Irgendwas mit Filmindustrie und Dummheiten

30 07 2010

Ich muss leider etwas ausholen, sorry. Gelegentlich gehe ich ins Kino, vor zehn bis fünfzehn Jahren teilweise mehrmals wöchentlich, heute etwa einmal im Jahr. Immer wieder waren da Filme bei, die mich begeistern konnten. Als ein Kinobesuch noch ein paar Mark kostete – konkrete Erinnerungen habe ich an 2,99 Mark im Europa kurz vor dessen Schließung – habe ich solche guten und beeindruckenden Filme mitunter mehrmals besucht. Dazu muss man sagen, dass ich minderjährig war und deswegen keinen Zutritt zur örtlichen Videothek hatte. Ich hatte also die Alternativen weiterer Kinobesuche (seinerzeit preislich machbar), dem Warten auf die Ausstrahlung im Fernsehen (irgendwann in zwei Jahren bis praktisch nie) und dem Warten auf eine Veröffentlichung auf VHS (zum Preis von seinerzeit 3-10 Kinobesuchen). Eine dauerhaft unbefriedigende Situation, die sich in zweierlei Richtungen auflöste: Volljährigkeit und Internet.

Denn irgendwann wurde man volljährig und konnte endlich den begehrten Mitgliedsausweis aller Videotheken der Umgebung bekommen. Wenn man den Film bzw. die Filme am selben Abend noch zurück brachte, war das ein wirklich günstiger Spaß, zumal man den Preis bequem durch die Anwesenden teilen, auf dem Weg noch bei bei MCs, Hallo Pizza oder sonstigen Fressbuden vorbei und wunderschön im begrenzten Angebot stöbern konnte. Das war alles ein ganz brauchbarer Zustand, aber zwei Probleme blieben: Wenn man einen bestimmten Film sehen wollte, fuhr man von Videothek zu Videothek und ging doch gelegentlich leer aus, vor allem, wenn es um Streifen abseits des Mainstreams ging. Das zweite Problem hat wiederum mit den Kinos zu tun: Immer, wenn man heiß auf einen Film war, konnte man ihn nur im Kino sehen. Wie oft kam ich aus dem Kino und hätte direkt eine menge Kohle gegeben, um den Film direkt auf DVD mitzunehmen. Gute Filme will ich besitzen, ich will sie immer wieder sehen, wenn ich möchte. Aber das geht nicht, weil die Veröffentlichung der DVD einige Monate verzögert wird.

Diese Verzögerung ist das dümmste, was die Filmindustrie tun kann. Die Bereitschaft, eine Ware zu kaufen ist bekanntlich in der Buzz-Zeit am höchsten, deswegen macht man ja PR ohne Ende, pusht das Interesse, wo es nur geht. Und dann? Läuft der Film im Kino und spielt den ein oder anderen Euro ein. Wenn die DVD herauskommt, ist der Buzz fast immer bereits abgeklungen und der Effekt verpufft weitgehend. Warum? Um die Kinos zu schützen? Ich würde das anders herum sehen: Die Kinos werden künstlich am Leben gehalten, auf hohe Kosten von geringeren DVD-Verkäufen. Würde tatsächlich niemand mehr ins Kino gehen, wenn die DVDs gleichzeitig herauskämen? Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber ausprobieren könnte man es ja mal. Wie die Merchandising-Stände auf Konzerten, die angeblich horrende Umsätze machen, könnte man auch nach dem Film im Kino direkt die DVD anbieten. Ich würde zuschlagen (wenn der Preis nicht völlig irre ist). Aber ich gehe sowieso kaum noch ins Kino. Zu viel Aufwand und vor allem viel viel zu teuer. Für das Geld eines Kinobesuchs zu zweit kann ich die DVD des Films ein- bis zweimal erwerben oder fünf- bis zehn mal ausleihen. Oder mehr als drei Monate Rapidshare-Premium oder Firstload oder was auch immer gerade angesagt ist bezahlen. Denn so siehts aus, Augen auf!./p>

Schlimmer noch: Bevor ich moviepilot.de kannte, habe ich sogar regelmäßig vergessen, welche Filme ich vor drei bis neun Monaten gerne gesehen hätte, als mir ein Kinobesuch zu aufwändig und teuer war. Die Filmindustrie hat mir mit ihrem dämlichen Kinoschutz schon so viel Geld gespart, eigentlich müsste ich dankbar sein.

Und dann gibt (oder gab?) es da noch die im Kino abgefilmten und illegal bereitgestellten Filmdownloads: Schmuddelig in der Bild- und Tonqualität, bei weitem nicht von jedem Film zu haben, aber immerhin zu dem Zeitpunkt verfügbar, wenn man den Film gerade sehen wollte. Von diesem Angebot habe ich seltenst Gebrauch gemacht, da war mir ein Kinobesuch oder unbestimmt langes Warten doch lieber. Aber es führt einem vor Augen, was man eigentlich vorenthalten bekommt. Um die Kinos zu schützen. Ich bin froh und dankbar, dass das Internet hier für einen gewissen Interessenausgleich sorgt: Plötzlich ist der Paradiesapfel da: Billiger bis kostenloser, vor allem aber wahlfreier Zugriff auf fast alle existierenden Filme, jederzeit, bequem und sofort. Das ist es doch, was man als Konsument haben will. Die Filmindustrie konnte lange Genug die Marktbedingungen diktieren, jetzt sind die Konsumenten am Drücker und können Forderungen stellen. Etwa nach angemessenen Preisen für DVDs oder rascher Veröffentlichung. Man tut als Anbieter gut daran, seine Filme schnellstmöglich in legaler Form auf den Markt zu bringen und die künstliche Verzögerung kurz zu halten, wenn in den Tauschbörsen qualitativ hochwertige Kopien bereitstehen. Letztlich profitiert davon auch der Anbieter, wenn die DVD-Veröffentlichung noch am PR-Buzz partizipieren kann. Gut: Der durchschnittliche Abstand zwischen Kinostart und DVD-Veröffentlichung ist in den letzten Jahren schon deutlich gesunken.

Für die Kinos eröffnet sich aus einer gleichzeitigen Veröffentlichung auf DVD kein grundsätzlich neues Problemfeld, denn die Tauschbörsen veröffentlichen Filme schon jetzt gleichzeitig im Netz. Die Frage ist, wie viel größer das Problem wird, wenn die Filme auch in offiziellen Kanälen gleichzeitig erscheinen. Und daran schließt sich direkt die Frage an, ob Kinos nicht vielleicht einfach die Verlierer des Strukturwandels sind und Pech gehabt haben. Und das wiederum führt uns zu der Frage, ob Kinos zu Recht untergehen würden oder man traurig darum sein müsste. Für die Beantwortung der letzten Frage bietet sich die Lektüre der Preislisten für Eintritt und Verpflegung in den bombastischen Multiplex-Kinopalästen an.

