Seit geraumer Zeit reift bei mir ein länglicher Blogeintrag zur Auffassung des Internets in den Köpfen derjeniger, die es nicht so recht verstanden haben. Nun gibt es im Spiegel Online einen Artikel zu genau diesen Themen, der im Grunde jedes weitere Wort überflüssig macht. Gut geschrieben und sinnvoll argumentiert, ohne wütend zu sein. Solche Artikel braucht es, vielleicht sollte der SPIEGEL sowas mal als Titelstory aufnehmen: Das missverstandene Netz.
Neben den anderen angesprochenen Punkten ist mir einer besonders wichtig: Die Angst vor dem Personalchef, der die Partybilder aus dem StudiVZ raussucht und gegen einen verwendet. Fuck Leute, wenn ein Personalchef Privatdetektive beauftragt, die einen Blick ins Privatleben seiner Mitarbeiter werfen, wäre das Geschrei groß. Das geht gar nicht, das gehört sich nicht, das macht man nicht, was für ein kranker Kontrollfreak. Exakt das gleiche gilt doch für Informationen, die online verfügbar sind. Das ist eine Frage des Stils, ein gesellschaftliches Problem und nicht eine Frage ob online oder offline. Soweit der Artikel.
Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wer sich von sowas einschüchtern lässt, sollte tatsächlich keine Infos von sich ins Netz stellen und die Vorhänge zuziehen. Die Frage ist für mich aber, warum man sich vor einem (Personal)chef bezüglich seines Privatlebens verantworten muss. Muss man nicht, denn das Privatleben geht den Chef exakt nichts an, sofern es nicht den Beruf beeinflusst. Wenn mir ein Personaler beim Vorstellungsgespräch kompromittierende Fotos oder Details aus meinem Privatleben auf den Tisch legen würde, würde ich mit der Gegenfrage antworten, ob es Usus in seiner Firma ist, in die Privatsphäre seiner Mitarbeiter einzudringen. Falls er das tatsächlich bejaht (ohne wirklich gute Gründe dafür zu nennen) und die Sache weiter im Raum steht, würde ich gehen. Ich werde nicht bei einem oder für ein Unternehmen arbeiten, dessen Unternehmensethik derart verkommen ist.
Zudem wird ein Unternehmen, dass Bewerber mit betrunkenen Partybildern im StudiVZ nicht einstellt, früher oder später ein ernsthaftes Problem mit neuen guten Leuten haben: Die meisten Leute, die ich kenne und die ich für beruflich kompetent halte, haben mehr oder weniger viel mehr oder weniger kompromittierende Informationen über sich im Netz stehen. Und der letzte Punkt: Leute, die Angst haben, dass ihr Privatleben zu Problemen mit dem Chef führt, erwecken bei mir immer den Eindruck mangelnden Selbstwertgefühls, eines negativen Weltbilds, mangelnder Authentizität oder allem zusammen. Wer nicht zu all dem steht, was er tut, sollte sein Tun vielleicht einfach mal überdenken. Oder eben einfach keine Zeugnisse davon ins Netz stellen.
Womit wir beim letzten Punkt und einem weiteren Missverständnis sind: Genau diese Wahlfreiheit ist der entscheidende Unterschied zwischen freiwilligen Angaben über sich im freien Internet und staatlicher Vollzeit-Überwachung wie der Vorratsdatenspeicherung oder dem Bundestrojaner. Komisch, dass die gleichen Leute, die hierfür mit Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten
argumentieren, auch die sind, die die Jugend für ihren gefährlichen Exhibitionismus kritisieren. Das ist schon ein Widerspruch. Ich blogge und twittere viel persönliches von mir, aber eben nur die Aspekte, die ich auch veröffentlichen möchte. Dass mein komplettes Telefonie-, Mail- und Surfverhalten, sowie meine Bewegungen im Handynetz unabhängig von jeglichem Verdacht für sechs Monate gespeichert werden, ist für mich jedoch ein unerträglicher Eingriff in meine Intimsphäre. Und eine Ungleichbehandlung ist es auch: Warum gilt diese Vorratsdatenspeicherung nicht auch für Briefe? Hier wäre es doch mindestens so relevant zu wissen, wer wann und wieviel mit wem Briefe schreibt. Dass ein Staat solche Informationen nicht sammeln darf, ist eine Errungenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, nennt sich Postgeheimnis und wurde mir in der Schule als wichtiger Eckpfeiler einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft vermittelt. Aber für Internet und Telefon gilt nun das nicht mehr, weil? Diese Frage ist bisher nicht schlüssig beantwortet.
Die Kommentarfunktion wurde vom Besitzer dieses Blogs in diesem Eintrag deaktiviert.
Noch keine Kommentare