Ich habe ein Problem: Ich mag keinen Kaffee. Ich sag euch nee, nee, nee, da trink ich doch lieber Tee
. Auch bin ich Nichtraucher, is also nix mit gemeinsamen Käffchen und Raucherpausen im PissRaucherbereich.
Nun begab es sich aber, dass unter den so hippen Typen in Berlin und jetzt auch hier in Flingern und so, also da wo sich tagsüber so selbstständiges Volk und die Kinderwagenfraktion in netten Straßencafés begegnen, die Chai Latte umgeht. Das ist zur Abwechslung nix sexuelles, sondern ein Chai-Tee (also Schwarztee mit Gewürzen) mit einem Schuss Milch, und oftmals auch Milchschaum drauf und Honig drin. So ists ja schon in der Beschreibung der digitalen Bohème, dem Buch "Wir nennen es Arbeit", subtil festgeschrieben: Lebemänner (und -frauen) trinken heute keinen Kaffee mehr, Kaffeesucht ist irgendwie out und voll was für Festangestellte (in dem Kontext negativ konnotiert) und so, so scheints.
Mein Problem damit ist: Ich habe dieses Buch gelesen (bis etwa zur Hälfte) und ich habe auch das Hörbuch gehört (natürlich voll Original, ey). Und ich mag Chai Latte. Wenn ich jetzt aber, sagen wir mal in der Erbse oder im Nooij ein geschäftliches Meeting habe, sind da noch andere Typen, die das Buch wahrscheinlich gelesen haben. Wenn ich jetzt also Chai Latte trinke, denken die: "Aha, der Typ will voll Bohème-mäßig kommen und trinkt Chat Latte, weil das da grad en vogue ist." Oder so. Dem ist nicht so, ich trink das, weil ich keinen Kaffee mag und Chai Latte irgendwie leckerer ist, also einfach nur Tee. Aber das wissen die Leute ja nicht. Trotzdem fühle ich mich irgendwie ertappt, weil ich mich der digitalen Bohème ja davon abgesehen durchaus zugehörig fühle. Also trinke ich dann Chocomel oder heiße Milch mit Honig, das ist auch super lecker und noch unverbraucht.
Ich sollte mich echt mal emanzipieren, was sowas angeht. Persönlicher Fortschritt: Ich trinke weiter ab und an aushäusig Orangina in den coolen Flaschen, obwohl mir inzwischen durch den Kauf eines überteuerten Kastens davon klar geworden ist, dass mir Orangina gar nicht wirklich schmeckt und ich das nur der situativen Coolness wegen bestelle, wo sie mir plötzlich auf wundersame Weise durchaus mundet. Ne Orangina auf dem Tisch ist nun mal schon immer ein Zeichen von Lebemann-Style und -Feeling gewesen. Und ich denke dabei nicht mal an Urlaub und Sartre und das ganze andere frankophile Zeug, wie das wohl auf viele Orangina-Trinker zutrifft. Hab ich mir zumindest sagen lassen.
P.S.: Wer nachts arbeitet hat dabei Ruhe und kann dabei sehr effizient sein. Tagsüber kann man dann das schöne Wetter genießen und im Park Sushi essen, was ja in Düsseldorf inzwischen vom Verbrauchtheits-Gesichtspunkt her langsam wieder klar geht, und kühle Biermixgetränke trinken.