Sei es drum, momentan habe ich das Konstrukt Kino für mich weitgehend abgehakt und konzentriere mich auf den Online-Bezug von Filmen. Doch da lauert der nächste Wahnsinn. 4 bis 5 Euro Leihgebühr für einen Film in Online-Videotheken ist ein schlechter Scherz. Gemessen an den Preisen in der Videothek um die Ecke ist das sogar eine Unverschämtheit sondergleichen. Videotheken bezahlen Ladenmiete, Mitarbeiter und vor allem Anschaffung, Schwund und Verschleiß der auszuleihenden Medien. Eine Online-Videothek bezahlt Lizenzgebühren und etwas Traffic (der, wie Rapidshare und Konsorten zeigen, eher im zu vernachlässigenden Kostenbereich liegt). Dazu müssen ein paar Redakteure ein paar Handgriffe tätigen und die Website will natürlich auch betrieben werden. Ohne die Kostenstrukturen zu kennen, wäre ich dennoch bass erstaunt, wenn die Grenzkosten für die Online-Leihe tatsächlich auch nur in der Nähe derer von herkömmlichen Videotheken kämen. Warum also muss man hier das Doppelte bezahlen? Ich jedenfalls bin dazu nicht bereit, um den BWler auf meiner Schulter zu beruhigen, der einwendet, dass sich der Preis nach der Zahlungsbereitschaft und der Nachfrage richtet und nicht nach den Kosten. Zudem ist die Auswahl nicht mal größer. Im Gegenteil: Etwa die Hälfte der Filme, die ich bisher in Online-Videotheken gesucht habe, waren nicht zu bekommen. Eine wirklich beschämende Quote. Und wieder muss man mit der illegalen Konkurrenz vergleichen: Fast alle Filme, die ich in Online-Videotheken nicht finden konnte, ließen sich ohne große Mühe und binnen überschaubarer Zeit aus dem Netz besorgen. Nun ist das Angebot nicht legal, aber in Ermangelung (attraktiver) legaler Alternativen, hat man keine echte Wahl. Ach ja, hatte ich erwähnt, dass man in der einen Online-Videothek Filme von diesen, in der anderen Online-Videothek aber nur Filme von jenen Major-Labels bekommt? Aber alle werben mit toller Filmauswahl, was für eine Farce. Ernsthaft: Wollt Ihr, dass ich Filme gegen Geld ausleihe oder nicht?

Die Musikindustrie hat das Problemfeld übrigens inzwischen ganz gut im Griff, wie man hört. Vor allem seit auf DRM verzichtet wird, ist der Absatz von legalen MP3-Musikdownloads um Größenordnungen gestiegen. Die Leute wollen eben nicht alles für lau, sie wollen alles zu angemessenen Preisen und zu angemessenen Bedingungen. Sascha Lobo hat da einen feinen Text zu geschrieben, sehr lesenswert.

P.S. Eine Staffel einer Sitcom oder eine halbe Staffel einer längeren Serie kostet gerne mal 40€. Das ist mir persönlich eine Spur zu teuer, vor allem da die DVDs zumeist erst nach der Ausstrahlung im Free-TV erscheinen. Auch hier: Mehr Absatz und weniger Ausweichen auf Festplattenrecorder oder illegale Quellen würde man meiner Ansicht nach durch eine Halbierung der Preise erreichen. In das Modell der Preis-Absatz-Funktion sollte man alle relevanten Parameter einbeziehen. Aber rumheulen und darauf warten, dass das Internet verschwindet klingt auch recht erfolgversprechend.


Deutsche, der Sinn für Humor und YouTube-Kommentare

15 07 2010

YouTube-Kommentare, wie die weitaus meisten Kommentare unter irgendwelchen Websites, sind ein Hort der Unerträglichkeit, die Heimat der Lobotomierten, wie ein Kommentar bei Winfuture.de einmal treffend feststellte. Gut also, dass man bei YouTube inzwischen immerhin erst mal die zwei am besten bewerteten Kommentare vorgelegt bekommt. Die sind manchmal sogar geistreich, so dass man doch versucht ist, sich in die Niederungen der chronologischen Kommentare herabzulassen. Dass auch das nicht immer ein bitterer Fehler ist, zeigt ein Beitrag zur Diskussion über die Humorlosigkeit der Deutschen angesichts der Bühnenperformance von Kraftwerk (hier zu finden):

Well, there's a kind of humour without a big fat label telling you it's humour. Germans usually won't add "just kidding" so as to make sure you know when to laugh. Also, if you consider seriousness and humour to be mutually exclusive, you've missed something important about both of them. Seriously! :D (YouTube Kommentar von synkyb zu Kraftwerk - Autobahn)

Fand ich irgendwie erwähnenswert. Das Außenbild der Deutschen ist sowieso immer wieder interessant. So habe ich neulich mehrere Versionen der Ode an die Freude von verschiedenen Interpreten gekauft. Die Version der Fischer-Chöre ist sehr weich und kitschig (und nebenbei in meinen Augen die schönste), die Version vom London Philharmonic Orchestra hingegen erinnert in ihrer Härte und Zackigkeit an einen Militärmarsch (Freu|de |schö|ner |Gött|er |fun |ken). Denken Engländer, dass man so dieses großartige Werk zu intonieren hat? Weil es auf Deutsch gesungen wird und Deutsch halt hart und marschig ist? Sieht für mich so aus und ich bin mir nicht sicher, ob ich diese eigentümliche Mischung aus Ehrfurcht und Verarchtung eher lustig oder schmeichelhaft finden soll. Denn böse gemeint ist das zumindest in dem Fall sicher nicht: Die Ode an die Freude ist schlicht inkompatibel zu bösen Kon- und Subtexten.

Apropos Kontext, die Koreanische Swing-und-mitklatsch-Version der Ode an die Freude ist eine besondere Perle, auch wenn sich nur die erste Strophe immer wieder in verschiedenen Stilen wiederholt. Über die zweite Strophe, Abstrahierung und Konkretisierung, sowie über meine erste Spaß gemacht habende Deutsch-Interpretation gibt es demnächst was zu lesen; oder zu hören, ich will mal wieder einen Podcast klar machen.


Zensursula als Bundespräsidentin?

