf. Wer sich nicht in der Lage sieht, einen Linux-Server richtig über die Kommandozeile zu warten, sollte die Finger davon lassen. Wenn man weiß, was man tut und sich von Plesk die Arbeit abnehmen lässt, OK, kann ich zwar nicht gutheißen, aber wenigstens nachvollziehen. Aber anders herum ist es ganz bitter. Wo Plesk ist, da lass Dich nicht nieder, ist meine Regel.


Das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets

30 10 2009

Martin Weigert antwortet auf netzwertig.com auf die Frage, wie man das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets beschreiben kann mit der Feststellung, dass schon die Frage falsch gedacht ist:

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes jenseits vom Internet. Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der realen Welt unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Das ist so treffend formuliert, dass es mir einen eigenen Blogeintrag wert ist. Das Internet ergänzt das Leben quasi um eine Metaebene. Der Gedanke, dass man sich jetzt ins Netz einwählt, dort etwas tut, als wäre es ein eigener Ort, als würde man dorthin verreisen und danach von dort zurückkehren, ist so unglaublich naiv gedacht. Sowas kann nur von Menschen kommen, deren Zugang zum Netz über Bin ich schon drin, oder was? in den letzten zehn Jahren nicht wirklich hinausgekommen ist. Dass man sich mit so einer ahnungslosen Anfänger-Attitüde überhaupt noch auf das Parkett der breiten Öffentlichkeit traut, liegt einzig und allein daran, dass man noch in bester Gesellschaft ist. Nichts gegen Anfänger, jeder fängt mal klein an, die Frage ist aber, ob man sich dann unbedingt ahnungslos stolpernd in dieser Größenordnung äußern muss. Ich würde mich in jedenfalls Grund und Boden schämen, wenn ich mich auf bundespolitischer Ebene so naiv etwa zum Thema Finanzmarkt äußern würde. Ein schönes Beispiel für peinlichst ahnungsloses Geqautsche leiferte zuletzt Frau Zypries mit ihrem Google-SMS-Gestammel ab.

Nun darf man natürlich hoffen, dass sich diese Leute rauswachsen, das werden sie auch sicher tun. Aber in der Zwischenzeit werden sie noch so viel kaputt machen mit ihrem Bestreben, das Internet zu bekämpfen. Das Internet geht nicht wieder weg und es wird sich auch ganz sicher nicht mehr zurückziehen und sich seine Nische suchen neben Zeitungen und Fernsehen. Es durchdringt die Gesellschaft um Klassen tiefgreifender und revolutionärer als das etwa der Buchdruck getan hat, eben weil es einen universellen Ansatz verfolgt. Es ist OK, sich da raus zu halten. Aber dann sollte man sich auch nicht einmischen. Ich lese keine Tageszeitung, hab ich noch nie getan. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil ich weiß, dass in Zeitungen viele gesellschaftlich wichtige Dinge drinstehen. Aber ich ziehe aus diesem Umstand nicht den Schluss, dass man Gesetze zur Eindämmung der gemeinen Zeitung erlassen muss. Ich finds doof, deswegen ist es doof und deswegen gehört es bekämpft. Was für ein hirnverbrannter und selbstverliebter Ansatz ist das denn bitte?

Und weil noch zu viele Leute so drauf sind, haben die Piraten eine gesellschaftlich so wichtige Funktion als Korrektiv und Denkanstoßgeber. Diese Funktion haben sie bisher großartig ausgeübt. Ohne eine so aufstrebende Jungpartei würden diese Themen in Zeit, Spiegel, FAZ und Co. noch immer keine echte Beachtung finden. Allein durch die Anwesenheit der Piraten als Manifestation der schon zuvor zu erahnenden gesellschaftlichen Umwälzung wird plötzlich recht offen über das Thema Informationsgesellschaft geredet. Erst seit jemand in der breiten Öffentlichkeit aufgetaucht ist, der offenbar beim Thema Informationsgesellschaft echtem Expertentum eine laute Stimme gibt, wird es zunehmend peinlich, sich ahnungslos zu äußern. Zumindest fällt die Peinlichkeit naiver Äußerungen dadurch immer mehr Leuten auf, was sich irgendwann auch rückkoppeln wird und die Anfänger sich vorsichtiger äußern lassen wird. So zumindest meine Hoffnung.


