Zur Zeit gibt es einen sprunghaft angestiegenen Bedarf nach Webcams, weil in Zeiten pandemiebedingter Home-Office-Szenarien anscheinend echt viele Menschen neu in Telearbeit und vor allem Telelehre eingestiegen sind, einige nutzen die Situation auch, um in die Thematik Streaming und Content-Creation einzusteigen, was der aktuell verwendete Begriff für das ist, was zuvor einfach YouTube machen hieß. Jetzt aber nicht mehr, denn es geht eben um mehr als YouTube, konkret auch um Instagram, TikTok und Twitch. Da man auf diesen Feldern wegen des allgemein recht hohen technischen Qualitätniveaus (bereits von Drogeriemarkt-Hauls veröffentlichenden Teenagern) mit der eingebauten Kamera seines Notebooks nicht weit kommt, muss eine bessere Kamera und ein besseres Mikrofon her. Da viele dieser Menschen bereits bessere Kameras von den einschlägigen Herstellern besitzen, kam schnell die Frage auf, wieso man diese Kameras eigentlich nicht über ihren USB-Anschluss als Webcam nutzen kann.

Diese Frage ist auch bei den Herstellern angekommen und so brachten einige der großen Digitalkamerahersteller für einen mehr oder weniger großen Ausschnitt ihres Programms mehr oder weniger hastig Software heraus, die genau diese Funktion nachrüstet. Canon und Panasonic waren besonders schnell, allerdings auch besonders eng in der Auswahl der unterstützten Kameras. Der Canon-Treiber fiel zudem direkt negativ damit auf, dass er nur eine sehr geringe Auflösung von 1024x576 nutzbar machte.

Heute hat Sony nachgezogen und hat den Treiber fast für das gesamte halbwegs aktuelle Sortiment verfügbar gemacht. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Die Auflösung ist ebenfalls auf 1024x576 (oder auch 576p30) beschränkt, das Bild entsprechend matschig. Das kennen wir ja von Canon bereits. Viel schlimmer aber ist: Die Handhabung der Kamera zur Nutzung mit dem Treiber ist sehr fummelig. Ich müsste meine Alpha 5100 bei jeder Benutzung nach dem Einschalten erstmal in den Automatikmodus bringen und dann zurück in der Filmmodus schalten, sonst gibt es kein Bild. Das wäre nur eine nervige Lästigkeit, wenn sich der Webcammodus "Imaging Edge Webcam" und die Steuerung der Kamera über USB "Imaging Edge Remote" nicht gegenseitig ausschließen würden. Bereits für diese Umschaltung muss ich mich also irgendwie hinter meine Kamera bewegen und sie dort vornehmen. Das gilt aber auch für alle anderen Einstellungen, also vor allem ISO, Verschlusszeit, Blende, Weißabgleich, Bildeffekte und so weiter. Einer der Gründe, warum Leute so gerne mit Kameras von Sony für Content-Creation arbeiten ist, neben dem fantastischen Autofokus und dem sauberen HDMI-Output, der leider nicht überall Standard ist, eben diese Fernsteuersoftware, die einem das Gefummel hinter der Kamera erspart. Mir ist nicht ganz klar, warum es diese Einschränkung gibt, denn einige Kameras können direkt in Imaging Edge Remote ohne Probleme ein Livebild über USB auf den Rechner holen. Eine kameraseitige Einschränkung scheint das in diesen Fällen also nicht zu sein.