02 06 2010

Da tritt überraschend ein Bundespräsident zurück, den keiner so richtig scheiße fand, was das bestmögliche realistische Ergebnis für einen Bundespräsidenten ist. Und natürlich wird sofort ein Nachfolger gesucht, soweit alles nachvollziehbar. Aber warum zur Hölle favorisiert man dann zwei Personen, die bei einer nicht zu unterschätzenden Bevölkerungsgruppe die meistgehassten Politiker der letzten 10 Jahre sind? Herr Schäuble wäre von den beiden noch der tragbarere, aber Frau von der Leyen als Bundespräsidentin zu favorisieren ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht all derer, die sie bei sich unter dem Buchstaben Z wie Zensursula eingeordnet haben, sondern auch ein klares Zeichen für die Geringschätzung des Bundespräsidenten als Insititution. Malte Welding hat das sehr schön formuliert, ein Auszug daraus:

Es reicht nicht, durch Kindergärten zu ziehen und Vergewaltigungen von Kindern schlecht zu finden. Das tut jeder, er tourt damit bloß nicht durch die Republik, weil es selbstverständlich ist und den politischen Aussagegehalt hat von Facebookgruppen, die sich gegen AIDS, Krieg und Umweltverschmutzung richten. Dass sie ihren politischen Gegnern implizit unterstellt hat, Kinderpornographie gutzuheißen, zeugt hingegen von einer Skrupellosigkeit, die selten zu finden ist. Spalten und Verhöhnen mögen eine erfolgreiche Populistin machen, eine Bundespräsidentin kann man so vielleicht werden, aber nicht sein."

Dem Artikel ist nicht viel hinzuzufügen, Sascha Lobo fasst das auf Twitter prägnant zusammen:

"Ursula von der Leyen ist im Volk beliebt." WHILE ($volk = ($alle - $internet))

Frau von der Leyen ist ein für mich derart unerträglicher Gedanke, dass ich sogar Schäuble oder Stoiber lieber sehen würde (und davon abgesehen für sogar durchaus geeignet halte). Und das muss wirklich etwas heißen.

Und weil alle so schön ihre Favoriten ins Spiel bringen: Hans-Jürger Papier, der vor kurzen ausgeschiedene Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts klingt nicht schlecht, bei aller Kritik auch Joschka Fischer. Frau Käßmann gehört auch nicht zu den schlechten Vorschlägen. Wie auch immer, um es mit Herrn Häkelschwein zu sagen:

Liebes Internet, du hast jetzt 30 Tage Zeit, um Frau von der Leyen als Bundespräsidentin zu verhindern. Enttäusche Deutschland nicht!


Einige Gedanken zur Geschlechterfragendiskussion bei den und um die Piraten

18 05 2010

Anlässlich des Bundesparteitags der Piratenpartei am letzten Wochenende kocht gerade wieder mal die Gender-Suppe. Konkret geht es um die Frage pro oder contra Frauenquote bei den Piraten und es wird heiß diskutiert. Malte Welding hat einen interessanten Einwurf parat, man lese da auch und vor allem die Kommentare. Ich selbst habe ausnahmsweise auch mal kommentiert und mich – für mich überraschend – für eine Frauenquote ausgesprochen. Ich sehe zwar keinen echten Sinn in einer und auch manifeste Nachteile durch eine Frauenquote, aber was hat man zu verlieren? Mit ein wenig Pech ein paar nicht so brauchbare Frauen in Positionen? Ja nu, wenns weiter nichts ist? Positionen werden auch stetig mit Männern schlecht besetzt, also kein echter Verlust an dieser Front. Fragt sich, was eine Frauenquote an Nutzen bringen könnte. Ich zweifle stark an, dass das im Falle der Piraten wirklich hilft; aber die Idee dahinter ist ja, Frauen anzulocken und zu motivieren, sich in der Partei zu engagieren. Wenn das klappt – ich lasse mich ja gerne eines besseren belehren – wäre den Piraten viel geholfen. Frauen interessieren sich gewöhnlich leider einen Scheiß für die Kernthemen der Piraten, die Reaktionen variieren meist zwischen demonstrativem Desinteresse und aggressivem Ablehnen der Thematiken. Jede Frau, die da anders drauf ist, ist hochhöchstwillkommen; nicht nur bei den Piraten, sondern in der ganzen Bewegung und überhaupt der IT-Branche. Wir leiden unter massivem Frauenmangel, so sieht die Realität aus. Ein feiner Text von Mela Eckenfels (deren Kochbuch für Geeks ich in meinem Regal stehen habe) beleuchtet die Problematik sehr gut. Unbedingt lesen, bevor man die Piraten von Außen mit Gendergranaten bewirft.

Wenn nun eine Frauenquote hilft, die Befindlichkeiten zu heilen, die Frauen von einem Engagement bei den Piraten abhalten, dann her damit. Nochmal: Ich behaupte, dass bei den Piraten schon jetzt keiner Frau des Frauseins wegen Steine in den Weg gelegt werden, ganz im Gegenteil. Eine Frauenquote liefe meiner Erwartung nach also massiv ins Leere. Na und? Dann kann man sie auch einführen, um die lähmende Diskussioin hinter sich zu bringen.

Vielleicht gibt es aber noch andere Nachteile bei einem Bekenntnis zu Instrumenten, wie der Frauenquote. Christophe Chan Hin hat einen lesenswerten Text verfasst, der sich etwas von der Genderproblematik entfernt und gute Gründe liefert, wieso Konzepte wie Frauenquoten bei den Piraten einfach nicht passen. Letztlich liefert der Text einen recht plausiblen Erklärungsansatz, wieso die Piraten die Frauenquote mehrheitlich ablehnen. Und der Grund ist kein Machogehabe oder Maskulinismus in der breiten Basis, auch keine Angst vor guten Frauen in Führungspositionen (allein diese Unterstellung ist in meinen Augen eine Unverschämtheit). Die Piraten sind eine Manifestation eines Konzeptes der vorurteilsfreien Zusammenarbeit. Gerade dass hier kein Sündenbock gesucht wird, kein die Anderen sind schuld gelebt wird, macht die Stärke der Piraten aus. Zusammenarbeit unter dem Leitstern der Vernunft der Individuen lässt keinen Raum für Geschlechter- und sonstige Lager. Wozu auch? Ist das zielführend? Eher nicht. Daher die Ablehnung dieser lähmenden ideologischen Thematik. Folgende Absätze sind sehr erhellend bei der Frage nach dem Wesen der Piratenpartei:

Die Piratenpartei ist keine Ein-Themen Partei. Sie ist der politische Ausdruck einer vernetzten Gesellschaft. Geradezu rücksichtslos entern die Piraten die ganz wesentlichen Themen, die von den Linken und Liberalen schon längst vergessen wurden. Die Austauschbarkeit der anderen Parteien, die alle in eine Mitte wollen, hat mit der Erodierung ihrer eigenen Prinzipien und einer die Gesellschaft spaltende Sündenbockpolitik zu tun. Im Gegenteil unterscheiden sich die Parteien mittlerweile nur noch in der Wahl ihres Sündenbocks, und mit offenen Armen wird jede Möglichkeit, einen neuen Schuldigen zu finden, auch wenn sie noch so Menschenverachtend ist, empfangen. Hier setzt die Piratenpartei an, um eine Gesellschaft zu verhindern, die sich gegenseitig misstraut und dabei nicht merkt, dass in ihrer Spaltung das Kontrollinstrument liegt.

