Duisburg

05 05 2012

Es ist wirklich reiner Zufall, dass ich ausgerechnet heute einen Artikel über Duisburg schreibe, wo doch morgen ein schicksalhaftes Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und dem MSV Duisburg stattfindet. In der Tat wollte ich schon eine ganze Weile mal einige Gedanken zur Stadt Duisburg niederschreiben, also los:

Wenn man in Düsseldorf aufwächst, lernt man nach und nach die Nachbarstädte kennen, wenn es einen Grund gibt, sie zu besuchen. Duisburg kennen die weitaus meisten Düsseldorfer aus zwei Gründen: Man besucht erstens, meist bereits im Kindergarten, den Duisburger Zoo und später, wann immer man auf der A3 mitten durch den Zoo fährt, erinnert man sich daran; nicht zuletzt wegen den drei Heckenbuchstaben ZOO, die auf der Autobahnbrücke zurechtgeschnitten stehen. Zweitens hält man mit dem Zug im merkwürdig runtergekommenen Duisburger Hauptbahnhof, wenn man irgendwo hin möchte, wo es interessanter ist. Weitere Gründe, warum man mal in Duisburg gewesen sein sollte? Nach Zoo und Bahnhofshalt kommt seeehr lange nichts, dann folgen die Unfallklinik, der fantastische und unterschätzte Landschaftspark Nord, das Delta (eine Großraumdisco), der größte Binnenhafen Europas (samt Hafenrundfahrt, an die ich mich aber genau gar nicht erinnere, was auch sicher seinen Grund hat) und für Fußballfreunde das Stadion des MSV Duisburg. Dann kommt wieder lange nichts und dabei bleibt es dann auch meistens. Ach ja, da ist ja noch die Love Parade mit 17(!) Todesopfern, daran erinnert sich aber niemand gerne. Der Innenhafen ist ganz nett, zählt aber nicht im Vergleich zum Düsseldorfer Medienhafen, tut mir leid.

Meine maßlos übertriebene These ist ja, dass Duisburg dermaßen egal ist, dass es niemandem auffiele, wenn es weg wäre, am wenigsten denen, die dort wohnen. Warum? Was kommt hinter Duisburg? Oberhausen, Essen, Mülheim und der Rest vom Pott, überall ist man häufiger und lieber als in Duisburg. Aber warum eigentlich? Was macht diese Stadt so egal? Für mich ist Duisburg zu wenig pottig, hat also zu wenig vom charmanten Ruhrpott-Charme abbekommen. Möglicherweise hat Duisburg zu viel vom Niederrhein. Andererseits finde ich selbst Krefeld interessanter als Duisburg. Was macht Duisburg so uninteressant, dass man mit dem Zug ständig durchfährt, aber nie aussteigt? Von allen großen Städten im direkten Einzugsbereich von Düsseldorf ist nur Mönchengladbach noch uninteressanter. Ist von Euch Lesern mal jemand aus eigenem Antrieb nach Mönchengladbach gefahren? Nicht? Warum auch? Klar, manchmal leben dort (Bums-)Bekanntschaften oder man hat beruflich dort zu tun. Aber zum Einkaufen oder um eine Sehenswürdigkeit zu besuchen? Klar, was soll man dort auch? Ich war kürzlich mal da und habe nicht einen nennenswerten Aspekt in Erinnerung behalten.

Zurück zu Duisburg: Ein großartiges Beispiel für die Egalheit von Duisburg ist ja die Landmarke "Magic Mountain Tiger & Turtle". Bei Qype habe ich folgendes darüber geschrieben, was mich auch zu diesem Blogeintrag inspiriert hat:

Falls Ihr ein diffuses Bild von dem Ding habt, durch Zeitungsberichte oder von Fotos, weil die Skulptur interessant aussieht oder Euch der Name fasziniert, und deswegen in irgendeiner Erwartung dort hin fahren wollt: Lasst es. Wobei es gerade diese deplatzierte Sinnlosigkeit ist, die dem ganzen Ding überhaupt irgendeinen Wert gibt. Ich meine: What? Was soll das? Eine merkwürdig niederwüchsig bepflanzte Halde die man auf einem Spiralweg emporspaziert, oben drauf eine merkwürdige Acherbahn-Skulptur, deren Begehbarkeit beidseitig am Looping endet und von der man eine Aussicht genießen kann, deren Egalheit schwer zu toppen sein dürfte. Noch mal: What?

