Mal wieder ein Amoklauf, mal wieder die Killerspieldebatte. Beckstein reißt natürlich sofort wieder das Maul auf und verzapft Unsinn:

Fernab dessen müsse zudem geklärt werden, ob Tim K. Killer- und Gewaltspiele auf dem Computer gespielt habe: Nicht jeder Nutzer macht einen Amoklauf, aber ein hoher Anteil unter den Amokläufern hat Killerspiele genutzt, so Beckstein zu SPIEGEL ONLINE: Da sollten wir nachbohren.

Waffengesetze nicht verschärfen, das bringe nichts. Aber Killerspiele müssen verboten werden. Was für eine hirnlose Argumentationskette. Es ist doch am Ende vollkommen irrelevant, ob dass Tim K. Killerspiele "genutzt" hat. Natürlich spielt jemand, der derart gestört ist, dass er Amok läuft, auch Killerspiele und hat (Softair-)Waffen. Die Frage ist ja, warum jemand in die Schule geht und seine Mitschüler tötet. Und da sehe ich in der Hitliste der Gründe einsam an der Spitze eine irgendwie geartete psychische Störung; und dass die durch Killerspiele verursacht wird, konnte bisher keine wissenschaftliche (im Sinne von seriös) Studie belegen. Und selbst wenn das bei diesem Einzelfall der Fall wäre, was sagt das aus? Rein statistisch belegbar ist, ist dass Killerspiele von Millionen Jugendlicher und Erwachsener seit vielen Jahren intensiv genutzt werden und man dennoch die Amokläufe in der Zeit an einer Hand abzählen kann.

Eigentlich muss man nicht mehr sagen, aber vielleicht wäre noch zu erwähnen, dass man mal in die Geschichtsbücher schauen sollte. Dort sind Amokläufe in allen Gesellschaften dokumentiert und deren Zahl ist keineswegs signifikant niedriger als seit der Verbreitung von mehr oder weniger realistischen Killerspielen in den letzten zehn Jahren. Relativ neu ist nur, dass (ehemalige) Schüler ihrer Schule einen bewaffneten Besuch abstatten. Sicher kann man dann auch (!) über den Einfluss von Killerspielen und Gewaltvideos und Softair-Waffen reden, aber sich von einem Verbot von alledem irgendeine Veränderung zu erträumen halte ich für unfassbar an der Realität vorbei. Johnny Haeusler denkt hier in eine wichtige und in der Diskussion stark vernachlässigte Richtung: Bei der Frage, warum Amokläufer erst in neuerer Zeit (auch) Schulen als Ziel wählen, sollte man sich vielleicht auch mal fragen, was diese an ihrer Schule und ihren Mitschülern so sehr hassen bzw. warum sie all ihre aufgestaute Aggression darauf projizieren. Dass darauf Killerspiele eine Antwort sind sehe ich nicht.

Offenbar sehen auch Spiegel Online und der Chef-Ermittler das nicht. Folgenden Absatz hätte ich heutzutage vom Spiegel gar nicht mehr erwartet, gerade angesichts der inzwischen auch dort üblichen Ja, genau! Berichterstattung. Ich bin wirklich positiv überrascht:

Auf seinem Computer, der in seinem Zimmer stand, fanden die Ermittler ein paar wenige Pornobilder und Gewaltspiele - "wie es viele Jugendliche haben", so Chef-Ermittler Mahler. Alles nichts Außergewöhnliches für einen Menschen in seinem Alter.

Genau das ist der Punkt! Ein paar Pornobilder und auch Gewaltspiele sind alles andere als auffällig, weil sie einen Normalfall darstellen und keineswegs belegbar zu Amokläufen führt. Wie soll man das angesichts solch geringer Fallzahlen auch statistisch verlässlich belegen können? X Millionen Spieler gegen drei Amokläufer in Deutschland (insgesamt, gezählt die, die mit Killerspielen in Verbindung gebracht wurden).

P.S. Wenn heute einer Amok läuft, denke ich übrigens erst beim zweiten Gedanken oh wie schlimm, vorher kommt noch hoffentlich hatte der Typ sein Zimmer nicht mit Counterstrike-Postern gepflastert, sonst gibts wieder diese beschissene Killerspiel-Diskussion. Das ist zynisch und ich schäme mich etwas dafür. Aber ich bin über die Jahre so konditioniert worden und damit bin ich nicht alleine: Schaut man in die Presse dreht sich die Diskussion nicht primär um die Tat selber und die armen Opfer und deren Familien, sondern erst mal um das Scheinproblem Killerspiele. Wirklich gut gemacht, Beckstein und Konsorten…

P.P.S Für Freunde der gepflegten Verschwörungstheorie: Wer hat als einziger Interesse an Amokläufen? Beckstein und die CSU! Bestimmt sind die für die ganzen Amokläufe verantwortlich. Diese Herleitung halte ich für höchstens so albern, wie die Herleitung einer Notwendigkeit eines Killerspielverbots aus drei Amokläufern in Deutschland und der Tatsache, dass diese Waffennarren (wie Millionen andere auch) Killerspiele gespielt haben.

P.P.P.S. Blame Canada!

Nachtrag 17.03.2009: EIn ganz absonderlich feiner Text zum ahnungslosen World of Warcraft Dummgeschwätz. Lesebefehl, ist auch kurz genug!

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