Aber in Momenten, wo 160.000 Menschen eine Petition gegen Zensursula unterschreiben, wo fast 150.000 Menschen gegen Atomkraft auf die Strasse gehen, wo bundesweit 85.000 Menschen für den Bildungsstreik eintreten, da bekommt die Politik eine Ahnung, wie instabil ihre Kontrolle ist, sobald Menschen ihre Klasse, Rasse, ihr Geschlecht und ihre Leitkultur mal links und rechts liegen lassen und sich zusammenschließen.

P.S. Passt nicht wirklich hier her, aber ist auch interessant: Volker Beck gibt den doofen Piratenwählern (und Linksparteiwählern) die Schuld daran, dass nun vielleicht Rüttgers Ministerpräsident bleibt. Wer hat uns verraten? Die Piraten! Wer war mit dabei? Die Linkspartei! Wow, interessante Negierung der Problematik, wenn auch inzwischen auf Kritik reagierend mit IRONIE-Hinweisen versehen. Die Haltung habe ich unter Grünen aber schön das ein oder andere Mal vernommen. Tatsächlich ist es so, dass ohne die Piratenpartei und unter der nicht ganz ungültigen Annahme, dass die dann freiwerdenden Stimmen primär der SPD und den Grünen zufließen würden, Rot-Grün in NRW die sehr knappe Mehrheit hätte. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass diese fehlenden Stimmen ein bitterer Schlag ins Gesicht von Rot-Grün ist. Beide Parteien haben ihre ursprünglichen Linien verlassen und verlieren massiv Stimmen an Piraten und Linkspartei. Aber statt das als Schuss vor den Bug zu sehen oder als Volltreffer im Fall der 2010er NRW-Wahl, wird den abtrünnigen Wählern trotzig ein Vorwurf hinterhergeworfen. Liebe Grüne: Wie wäre es mal mit einem Reality-Check? Eine Analyse, wieso ein wahlentscheidender Teil der eigenen Wähler sich bei den Piraten besser aufgehoben fühlt? Wer ist hier der Verräter? Eure verdammte überwältigende Enthaltungsfraktion bei der Abstimmung zu Zensursula war eine Zäsur für nun wohl auf längere Zeit ehemalige Grünwähler wie mich. Klarer kann man sich beim Themenkomplex Bürgerrechte in der Informationsgesellschaft kaum auf der falschen Seite positionieren. OK, die SPD hat sich die Hände noch schmutziger gemacht, aber die waren eh schon verlorenes Land. Wenn hier einer trotz allem Schwarz-Gelb in NRW ermöglicht hat, dann sind das SPD und Grüne, die konsequent Wähler vergraulen. Und das auf eigenem Terrain, sind Bürgerrechte doch eigentlich mal Kernthema der Grünen gewesen. Genau diese Arroganz hat mich bei meinen letzten drei Wahlentscheidungen von den Grünen ferngehalten. Würden die Grünen ihren Job wieder ernst nehmen, bräuchte es keine Piratenpartei. Im Grunde ließe sich gar sagen, dass die Piratenpartei die Linkspartei der Grünen ist. Das wäre aber arg vereinfacht, speist sich die Linke zumindest im Westen doch zu guten Teilen auch aus enttäuschen Grünwählern.

Nachtrag 24.05.2010: Schnell noch ein interessanter Beitrag zur Gendersache an sich und Lena Simons Nichtwahl im Speziellen nachgeschoben. Nicht die erste Stimme, die ich höre, die angesichts von Lena Simon (der einzigen Vorstandskandidatin) ganz froh ist, dass es bei den Piraten keine Quote gibt. Laut polternde und polarisierende Leute brauchen die Piraten einfach nicht. Die Trolle in den Foren sind schon schädlich genug für das Außenbild der Partei, Polarisatoren haben in der Parteileitung nichts zu suchen. Vor allem nicht angesichts der Parteilinie der aufgeklärten Besonnenheit.


Objektorientierte Entwicklung vs. PHP 4

05 05 2010

Zur Zeit arbeite ich an einem Wordpress-Projekt und bin nach der Umstellung auf PHP 5.3 (vorher war versehentlich PHP 4 auf dem Webspace aktiv) über etliche Deprecated-Warnungen gestolpert. Die explizite Zuweisung von Objekten per Referenz (also mit =& statt dass das Objekt mit = geklont wird) in der wp-settings.php ist schuld, denn dieses im Grunde erwartungskonforme Verhalten ist seit PHP 5 der Normalfall, Objekte werden jetzt nur noch geklont, wenn man explizit clone benutzt, so dass die explizite Zuweisung per Referenz überflüssig ist und angemahnt wird.

Nun ist es bei einem guten Hoster ein Handgriff ein, die E_DEPRECATED-Warnungen in der php.ini zu unterdrücken, von daher ist das alles halb so wild. Die Sache ist aber ein Symptom eines großen Dilemmas: Will man – aus welchen Gründen auch immer – kompatibel zu PHP 4 bleiben, muss man manchmal Code schreiben, der in PHP ab 5.3 eine Deprecated-Warnung wirft. Das TYPO3-Backend beispielsweise warf bis vor kurzem (vielleicht auch immer noch) ebenfalls Unmengen an Deprecated-Warnungen, weil es intensiven Gebrauch von eregi-Funktionen macht. Die kann man mit gutem Geschwindigkeitsgewinn und ohne Schwierigkeiten mit PHP 4 gegen preg-Funktionen austauschen, hier ist es also lediglich eine Sache von Fleiß; ganz davon abgesehen, dass TYPO3 sowieso seit Jahren kein PHP 4 mehr unterstützt. Die Sache bei Wordpress und einigen anderen Projekten mit Objektorientierten Elementen ist aber eine Zwickmühle.

Wobei es in meinen Augen keineswegs eine Zwickmühle ist, da die Lösung auf der Hand liegt: Man wirft einfach den PHP 4 Support über Bord und hält die Anfeindungen einiger Ewiggestriger aus, die nicht wissen, wie sie bei ihren Webspace eine aktuelle PHP-Version umstellt. Diese Anfeindungen kommen leider vor, und sind einer der Gründe, wieso ich zu Serendipity keinen Code mehr beitrage. Serendipity bewahrt wie Wordpress noch immer die PHP 4 Kompatibilität und steht einer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung damit massiv im Weg. Wordpress wird wohl ab Version 3.0 (also ab demnächst) PHP 5 vorraussetzen, damit es endlich nach vorne gehen kann. Das ist im Falle von Wordpress auch bitter nötig, wenn man sich den mitunter grauenerregenden Code anguckt. Die aktuelle Beta 1 wirft aber leider immer noch die Deprecated-Warnungen.