Mal abwarten, was die Koalitionskompromisse ergeben

19 10 2009

In den Wochen seit der Wahl halte ich mich sehr zurück und bin sehr gespannt. Ich muss vor allem dringend weniger politisch werden, das nervt alle um mich herum; aber trotzdem sei noch mal etwas zum Zeitgeschehen gesagt: Die Koalitionsverhandlungen sehen verschiedene Fortschritte vor, auf die ich gar nicht näher eingehen will, weil es einfach zu früh ist. Links gibts heute keine, lest mal selber die Nachrichten. Teilweise, wie bei der Vorratsdatenspeicherung, wird einem im Grunde der durch das BVerfG vorgelegte Status Quo als Fortschritt verkauft, das klingt schon mal verdächtig nach heißer Luft. Bei den Netzsperren gibt es einen sofortigen Stopp, die Sperrliste wurde also nicht, wie vorgesehen, am 17.10.2009 an die Provider ausgeliefert. Das ist ein gutes Zeichen, aber weit von einer echten Lösung entfernt. Zum einen könnte die Sperrliste jederzeit doch kommen, zum zweiten ist das rechtsstaatlich zumindest fragwürdig (dass die Regierung solche Erlasse ausgibt) und zuletzt ist die Nummer nur für ein Jahr ausgesetzt. Die Stoßrichtung kann also nur sein, den Widerstand zu schwächen und den Mist dann eben in einem Jahr durchzuziehen, wenn etwas Gras drüber gewachsen ist. Man muss ja nichts großartiges mehr unternehmen: Die Infrastruktur ist da, das Gesetz auch, man muss nur auf den roten Knopf drücken.

So wirkt das Ganze auf mich wie eine Hand voll Sand in unseren Augen. Ein klitzekleiner Etappensieg, ja, aber einen Durchbruch kann ich einfach nicht erkennen. Immerhin hat die FDP nach Außen eine Richtung gesetzt und das ist der Kernwert des Ganzen, da kann man anknüpfen. Die Forderungen bleiben aber offen:

  • Ein klares Nein zu Netzsperren, vorzugsweise mit einer klaren Anerkennung der Netzneutralität als treibende Kraft der modernen Gesellschaft. Das Gesetz muss auf jeden Fall endgültig vom Tisch.
  • Die Vorratsdatenspeicherung muss ganz aufgehoben werden. Auf das BVerfG zu warten ist keine Lösung.
  • Der Hackerparagraph muss weg! Er ist 100% nutzlos, schafft aber auch nach der Konkretisierung durch das BVerfG weiterhin große Rechtsunsicherheit in Sachen IT-Sicherheit im Betrieb und bei der Ausbildung. Wer hat sich diesen unlogischen Unsinn eigentlich ausgedacht? Mit welchem unrealistischen Ziel im Hinterkopf?
  • Der Bundestrojaner wurde etwas eingeschränkt, immerhin. Aber das dadurch entstehende Misstrauen gegenüber dem Staat in Bezug auf die eigene IT-Infrastruktur ist damit nicht vom Tisch. Der Bundestrojaner muss abgeschafft werden (bzw. darf nie zur Anwendung kommen).
  • Die klare Absage an die abgestufte Erwiederung, auch als Three-Strikes bekannt, ist ein guter Schritt, aber das hätte ich auch gerne mal vor dem BVerfG auf die Verträglichkeit mit den Grundrechten und überhaupt auf Verhältnismäßigkeit geprüft gesehen.

Also liebe FDP, die Ansätze sind zwar schön öffentlichkeitswirksam, aber momentan noch zu unkonkret. Erst die nächsten vier Jahre werden zeigen, wie ernst euch die Geschichte mit den Bürgerrechten und der Informationsgesellschaft ist und ob die massiven Zugewinne durch die Hoffnungsvollen in die Verlängerung gehen können oder aber wieder wegfallen werden.

Guckt euch die Kernforderungen der Piraten mal an, die meisten davon sind ausgesprochen vernünftig und das Wählerpotenzial ist so klein nicht. 2% als neue Partei bei dem Namen und dem fragwürdigen Image und der Beschränkung auf so wenige Themen sind eine klare Aussage, 13% der männlichen Erstwähler und 9% der Jungwähler ebenfalls. Aber dazu müsst ihr zusätzlich auch den wahnsinnsgetriebenen Killerspiele-Verbots-Forderungen der CDU/CSU klar entgegen treten. Denkt dran, die meisten Piratenwähler sind genau Eure Zielgruppe, zumindest wenn ihr eure Werte ernst nehmt. Es liegt an Euch, ob die Piraten in vier Jahren die 5%-Hürde knacken oder wegen Überflüssigkeit wieder verschwinden werden. Die CDU ist sowieso verlorenes Land, also liegt es in erster Linie an Euch.