Also danke an Canon, Sony, Panasonic und Co. für den Einsatz. Aber gut gemeint ist eben nicht immer auch gut. Als Notlösung kann man damit arbeiten, aber in der Praxis ist das eher untauglich. Denn: Es gibt meistens eine viel bessere Alternative, für die man nicht mehr als 30 Euro ausgeben muss, oft auch weniger: So viel kostet der günstigste nicht nervende HDMI-Grabber-Stick und ein passendes Mini- oder Micro-HDMI-Kabel. Dringend empfehlenswert ist ein Stick eines unbekannten Herstellers, den es auf Amazon und eBay von stetig wechselnden Anbietern zu Preisen zumeist zwischen 10 und 30 Euro gibt und auf dem einfach ein HDMI-Logo und die Aufschrift "Video Capture" steht (hier ein zu Recht euphorisches Video dazu). Es handelt sich scheinbar um immer die gleiche Hardware, die ein Eingangssignal mit 1080p30 entgegennimmt und über USB 2.0 (ohne Treiberinstallation) als UVC-Gerät als Webcam an Windows, macOS und Linux zur Verfügung stellt. Genau das brauchen wir hier. Bis etwa 100 Euro rauf, jedenfalls in der aktuellen Pandemielage, gibt es noch zahlreiche andere Geräte, die allerdings fast durchweg irgendwelche Probleme haben und kein besseres Bild liefern (man lese vor dem Kauf die Amazon-Rezensionen und schaue sich Tests bei YouTube dazu an). Oft brauchen sie fragwürdige Treiber oder haben absurd hohe Latenzen oder funktionieren nicht zuverlässig oder haben ein mieses Bild oder haben Aussetzer. Erst oberhalb von 100 Euro bekommt man bessere Geräte ohne solche Einschränkungen, die höhere Auflösungen und Bildwiederholraten beherrschen und/oder irgendwelche Sonderfunktionen bieten. Wenn man Konsolenspiele streamen oder aufzeichnen will, braucht man eine Box bzw. Karte, die das HDMI-Signal latenzfrei weiterleitet, ggf. in 4K und/oder mit HDR. Einige Boxen können auch direkt auf SD-Karte aufzeichnen, man muss also keinen PC ins Wohnzimmer holen, um seine Mario-Kart-Session aufzuzeichnen.

Leider haben die Hersteller von Digitalkameras vor das HDMI-Livebildvergnügen drei ausgesprochen lästige Hürden gestellt:

  1. Nicht alle Kameras liefern ein sauberes HDMI-Livebild. Einige Kameras liefern überhaupt kein Livebild über HDMI, sondern können nur gespeicherte Fotos und Videos darüber ausgeben. Viel subtiler sind allerdings diejenigen Kameras, bei denen sich Bedienanzeigen nicht ausblenden lassen. Besonders tragisch ist das bei der ansonsten hervorragend geeigneten Canon M50, bei der immer mindestens das weiße Rechteck des Gesichtserkennungs-Autofokus eingeblendet bleibt. Das wird man nur los, wenn man den Autofokus deaktiviert. Andere Kameras spielen unbeirrt einfach alle Anzeigen mit im HDMI-Feed aus. Es gibt merkwürdige und leider auch teure Workarounds, die beschreibe ich aber nicht näher. Wer in der Falle sitzt, wird die bei YouTube schnell finden. Hier ist der Webcam-Modus auch trotz geringer Auflösung ein Segen. Ob die eigene Kamera einen sauberen HDMI-Live-Feed liefert, ist leider nicht immer leicht herauszufinden.

  2. Nicht alle Kamera eignen sich für den Dauerbetrieb. Also davon abgesehen, dass man bei vielen Kameras eine nicht ganz billige Dummy-Batterie als Stromquelle benutzen muss, damit sie nicht auf Akku laufen, schalten erstaunlich viele Kameras nach einer gewissen Zeit ohne Auslösung einfach ab. Das kann ausgesprochen lästig werden. Andere Kameras überhitzen oder laufen einfach nicht dauerhaft stabil. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen und leider ist auch das nicht so einfach herauszufinden.

  3. Nicht alle Kameras bieten alle Einstellungen, wenn sie ein Livebild über HDMI ausgeben. Manchmal fehlt zum Beispiel der Autofokus oder man kommt nicht an alle manuellen Bildeinstellungen heran. Auch das merkt man oft erst beim Ausprobieren.