Es gibt so etwas wie Codehygiene. Ich frage mich, wieso sich so viele Softwareprojekte mit aller Macht dagegen stemmen, ihren Code ein wenig zu warten. Eregi-Funktionen gelten schon seit mindestens fünf Jahren als um Größenordnungen langsamer, als ihre preg-Pendants. Wieso zur Hölle liest man dann als Abhilfe für Deprecated-Meldungen immer und überall, dass man die Warnungen ausschalten soll? Wo ist das Problem, sich einmal eine Nacht hinzusetzen und die veralteten und langsamen eregi-Funktionen zu eliminieren? Wieso wird unter Verzicht auf fundamental wichtige Programmiertechniken der Objektorientierung auch mehrere Jahre nach Einstellung des Supports für PHP 4 so sehr daran geklebt? PHP 4 ist veraltet, langsam und behindert massivst eine saubere Programmierung. Das ist sogar so offensichtlich, dass es jedem auffallen müsste, der nur ansatzweise objektorientiert mit PHP programmiert. PHP 4 fehlt es an fundamentalen Funktionalitäten an allen Ecken und Enden, nicht nur bei der Objektorientierung. Bitte, hört auf mit der falsch verstandenen Rückwärtskompatibilität und blickt mal nach vorne.

P.S. Ich bin übrigens latent auf der Suche nach einem neuen Blogsystem. Serendipity möchte ich den Rücken kehren, weil sich an der Front scheinbar nichts mehr tun wird. Auf PHP 5 umstellen? Neue Programmierkonzepte zulassen? Nix da, alles bleibt, wie es ist. Ein System, dessen Core so ungerne angefasst wird, ist nicht meins. Davon abgesehen, dass der Core in meinen Augen sowieso gar kein HTML ausgeben sollte. S9Y ist super stabil und funktioniert bei mir seit nunmehr fast sechs Jahren ohne jedes nennenswerte Problem vor sich hin, aber in etwa so lange hat sich auch nicht mehr wirklich etwas nennenswertes weiter entwickelt; das stimmt zwar nicht ganz, aber die Änderungen blieben insgesamt doch sehr dezent. Wordpress ist leider keine Alternative, auch wenn das Backend großartig ist. Ein Blick in den Core an beliebiger Stelle sollte ausreichend Anlass geben, das System nicht zu wollen. Was ist eigentlich aus Habari geworden?


Werbeblocker sind kein guter Stil, aber nötig

25 03 2010

Frank Patalong hat auf Spiegel Online eine Dsikussion über Werbeblocker losgetreten, die ich schon länger vermisse. Seine Behauptung lautet kurzgefasst: Die immer zahlreicher werdenden Leser mit Adblockern gefährden die Finanzierung des (Qualitäts-)Journalismus. Leser sind undankbar und wollen immer alles umsonst, aber keinesfalls Werbung sehen und sind schuld an allem Niedergang. Felix Schwenzel hat dazu eine gewohnt rotzige Replik mit dem schönen Titel qualitätsheulsusenismus an den Start gebracht und hängt sich (wie auch andere) an Patalongs herbeifantasiertem Deal zwischen Online-Nachrichtenseiten und Lesern bezüglich der Akzeptanz von Werbung für kostenlosen Zugang zu den Nachrichten auf. In der Tat zeugt dieses Verständnis von einem gewissen Realitätsverlust. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Redaktionelle Arbeit bei spiegel.de und Co. irgendwie bezahlt werden will und wenn der Zugang kostenlos ist, muss das Geld woanders herkommen. Auftritt Werbung.

Werbung finanziert Websites. Punkt. Wer Werbung grundsätzlich rausfiltert, torpediert den primären Finanzierungskanal, egal ob er das aus gutem Grund tut oder nicht. Jetzt kommt das Aber: Die Werbeindustrie ist selbst schuld an der Misere. Dass Werbung sich raumgreifend um die Seite legt ist noch erträglich, wenn aber Layer-Ads (die ein klares Zeichen für unseriöse Websites sind) und andere Werbeformen sich vor den eigentlichen Inhalt legen und diesen damit nicht nur optisch in den Hintergrund drängen, geht das zu weit. Wenn mehrere blinkende Flash-Banner jeden nicht gerade hochaktuellen Computer merklich ausbremsen, wenn gar ungefragt Geräusche erzeugt werden (besonders lustig im Zusammenhang mit Tabbed-Browsing) oder am Ende noch Schadcode und ungehemmt Schnüffelcookies auf dem Rechner landen, dann ist das weit oberhalb der Toleranzgrenze. Wer sich in diesem Lichte beschwert, dass Leute sich mit Adblockern wehren, ist ein Zyniker oder ein Ignorant. Der Werbeblogger hat das schön ausformuliert und stellt zudem auf weitere wichtige Aspekte ab.

Doch wie geht man mit der Situation um? Adblocker sind leider notwendig geworden, gerade für die Vielnutzer unter den Lesern, aber sie sind auch irgendwie nicht so recht fair. Ob man das einen Deal nennt oder nicht, man muss anerkennen, dass Werbung gegen Inhalte der bislang gültige und auch praktikabelste Modus ist, Inhalte kostenlos zugänglich zu machen. Von all den Kritikpunkten an Werbung gibt es drei ganz starke: Kaum noch benutzbare ältere Rechner, ungefragte Töne aus irgendwelchen nicht auffindbaren Quellen in irgendwelchen Tabs im Hintergrund und Werbung, die die Inhalte verdeckt (PopUps, Layer Ads, aufdringliche Tooltipps oder alles zusammen). Für die ersten beiden gibt es eine unfassbar geniale Abhilfe, die trennscharf nur die asoziale Scheiße rausfiltert, zudem ein Gewinn an Sicherheit ist und die Umwelt schont (der Stromverbrauch durch unnötige Flash-Blinkerei muss immens sein): Der Flashblocker. Flash-Inhalte werden einfach durch Platzhalter ersetzt und wenn man sie sehen möchte, klickt man sie an. Ganz einfach, großartig. Bleiben noch die Layer-Ads, die im Grunde nur derjenige zu sehen bekommt, der sich regelmäßig auf mäßig seriösen Seiten rumtreibt. Ich habe genau zwei Seiten in meinen Bookmarks, die mir damit auf die Eier gehen, bei beiden habe ich einfach JavaScript ausgeschaltet (was bei Opera sehr leicht geht).