P.S. Johnny Haeusler stellt sich die alles entscheidende Frage: Wo ist der Haken?. Darauf bin ich auch gespannt.


Tretminen für Computerforensiker auslegen

22 09 2009

Ich habe hier ein paar alte Festplatten herumliegen, teilweise von Kunden, teilweise eigene, einige mit defekten Sektoren, andere einfach alt. Neulich dachte ich mir, dass die bei einer Hausdurchsuchung sicher sofort ins Auge fallen würden, sind doch Festplatten bei Vollstreckungsbeamten immer gern gesehene Mitnahmeartikel. Was also tun mit den Dingern? Wenn nicht zufällig ein Backup irgendeines alten Systems darauf schlummert, sind sie eigentlich alle leer, sprich mit Nullen überschrieben und bereit für den Recyclinghof oder erneuten Einsatz. Das wäre ja irgendwie langweilig für die Computer-Forensiker, die die Dinger untersuchen, die sollen ja auch ihren Spaß haben.

Mein erster Gedanke war, hier freundliche Botschaften unterzubringen und sonst nichts. Vielleicht solche, die man nur beim Zugriff mit dem Diskeditor findet, so als ein nettes Versteckspiel unter Kollegen. Aber das ist ja nur halb so lustig. Eine andere Idee wären langwierige TV-Mitschnitte von irgendeinem quälendem Dumm-TV, so dass sich ein armes Schwein die ganze Scheiße reinziehen muss. Schon lustigere Vorstellung.

Schlussendlich entschied ich mich aber für die geheimnisvolle Variante: Die komplette Platte wird mit Truecrypt verschlüsselt, so dass auf den ersten Blick nur Zufallszahlen drauf sind. Wenn man nun das nett formulierte Passwort kennt und auf den Trichter mit der Truecrypt Verschlüsselung kommt, kann man die Platte öffnen und, das ist der ganze Witz, findet einen leeren Datenträger vor. Das ist deswegen witzig, weil man in dem Fall nicht wissen kann, ob innerhalb der Verschlüsselung nicht vielleicht noch ein weiterer – versteckter und ohne Kenntnis des Passwortes nicht nachweisbarer – verschlüsselter Container lauert. Quälende Ungewissheit. Ja ich weiß, blöder Geek-Humor und auch nichts wirklich innovatives. Aber die Vorstellung der blöden Gesichter erfreut mein Herz und nimmt einer Hausdurchsuchung einiges an Schrecken. Wenn schon jemand derart tief in meine Intimsphäre eindringt (und das ist meine Computeranlage für mich), will ich wenigstens auch was davon haben.

Eine leere Growbox mit Webcam drin aufzustellen ist auch so eine mich sehr belustigende Idee, die ich schon mal hatte. Boah muss das nerven, Hausdurchsuchungen bei solchen Spackos machen zu müssen.

P.S. Vielleicht fragt sich mancher, wieso ich eigentlich immer mit einer Hausdurchsuchung rechne, warum ich so paranoid bin, was das angeht. Nun, Hausdurchsuchungen werden heutzutage (war das eigentlich schon immer so?) aus den nichtigsten Gründen angeordnet und das kann jeden treffen, der sich aktiv im Netz bewegt.


Feedabonnenten zählen

08 09 2009

Seit heute Nacht zähle ich neben den Zugriffen auf meine Website auch die Zugriffe auf meinen RSS Feed. Bisher hatte ich keinen blassen Schimmer, wieviele Leser ich über diesen Kanal habe. Der Blog als Website und der Lifestream haben täglich um die 100 Besucher (die Suchmaschinenrobots nicht mitgezählt), die meisten davon kommen über Google mit verschiedenen Suchbegriffen. Favorit ist im bisherigen Jahresverlauf eindeutig "alice kündigen" in verschiedenen Abwandlungen mit weit über 500 Zugriffen vor "taxiteller" und "spackmat" mit je etwas über 180 und 120 Zugriffen. Darauf wollte ich aber gar nicht hinaus.

