Am Montag wurde ich gefragt, ob ich bei einem aus dem Zeitplan zu rutschen drohenden Webprojekt als freier Entwickler aushelfen möchte. Ohne zu persönlich zu werden: Der Mensch, der sich hauptsächlich um dieses Projekt kümmert, steht mir sehr nah und da lasse ich mich nicht lange bitten. Am Dienstag hatte ich aber einen (gut bezahlten) Termin in der FH, so dass ich erst gestern in die Nachbarstadt aufbrechen konnte. Das Gespräch mit dem Auftraggeber hat mich allerdings verstört hinterlassen:
Der Mann hörte sich meine Ausbildung und meinen Werdegang an und schrieb Stichpunkte aus dem Gespräch offen sichtbar auf einen Zettel, natürlich primär die Punkte, die mir eine hervorstechende Qualifikation für diese Aufgabe absprechen (ich hatte btw. auch nie behauptet, für diese Aufgabe besonders geeignet zu sein). Hinterher warf er einen bedächtigen Blick auf den Zettel und nannte mir ein Stundenhonorar, das er mir zahlen könnte. Ich konnte es kaum fassen, aber der Mann hat mir allen Ernstes 12,50€ pro Stunde angeboten. Aus Fairnessgründen könnte er mir nicht mehr geben als seinen Festangestellten und er würde meine Leistung ja nicht kennen und so. Ich war sprachlos und sagte freundlich, aber entschieden ab. Als ich später im Auto war, rief er noch mal an und bot mir als totaaaal superduper Entgegenkommen 20€ pro Stunde an. Netter Versuch, aber:
- Nach zweieinhalb Jahren in meinem massiv unterbezahlten HiWi-Job habe ich mir geschworen, meine Leistung nie wieder weit unter Wert zu verkaufen.
- Fairness? Wenn er seinen Angestellten 12,50€ pro Stunde bezahlt ist das schon unverschämt wenig für die geleistete hochwertige Webentwicklungsarbeit. Mit Nebenkosten und allem Pipapo (Löhne auch ohne Aufträge zahlen müssen etc.) muss er für seine Angestellten weit über 20€ pro Stunde kalkulieren und fährt damit noch billig in dem Segment. Einem Freiberufler 12,50€ anzubieten ist also eine pure Unverschämtheit, muss er doch keinerlei Neben- oder sonstige Kosten kalkulieren, ich hätte sogar mein eigenes Notebook mitbringen müssen. Wenn sich der gute Mann das unter Fairness vorstellt, dann möchte ich ganz sicher nicht für ihn arbeiten.
- Meine vorläufige Honorarkalkulation als Freiberufler lässt Aufträge unter 30€ pro Stunde nicht lohnend zu, und auch nur bei längeren Aufträgen von jeweils mehr als 4 Stunden am Stück. Üblicherweise stelle ich um die 50€ in Rechnung, um gut von meiner Arbeit leben zu können und noch etwas Luft für immer Anfallende Mehrarbeit zu haben (je nach Umständen passe ich den Preis auch mal an). Wenn ich mich zwei Wochen für 20 oder gar 12,50€ pro Stunde binde, muss ich die ganze Woche arbeiten und muss Aufträge zu meinem üblichen Stundensatz dafür ablehnen. Das bedeutet, dass ich auch zwei statt fünf Tage arbeiten könnte für das gleiche Geld und die restlichen drei Tage meinen eigenen Projekten nachgehen, rumhängen, mich weiterbilden oder schlicht mehr verdienen.
- Auch wenn der Kerl mir nachträglich 30€, für die ich anfangs zugesagt hätte, bieten würde, würde ich absagen. Warum? Wer so dreist und schmierig versucht (unerfahrene) Freiberufler abzukochen, der soll mit seinen Projekten untergehen. Solch eine Bezahlung für freie Mitarbeiter bedeutet netto nämlich ggf. noch weniger, als die 5,58€ pro Stunde, die man als HiWi an einer NRW-FH bekommt.
- Ach ja, die Fahrt mit dem Auto zu dem Laden und zurück kostet mich etwa zehn Euro allein an Benzin und pro Stunde fallen auch noch 2€ Parkgebühren an, bei Kostenumlage auf 8 Stunden pro Tag rutsche ich so bei 12,50€ weit unter 10€ pro Stunde und habe davon weder Steuern, (Kranken-, Renten-, Sozial- etc.) Versicherungen noch sonst irgendwas bezahlt. Vor dem Hintergrund wird vielleicht klarer, wieso ich so einen langen Beitrag darüber schreibe und so empört über diesen dreisten Versuch von Honorardumping bin. Frisören und Angestellten in all den anderen Billiglohn-Berufsgruppen mag das wie Jammern auf hohem Niveau vorkommen, aber in meiner Branche sind das unvorstellbar kleine Honorare. Und ich reite noch nicht einmal auf meinem abgeschlossenen Studium rum, was sich bei einer Festanstellung in einer größeren Hierarchie meistens deutlich in der Höhe des Monatsgehalts niederschlägt (übrigens in meinen Augen nicht immer zu Recht).
Zur Erinnerung: Es handelt sich bei der Aufgabe um eine kurzfristige (sofort), zeitkritische (Deadlines) und zeitintensive (viel zu tun) Arbeit, für die ich gewöhnlich einen Zeitdruck-Aufschlag kalkuliere. An meiner Honorar-Untergrenze zu arbeiten wäre ein Entgegenkommen meinerseits gewesen. Jetzt bin ich echt froh, dass ich diesen Auftrag abgelehnt habe. Das ist gar nicht so leicht für mich, zumal ich den Projektverantwortlichen jetzt hängen lasse. Aber ich kann ihm nur empfehlen, sich nicht zu diesem Dumpinglohn ausbeuten unterbezahlen zu lassen, sofern er denn wirklich nur diese 12,50€ pro Stunde bekommt und der Typ mich diesbezüglich nicht verarscht hat. Seine hochkomplexe und hochwertige Programmierarbeit (soweit ich das beurteilen kann) ist deutlich mehr wert als so ein lächerliches Taschengeld.
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