Ich behaupte: Die meisten Leute haben kein grundsätzliches Problem mit Werbung, sondern setzen Adblocker aus ganz bestimmten, handfesten Gründen ein. Der oben erwähnte Artikel vom Werbeblogger zitiert einige klare Regeln, wie Werbung nicht sein soll. Sind die erfüllt, gibt es auch keinen echten Grund, einen Adblocker zu benutzen. Werbung ist nicht zwangsläufig störend und schlecht, aber wenn sie so ist, braucht man sich nicht wundern, dass die Leser da keine Lust drauf haben und wahlweise gar nicht mehr kommen oder die Werbung ausblenden. Fuck, schaut Euch Google mal an.

Die Argumentationskette Patalongs, dass die eigenen Werbeeinnahmen wegen der bösen Adblocker einbrechen und jetzt Google (der Universalfeind des Qualitätsjournalismus) die ganzen Gewinne mit seiner Werbung einfährt, halte ich für in sich abenteuerlich: Wir verdienen wegen der Werbeblocker kein Geld mehr mit Werbung, aber Google verdient sich gleichzeitig eine goldene Nase. Mit Werbung…
Aber warum verdient Google als einziger so unfassbar gut an Werbung, während andere Werbeeinnahmen einbrechen? Ich denke, die Antwort ist naheliegend: Weil Googles Werbung nicht nervt und es deswegen (über die Datenschutzproblematik hinaus) keinen Grund gibt, sie auszublenden. Ja, ganz verwegen: Googles Werbung neigt sogar dazu, einen Ansatz von Nützlichkeit vorweisen zu können. Man denke nur an die ortsbezogene Werbung in Maps. So liebe Leute, so verdient man mit Werbung im Netz. Die Verlage heulen rum, als gäbe es ein Gesetz, dass nur Google nicht nervende Werbung an die Nutzer bringen darf.

P.S. Ich selber benutze auf meinem sehr fixen Hauptrechner keinen Werbeblocker und auch keinen Flashblocker, lediglich bei zwei Seiten habe ich JavaScript abgeschaltet, um den Layer-Ads zu entgehen, die zudem inzwischen beim Klick auf den Schließen-Button noch ein PopUp öffnen. Unfassbar. Aber auf allen anderen Rechnern hier im Haushalt läuft ein Flashblocker. Das PIII-1GHz Notebook in der Küche ist schon kaum mehr bedienbar, wenn die Diashow bei last.fm läuft. Nachrichtenseiten ohne Flash-Blocker scrollen nur noch mit sekundenlangen Pausen pro Schritt. Hätte Opera einen brauchbaren Flashblocker, würde ich ihn auch auf meinem Hauptrechner benutzen, schon aus Gründen der Sicherheit.


Das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets

30 10 2009

Martin Weigert antwortet auf netzwertig.com auf die Frage, wie man das Lebensgefühl der Piraten jenseits des Internets beschreiben kann mit der Feststellung, dass schon die Frage falsch gedacht ist:

WiWo-Chef Tichy liefert in seiner Frage den Denkfehler gleich mit, der die etablierten Parteien dazu bringt, eine wachsende Zahl von (Jung-)Wählern durch ihre Ansprache und ihr Parteiprogramm nicht mehr zu erreichen: Er sucht das Lebensgefühl des Piraten-Umfeldes jenseits vom Internet. Doch lässt sich hier tatsächlich noch zwischen Internet und der realen Welt unterscheiden? Ich behaupte, nein.

Ein wichtiger Teil des Lebensgefühls im Netz aktiver Bürger ist die nicht mehr vorhandene Unterscheidung zwischen offline und online. Das Internet ist nicht mehr eine Mediengattung unter vielen, sondern es ist DAS allgegenwärtige Medium, welches einen rund um die Uhr begleitet.

Das ist so treffend formuliert, dass es mir einen eigenen Blogeintrag wert ist. Das Internet ergänzt das Leben quasi um eine Metaebene. Der Gedanke, dass man sich jetzt ins Netz einwählt, dort etwas tut, als wäre es ein eigener Ort, als würde man dorthin verreisen und danach von dort zurückkehren, ist so unglaublich naiv gedacht. Sowas kann nur von Menschen kommen, deren Zugang zum Netz über Bin ich schon drin, oder was? in den letzten zehn Jahren nicht wirklich hinausgekommen ist. Dass man sich mit so einer ahnungslosen Anfänger-Attitüde überhaupt noch auf das Parkett der breiten Öffentlichkeit traut, liegt einzig und allein daran, dass man noch in bester Gesellschaft ist. Nichts gegen Anfänger, jeder fängt mal klein an, die Frage ist aber, ob man sich dann unbedingt ahnungslos stolpernd in dieser Größenordnung äußern muss. Ich würde mich in jedenfalls Grund und Boden schämen, wenn ich mich auf bundespolitischer Ebene so naiv etwa zum Thema Finanzmarkt äußern würde. Ein schönes Beispiel für peinlichst ahnungsloses Geqautsche leiferte zuletzt Frau Zypries mit ihrem Google-SMS-Gestammel ab.

Nun darf man natürlich hoffen, dass sich diese Leute rauswachsen, das werden sie auch sicher tun. Aber in der Zwischenzeit werden sie noch so viel kaputt machen mit ihrem Bestreben, das Internet zu bekämpfen. Das Internet geht nicht wieder weg und es wird sich auch ganz sicher nicht mehr zurückziehen und sich seine Nische suchen neben Zeitungen und Fernsehen. Es durchdringt die Gesellschaft um Klassen tiefgreifender und revolutionärer als das etwa der Buchdruck getan hat, eben weil es einen universellen Ansatz verfolgt. Es ist OK, sich da raus zu halten. Aber dann sollte man sich auch nicht einmischen. Ich lese keine Tageszeitung, hab ich noch nie getan. Ein bisschen schäme ich mich dafür, weil ich weiß, dass in Zeitungen viele gesellschaftlich wichtige Dinge drinstehen. Aber ich ziehe aus diesem Umstand nicht den Schluss, dass man Gesetze zur Eindämmung der gemeinen Zeitung erlassen muss. Ich finds doof, deswegen ist es doof und deswegen gehört es bekämpft. Was für ein hirnverbrannter und selbstverliebter Ansatz ist das denn bitte?

Und weil noch zu viele Leute so drauf sind, haben die Piraten eine gesellschaftlich so wichtige Funktion als Korrektiv und Denkanstoßgeber. Diese Funktion haben sie bisher großartig ausgeübt. Ohne eine so aufstrebende Jungpartei würden diese Themen in Zeit, Spiegel, FAZ und Co. noch immer keine echte Beachtung finden. Allein durch die Anwesenheit der Piraten als Manifestation der schon zuvor zu erahnenden gesellschaftlichen Umwälzung wird plötzlich recht offen über das Thema Informationsgesellschaft geredet. Erst seit jemand in der breiten Öffentlichkeit aufgetaucht ist, der offenbar beim Thema Informationsgesellschaft echtem Expertentum eine laute Stimme gibt, wird es zunehmend peinlich, sich ahnungslos zu äußern. Zumindest fällt die Peinlichkeit naiver Äußerungen dadurch immer mehr Leuten auf, was sich irgendwann auch rückkoppeln wird und die Anfänger sich vorsichtiger äußern lassen wird. So zumindest meine Hoffnung.