Es tut mir ein wenig Leid, das so sagen zu müssen, aber dieses Ensemble drückt für mich all das aus, was Duisburg vom Rest des Potts unterscheidet: Die Egalheit. Wobei, Gegenbeispiel: Der Landschaftspark Nord auf der anderen Seite der Stadt ist im grotesken Kontrast zu dieser seltsamen Landmarke einer der großartigsten Orte im Ruhrgebiet, so faszinierend. Am Magic Mountain Tiger & Turtle ist nur der Name faszinierend und die Deplatziertheit seiner gesamten Existenz. Wobei das auch schon wieder drei Sterne wert ist. Aber bitte, fahrt bitte nicht in einer nur zu enttäuschenden Erwartung dort hin. Und wenn, dann wenigstens Nachts, die Nachtfotos von MrDuD geben dem Ganzen einen ganz anderen Spin.

Wenn ich nun so darüber nachdenke, ist diese Landmarke eigentlich erst recht einen Besuch wert, denn allein die unspektakulärste Aussicht weit und breit ist schon wieder sehenswert: Kläranlage, niedrige Wohnbebauung, Sportplatz, Straße, unspektakuläre Industrieanlage, unspektakuläre Hafenanlage und ein Fitzelchen vom Rhein kann man von der Skulptur aus sehen. Das ist für mich Duisburg. Wobei ich einräumen muss, dass ich mir beim Lesen der anderen Bewertungen bei Qype einigermaßen ertappt vorkomme, diese Haldenskulptur und ihren Bezug zum Standort auf reiner Düsseldorfer-Hochnäsigkeit zu verkennen. Schlimm, wenn einem auffällt, dass man gerade in seiner Herablassung als typisch Düsseldorfer rüber kommt. Ging mir in England neulich auch so, also dass ich als typischer Deutscher auffalle, das ist einem zu Hause gar nicht so bewusst.

Dabei ist Duisburg eigentlich gar nicht so uninteressant, wenn man genauer hinsieht. Dass man vom Rhein nichts hat, weil fast die gesamte Rheinfront mit Industrie- und Hafenanlagen zugepflastert ist, ist unschön, kann man Duisburg aber nicht vorwerfen: Das wäre reichlich undankbar gemessen an der industriellen Leistung für die Region und das ganze Land. Zudem hat es Duisburg im Mittelalter mal bitter getroffen, als sich der Rhein nach einem Hochwasser mehrere Kilometer von der Innenstadt entfernt ein neues Bett gesucht hat. Das klingt zwar witzig, war es aber sicherlich nicht.

Aber Duisburg hat ein Highlight, das jeder mal besucht haben sollte: Den Landschaftspark Nord, eine alte Hochofenanlage, die komplett begehbar da steht und langsam von der Natur zurückerobert wird. Ich bekomme mich gar nicht ein vor Begeisterung über dieses Juwel der Industriekultur, das Dingen ist einen eigenen Artikel wert, erinnert mich mal dran. Der Zoo gehört auch zu den besten Zoos, die man von Düsseldorf aus als Tagesausflug erreichen kann. Und demnächst werde ich mir auch mal die Sechs-Seen-Platte genauer ansehen, soll auch nett sein.

Gemessen an den ganzen zweifelsohne charmanten Aspekten Duisburgs frage ich mich gerade, wieso mir diese Stadt trotzdem so egal vorkommt. Warum finde ich etwa Oberhausen interessanter? Nur wegen dem Centro und dem großartigen Gasometer (unbedingt mal besuchen!)? Das ist zahlenmäßig weniger als Duisburg zu bieten hat, aber trotzdem habe ich ein besseres Bild von Oberhausen; es spiegelt für mich wohl einfach konsequenter das wieder, was ich am Pott so schätze: Industriekultur und Strukturwandel in einem spannenden Spannungsverhältnis und die Art und Einstellung der Leute. Ich mag die Leute aus dem Pott einfach unheimlich gerne, hingegen kann ich mit den Leuten vom Niederrhein meist eher weniger anfangen. Und wie gesagt: Duisburg hat mir schon zu viel vom Niederrhein.

Trotzdem habe ich gerade beim Schreiben dieses Artikels beschlossen, Duisburg ab sofort gleichberechtigt zu den anderen Städten aus dem Pott zu mögen. Dumm für Krefeld, das nimmt jetzt Duisburgs alten Platz bei mir ein.