Diese Hürden sind mit ein Grund, wieso die Systemkameras von Sony so beliebt sind, denn die meisten bieten ein sauberes HDMI-Signal ohne Einschränkungen, behalten dabei ihren sehr guten Autofokus und laufen erprobterweise auch in 24-Stunden-Streaming-Settings durch. Leider bekommt man hier bei der an sich empfehlenswerten Alpha 5100 weder einen Blitzschuh noch einen Mikrofonanschluss. Beides zusammen gibt es zur Zeit erst bei der Alpha 6300, die fast beim doppelten Preis liegt. Der Blitzschuh ist dabei für ein Mikrofon wie das Rode VideoMicro oder das (aus meiner Sicht im direkten Vergleich bessere) Boya by-MM1 ausgesprochen hilfreich, das schließt man dann auch am Mikrofoneingang an und spart sich einiges Gehampel mit Mikrofonhalterungen und Mikrofonspeisespannungen. Sei es drum, die Alpha 5100 funktioniert wunderbar wie sie ist für alle, denen das Bild von Webcams nicht reicht, aktuell liegt sie neu mit Kit-Objektiv bei 370 Euro aufwärts. Billiger wird man bei Neukäufen wohl nicht wegkommen. Wenn man bereits eine Kamera hat, hilf einfach ausprobieren oder man recherchiert etwas herum. Erste Anlaufstelle sollte die Kamera-Kompatibilitätsliste von Elgato sein. Wird man da nicht fündig, beginnt man mit einer Google-Suche nach "Kameramodell clean hdmi", weil das die häufigste Hürde ist.

Also zusammenfassend: Die Webcam-Treiber der Kamerahersteller sind aktuell nicht mehr als Notlösungen. Schön, dass es sie gibt, danke dafür, aber in den allermeisten Fällen ist der Bildqualitäts- und Komfortgewinn mit einem billigen HDMI-Grabber so eklatant, dass man sich die Arbeit auch hätte sparen und stattdessen Firmwareupdates entwickeln können, die einen sauberen HDMI-Output liefern und die Kamera nicht nach einer gewissen Zeit zwangsabschaltet oder sonstwie mutwillig in ihrer Funktionalität beschneidet. (Ich weiß, dass das vermutlich volle Absicht bei Canon ist, Stichwort Upselling. Das macht es echt nicht besser.)

Fast zuletzt noch ein Tipp für den Webcamkauf: Die inzwischen wirklich alte Logitech C920 ist zu Recht noch immer der Standardtipp, auch wenn sie aktuell schwer verfügbar ist und fast beim doppelten Preis von vor der Pandemie steht. Da kann man bedenkenlos zuschlagen und macht nichts falsch. Also davon abgesehen, dass Webcams an sich noch immer im Vergleich zu "richtigen" Kameras und für mich unverständlicherweise auch im Vergleich zu Smartphonekameras ernüchternd schlechtes Bild liefern. Damit muss man leben können, was viele Content-Creators nicht können und daher (preislich gesehen) mindestens eine Sony Alpha 5100 nutzen. Finger weg von der Logitech StreamCam. Die ist zu teuer für das, was sie an Bild bietet und 1080p60 ist nett, aber wem der Unterschied zu 1080p30 auffällt, dem wird das schlechtere Bild gegenüber der viel billigeren C920 sofort und viel mehr ins Auge stechen. Wenn 4K wirklich ein Thema ist, hilft einem eine Logitech Brio übrigens auch nicht mehr, da muss man so oder so eine entsprechend geeignete Kamera anschaffen und über HDMI reinholen.

Wirklich zuletzt: Das Handy als Webcam einsetzen ist aus Handlinggründen auch eher eine Notlösung, aber immerhin taugt da meistens die Bildqualität sehr. Ich habe da lange herumprobiert und kann für Windows vor allem iVCam empfehlen, weil es sich gut bedient und ein gutes und latenzarmes Bild liefert und für iOS und Android verfügbar ist. Die 10 Euro kann man investieren, wenn man mit dem fummeligen Smartphone-Handling leben kann. Sehr hilfreich dazu: Bei Amazon gibt es zahlreiche Selfie-Sticks, die man auch zum Handystativ ausklappen kann.

Damit sind wir aber noch immer nicht auf dem Niveau der Teenager-Haulistinnen angekommen, denn das Thema Beleuchtung und Inneneinrichting habe ich hier außen vor gelassen. Oh ja liebe Kolleg_innen, daran müssen wir auch noch denken. Mindestens ein Ringlicht für 20 Euro muss also her, damit kann man es schonmal mit Dreizehnjährigen aufnehmen.

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