Mal abwarten, was die Koalitionskompromisse ergeben

19 10 2009

In den Wochen seit der Wahl halte ich mich sehr zurück und bin sehr gespannt. Ich muss vor allem dringend weniger politisch werden, das nervt alle um mich herum; aber trotzdem sei noch mal etwas zum Zeitgeschehen gesagt: Die Koalitionsverhandlungen sehen verschiedene Fortschritte vor, auf die ich gar nicht näher eingehen will, weil es einfach zu früh ist. Links gibts heute keine, lest mal selber die Nachrichten. Teilweise, wie bei der Vorratsdatenspeicherung, wird einem im Grunde der durch das BVerfG vorgelegte Status Quo als Fortschritt verkauft, das klingt schon mal verdächtig nach heißer Luft. Bei den Netzsperren gibt es einen sofortigen Stopp, die Sperrliste wurde also nicht, wie vorgesehen, am 17.10.2009 an die Provider ausgeliefert. Das ist ein gutes Zeichen, aber weit von einer echten Lösung entfernt. Zum einen könnte die Sperrliste jederzeit doch kommen, zum zweiten ist das rechtsstaatlich zumindest fragwürdig (dass die Regierung solche Erlasse ausgibt) und zuletzt ist die Nummer nur für ein Jahr ausgesetzt. Die Stoßrichtung kann also nur sein, den Widerstand zu schwächen und den Mist dann eben in einem Jahr durchzuziehen, wenn etwas Gras drüber gewachsen ist. Man muss ja nichts großartiges mehr unternehmen: Die Infrastruktur ist da, das Gesetz auch, man muss nur auf den roten Knopf drücken.

So wirkt das Ganze auf mich wie eine Hand voll Sand in unseren Augen. Ein klitzekleiner Etappensieg, ja, aber einen Durchbruch kann ich einfach nicht erkennen. Immerhin hat die FDP nach Außen eine Richtung gesetzt und das ist der Kernwert des Ganzen, da kann man anknüpfen. Die Forderungen bleiben aber offen:

  • Ein klares Nein zu Netzsperren, vorzugsweise mit einer klaren Anerkennung der Netzneutralität als treibende Kraft der modernen Gesellschaft. Das Gesetz muss auf jeden Fall endgültig vom Tisch.
  • Die Vorratsdatenspeicherung muss ganz aufgehoben werden. Auf das BVerfG zu warten ist keine Lösung.
  • Der Hackerparagraph muss weg! Er ist 100% nutzlos, schafft aber auch nach der Konkretisierung durch das BVerfG weiterhin große Rechtsunsicherheit in Sachen IT-Sicherheit im Betrieb und bei der Ausbildung. Wer hat sich diesen unlogischen Unsinn eigentlich ausgedacht? Mit welchem unrealistischen Ziel im Hinterkopf?
  • Der Bundestrojaner wurde etwas eingeschränkt, immerhin. Aber das dadurch entstehende Misstrauen gegenüber dem Staat in Bezug auf die eigene IT-Infrastruktur ist damit nicht vom Tisch. Der Bundestrojaner muss abgeschafft werden (bzw. darf nie zur Anwendung kommen).
  • Die klare Absage an die abgestufte Erwiederung, auch als Three-Strikes bekannt, ist ein guter Schritt, aber das hätte ich auch gerne mal vor dem BVerfG auf die Verträglichkeit mit den Grundrechten und überhaupt auf Verhältnismäßigkeit geprüft gesehen.

Also liebe FDP, die Ansätze sind zwar schön öffentlichkeitswirksam, aber momentan noch zu unkonkret. Erst die nächsten vier Jahre werden zeigen, wie ernst euch die Geschichte mit den Bürgerrechten und der Informationsgesellschaft ist und ob die massiven Zugewinne durch die Hoffnungsvollen in die Verlängerung gehen können oder aber wieder wegfallen werden.

Guckt euch die Kernforderungen der Piraten mal an, die meisten davon sind ausgesprochen vernünftig und das Wählerpotenzial ist so klein nicht. 2% als neue Partei bei dem Namen und dem fragwürdigen Image und der Beschränkung auf so wenige Themen sind eine klare Aussage, 13% der männlichen Erstwähler und 9% der Jungwähler ebenfalls. Aber dazu müsst ihr zusätzlich auch den wahnsinnsgetriebenen Killerspiele-Verbots-Forderungen der CDU/CSU klar entgegen treten. Denkt dran, die meisten Piratenwähler sind genau Eure Zielgruppe, zumindest wenn ihr eure Werte ernst nehmt. Es liegt an Euch, ob die Piraten in vier Jahren die 5%-Hürde knacken oder wegen Überflüssigkeit wieder verschwinden werden. Die CDU ist sowieso verlorenes Land, also liegt es in erster Linie an Euch.

P.S. Johnny Haeusler stellt sich die alles entscheidende Frage: Wo ist der Haken?. Darauf bin ich auch gespannt.


Wählen gehen! Oder auch nicht.

27 09 2009

So Freunde der Nacht, es ist Wahltag und alle gehen hin. Es gilt allgemein als der Demokratie wenig zuträglich, wenn die Wahlbeteiligung gering ist, in Belgien gibt es sogar (wie in einigen anderen Lädern, siehe Wikipedia) eine Wahlpflicht. Grundsätzlich stimme ich der herrschenden Meinung zu, dass nicht zu wählen schlecht für die Demokratie ist. Aber andererseits stellt sich mir die Frage, warum das eigentlich so sein soll?

Nehmen wir mal an, es gibt im Volke etwa 1/3 der Bürger, die aus politischer Motiviation heraus und inhaltegetrieben irgendeine Partei wählen, die restlichen 2/3 sind im Grunde uninformiert und interessieren sich auch nicht groß dafür. Die Zahlen könnten auch beliebig anders aussehen, so lässt sich aber leichter rechnen. Also diese nur partiell von BILD und Co. informierten Wähler überblicken die Tragweite der Wahl nicht so recht. Davon geht die eine Hälfte zur Wahl, die andere Hälfte eben nicht, weil es für sie sowieso keinen Unterschied macht, wer jetzt wie was abstimmt, es ist alles scheiße oder alles schon OK so. Die andere Hälfte aber geht zur Wahl und wählt nicht inhaltegetrieben, sondern nach Bauchgefühl und Nasenfaktor. Jetzt stellt sich mir die Frage: Warum soll es der Demokratie zuträglich sein, wenn der Anteil der Nasenfaktor-Wähler gesteigert wird? Man stelle sich als Gedankenspiel mal vor, alle würden zur Wahl gehen (müssen, wollen, egal warum). Dann würden die Leute, denen das alles total egal ist halt irgendwen wählen, der gut aussieht oder gut klingt oder populistische Versprechungen macht; das Drittel politisch interessierter und aus halbwegs fundierter Meinung heraus wählender Bürger würde ins Hintertreffen geraten.