Damit ich die einzelnen Abonnenten auseinander halten kann, habe ich schon vor einer ganzen Weile die URLs meiner Feeds mit einem Parameter "?subscription=13stellige_ID" versehen. Wer innerhalb des letzten Jahres einen meiner Feeds abonniert hat, sollte so eine eindeutige ID schon bekommen haben (sofern er sie nicht entfernt hat). Einfach alle Aufrufe der Feeds zu zählen, sagt leider nichts aus, weil Feedreader die ja regelmäßig selbstständig abholen und ich so eine viel zu hohe Zahl messen würde. Da offenbar überraschend viele Leute meinen Feed schon länger abonniert haben und keine ID mitsenden, habe ich in den letzten 20 Stunden schon 400 Zugriffe von nicht identifizierbaren Abonnenten gezählt.

Deswegen bin ich auf Eure Mithilfe angewiesen: Überprüft bitte die URL Eures Feedabos, ob hinten so eine eindeutige ID dran klebt. Falls nicht, hängt den Parameter entweder einfach dran oder abonniert den Feed neu. Ihr könnt auch eine beliebige Zeichenkette mit 3 bis 32 Zeichen als ID benutzen, wenn es individueller zugehen soll. Erlaubte Zeichen sind A-Z, Dezimalziffern, der Unterstrich und der Punkt, alle anderen Zeichen führen zur Zählung als nicht identifiziert. Bei der Gelegenheit möchte ich für an meinem Leben interessierten Leuten auch nochmal auf meinen Lifestream hinweisen, den man auch als Feed abonnieren kann. Dort landen alle Blogeinträge, Kommentare, Dents/Tweets, Mister Wong Bookmarks und Qype Beiträge von mir.

Zum Datenschutz: Ich speichere bei den Feeds absichtlich keine IP-Adressen oder sonstige Informationen, die Euch unfreiwillig identifizieren könnten. Die ID wird zufällig erzeugt und dient lediglich dem Auseinanderhalten der einzelnen Abos. Jeder Zugriff Eures Feedreaders wird mit einem Zeitstempel geloggt, damit ich ausfiltern kann, wenn jemand den Feed nicht mehr bezieht. Jeder kann die ID in der Feed URL in seinem Feedreader entfernen, wenn er als unidentifizierter Abonnent gezählt werden will. Da ich meine Leser gerne kennen oder wenigstens zählen können möchte, bitte ich aber, die ID stehen zu lassen.

Warum benutze ich kein Feedburner? Ich benutze Feedburner aus dem gleichen Grund nicht, warum ich auch Google Analytics nicht benutze: Die mitunter personenbezogenen Daten meiner Benutzer werde ich nicht an Google verraten, Google muss ja nicht alles wissen.

Nachtrag 09.09.09: Oha, danke an die ganzen Leute, die ihre Feedadresse schon umgestellt haben. Besonderen Dank an den einen, der zudem seinen Namen da eingetragen hat. Ich werde zwar selten direkt in die Datenbank gucken, aber wenn, freue ich mich darüber.

Nachtrag 01.10.09: Inzwischen kann ich auf halbwegs verlässliche Zahlen zugreifen und erste Schlüsse ziehen. Ich habe momentan etwa so viele Feedabonnenten wie ich tägliche Besucher auf Blog und Lifestream habe, was deutlich mehr ist, als ich dachte. Je nach Zählweise sind das auch mehr, deswegen habe ich mal die Zugriffe analysiert und die Auswertung der Realität angepasst: Zuerst habe ich einfach IDs mit nur einem oder zwei Zugriffen nicht mitgezählt, weil das offensichtlich (noch) keine Abonnenten sind. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich eine erkleckliche Zahl von IDs mit jeweils über 10 Zugriffen innerhalb von 6 Stunden, aber danach gar nicht mehr habe. Was auch immer das ist, als Abonnent zähle ich das nicht. Momentan zählt also jede eindeutige ID, die zwei oder mehr Zugriffe in einem Zeitfenster von mehr als 24 Stunden und davon den letzten innerhalb der letzten 7 Tage erzeugt hat. Ich denke, das ist ein realistisches Bild und die Verzögerung von 24 Stunden, bis ein neuer Abonnent gezäht wird, geht auch OK. Alle IDs, die länger als 30 Tage keinen Zugriff hatten oder deren sämtliche Zugriffe vor mehr als sieben Tagen innerhalb von nur 24 Stunden stattfanden, werden täglich aus der Datenbank entfernt. Ich werde berichten, falls sich noch was ändert. Ach so, Lifestream zu Blog verhält sich etwa im Verhältnis 1:4.