Meine Prämisse ist also, dass eine hohe Wahlbeteiligung keineswegs das Interesse an der konkreten Politik erhöhen würde. Es wäre ja begrüßenswert, wenn das anders wäre, aber das ist es in meinen Augen eben gerade nicht. Leute gehen nicht zur Wahl, weil sie entweder im Großen und Ganzen zufrieden mit der aktuellen Situation sind und ihnen deswegen der Ausgang der Wahl egal ist, oder weil sie alles so doof finden, dass sich ihrer Meinung nach eh nichts ändern wird. Stimmen dieser Gruppen sind nicht zweckdienlich, sondern im Gegenteil tendenziell eher schädlich. Also begrüße ich es, wenn jemand nicht wählen geht und somit anderen die Entscheidung überlässt. Das ist allemal besser, als einfach ohne Sinn und Verstand irgendwen zu wählen. Warum soll irgendwen wählen der Demokratie zuträglich sein? Was wäre die Folge? Die Parteien würden sich primär auf diese Leute stürzen und einen rein populistischen Wahlkampf machen, echte und komplexe Inhalte wären noch schwieriger zu verkaufen, als jetzt schon. Das ist kein Dienst an der Demokratie, sondern bestenfalls Rauschen.

Meine Prämisse und die daraus abgeleitete Folgerung ist – zugegeben – ein reichlich elitärer Ansatz. Ich möchte aber niemandem das Wahlrecht absprechen oder die Gewichtung ändern, wie das mitunter als Forderung aus der CDU kommt. Das ist tatsächlich ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. Ich widerspreche lediglich der herrschenden Forderung, dass doch bitte alle wählen gehen sollen. Natürlich wäre es wünschenswert, dass alle sich politisch informieren und dann wählen gehen, um eine Regierung zu legitimieren. Aber so ist es ja nicht. Ich ändere die Forderung also ab: Ich fordere von allen Bürgern, sich politisch zu informieren und zu interessieren. Solange das nicht erfüllt ist, ist eine niedrige Wahlbeteiligung an sich nur ein Symptom dieses Desinteresses, mithin nur mittelbar schlecht für die Demokratie. Im Wunsch nach höherer Wahlbeteiligung schwingt immer die naive Hoffnung mit, dass die Nichtwähler der richtigen (also der eigenen) Meinung zugetan sind. Bei der SPD mag das in Teilen auch stimmen, aber gesamt gesehen halte ich das für eine steile These. Was nicht heißt, dass es illegitim wäre, Nichtwähler zu umwerben.

Also modifizierte Forderung: Geht unbedingt wählen, aber nur, wenn ihr nach irgendwie zielführenden Kriterien entscheidet. Zielführend ist es übrigens durchaus auch, ungültig zu wählen oder aus Protest, wenn man sich der Aussage klar ist, die das trifft.


Kevin und Justin habens schwer

16 09 2009

Gerade las ich im Schulspiegel einen Artikel mit dem Titel Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose. Da geht es um eine wissenschaftliche Untersuchung, die zeigt, dass Grundschullehrer Vorurteile gegenüber verschiedenen Namen haben. Kevins und Justins, Chantals und Mandys halten ein überwiegender Teil der Lehrer allein vom Namen her für weniger leistungsstark als Maximilians, Maries, Lukas (von denen ich spontan keine Mehrzahl bilden kann) und Neles. Das geht mir ganz genau so. Kein Mensch bei Verstand nennt sein Kind Kevin oder Justin, wirklich nicht. Wenn man von vornherein klarstellen will, dass sein Kind dem Prekariat angehört, gibt man ihm solche Namen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass auch nach gefühlten 15 Jahren schlechten Rufs immer noch Menschen ihre Kinder derart brandmarken. Warum nur? Die Namen klingen ja nicht mal schön.

Was ich aber von so einer Untersuchung ebenfalls erwarte, ist, dass neben dem wegen unreflektierter Vorurteile erhobenem Zeigefinger auch eine Überprüfung eben dieser Vorurteile stattfindet. Es wäre doch mal spannend zu erfahren, ob Kevins und Justins tatsächlich weniger leistungsstark sind als andere Kinder. Es würde mich überraschen, wenn es im Zuge von Pisa und vergleichenden Schultests keine objektiv erhobenen Zahlen dazu gäbe. Denn ich habe das deutliche Gefühl, dass Kinder mit solchen Namen signifikant eher bildungsfernen Schichten angehören und das hat ja bekanntlich sehr wohl objektiv messbare Auswirkungen auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Was jetzt nicht heißen soll, dass das ein Automatismus ist.

Man ist also nicht blöd, weil man Kevin heißt, sondern hat mit hoher Wahrscheinlichkeit blöde oder auf dem Mond lebende oder mit eigentümlichem Humor ausgestattete Eltern, was wiederum nicht selten eine Mitschuld daran trägt, wenn man etwas weniger klug ist als seine Altersgenossen aus Akademikerhaushalten. Wobei blöd jetzt auch schon wieder ein blödes Wort ist. Und fair ist das tatsächlich nicht, der erhobene Zeigefinger hat ja durchaus seine Berechtigung. Das Problem ist nun mal, dass Lehrer auch Menschen sind und Menschen haben die Neigung zu verallgemeinern, bewusst oder unbewusst.

Mal Hand aufs Herz: Welche Eigenschaften assoziiert Ihr spontan mit einem Kind, das Kevin, Justin, Jaqueline oder Chantal heißt? Und welche Assoziationen habt Ihr bei Kindern, die Evalotte, Marie, Philipp oder Malte heißen? Woraus stützt sich das bei Euch? Eben.

Nachtrag 05.12.2009: Gerade fällt mir ein, woran man recht klar erkennen kann, ob ein Mädchen eher Jaqueline oder Marie heißt: Hat sie (auch schon in der Grundschule) weiße Stiefel an, ist der Fall klar. Ich muss echt mal was über weiße Stiefel schreiben.

Nachtrag 27.08.2010: Inzwischen gibt es eine weitere Arbeit zum Thema, die untersucht hat, ob Lehrer tatsächlich je nach Name anders bewerten. Das Ergebnis zeigt keinen signifikanten Zusammenhang, wie man bei Anatol Stefanowitsch erfährt. Meine Frage bleibt also offen, ob Kevins und Mandys denn nun objektiv weniger leistungsfähig als Maximilians und Maries sind, oder eben nicht.