P.S. Auch irgendwie fragwürdig, das Spannungsverhältnis zwischen Industriekultur und Strukturwandel spannend zu nennen. Das können echt nur Leute, die da nicht selbst drin stecken, die nicht ständig gegen den allgegenwärtigen Verfall in ihrer Umgebung ankämpfen müssen, Bildungsbürger. Käme ich aus dem Pott, ich würde wohl über jeden Euro kotzen, der in die neuen Bundesländer fließt, während meine Stadt und alles drumherum vor sich verfällt, vergessen wird, abgeschrieben ist. Mir würde das so unglaublich undankbar vorkommen, ich käme mir so benutzt und ausgespuckt vor, wie jemand, der nach 45 Jahren Maloche in der Rente verarmt, ohne das Gefühl, das ihm irgendjemand angemessen dankt für den volkswirtschaftlichen Wohlstand, an dem er mitgewirkt hat, allein gelassen mit seinen daraus erwachsenen Problemen. Und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um die Herablassung, die einem entgegengebracht wird, weil man verlebt und etwas dreckig daherkommt. Wenigstens eine eingehende Beschäftigung mit der Industrievergangenheit sind wir alle dem Pott schuldig. Wieso ist das in der Schule eigentlich nur so ein Randthema? Was für ein Skandal.


Ein Buch schreiben

30 04 2012

Vor ein paar Tagen habe ich die Medienradio-Folge über E-Book-Self-Publishing gehört und seitdem lässt mich die Idee nicht los, bei Gelegenheit mal ein Buch zu schreiben. Frage an meine Leser:

Würde Euch grundsätzlich ein von mir geschriebenes Buch interessieren?

Also erst mal ganz unabhängig von den sich daraus ergebenen Fragen wie E-Book oder Druck? Oder welche Inhalte? Besteht da irgendwie Interesse? Hintergrund ist, dass ich gerne schreibe und einige Leute mein Geschreibe auch ganz gerne lesen. Da liegt es also nahe, sowas mal als Buch zu bündeln.

So, Hirn frei und Frage beantwortet? Gerne per Kommentar, Mail, Twitter, Google+, Telefon oder persönlich. Dann geht es weiter:

E-Book oder Druck? Lest ihr E-Books? Ich würde keine 1000 Seiten schreiben und gedruckte Bücher sind mir suspekt, deshalb im Grunde ein kurzweiliges 99 Cent E-Book. Aber liest das dann noch jemand von meinen paar Lesern?

Und nicht zuletzt: Welche Inhalte würdet Ihr lesen wollen? Der ein oder andere Schwank aus meiner Jugend? Eine stark überarbeitete Auswahl besserer Blogtexte über dies und das? Ein festes Thema? Ein Sachbuch gar? Fiktionale Belletristik ist wohl eher nicht so mein Metier, aber die ein oder andere vielleicht Horizont öffnende Erörterung zum gemischten Themen? Interesse?

Ich frage das alles ganz offen und bin nicht geknickt, wenn das keiner hören will. Aber warum nicht mal reinhören?


Meine aktuelle Verteilung zwischen Google+, Twitter und Blog

22 03 2012

Falls sich jemand, wundert, dass ich seit geraumer Zeit deutlich weniger blogge als früher und auch weniger Twittere: Das liegt an Google+. Dort landet alles, was für Twitter zu lang ist, aber schnell runtergeschrieben werden will, so nebenbei. Im Blog landen nur noch längere Sachen und solche, die ich langfristig konserviert sehen will. Im Schnitt schreibe ich ca. 45 Minuten an einem Blogbeitrag, weil ich mir Zeit nehme und Dinge etwas weiter durchdenke. Also landet tatsächlich das meiste halbgare und schnelle und manches andere in meinem Google+Stream. Dort könnt ihr mir gerne folgen oder – wichtig für mich – den öffentlichen Kram auch ohne Anmeldung lesen.

Google+ hat aber noch andere Vorzüge für mich: Das mit den Bildern ist simpel und schnell, die Kommentare sind frei von Spam und nicht anonym und gut sichtbar, mithin von erfreulicher Diskussionsqualität. Das ist besonders bei halbgaren Gedanken spannend. Und nicht zuletzt bietet Google+ eine einfache und intuitive Möglichkeit, die Reichweite von Posts zu beschränken. Gedanken sind frei, also bilde ich mir nicht ein, dass da irgendwas geheim bleibt. Aber: Es gibt Dinge, die möchte ich aus sehr verschiedenen Gründen nicht unmittelbar mit jedem teilen, auch wenn es halb so wild wäre, würde jemand davon erfahren. Genau da ist Google+ eine fantastische Plattform. Zudem kann man dort wie bei Twitter Leute erwähnen, die das dann unmittelbar mitbekommen und in die Diskussion einsteigen können. Das nutze ich selten, aber es ist ein wichtiges Feature gegenüber meinem Blog, das ja von den meisten Leuten, die ich erreichen will, nicht so wahnsinnig regelmäßig gelesen wird.

Also gebt Google+ mal eine Chance, ich schätze es als fantastischen Lückenfüller zwischen Twitter und Blog. Facebook besuche ich übrigens nur noch, wenn mich jemand direkt anspricht, was erfreulicherweise selten passiert. Facebook ist für mich Gossip, Google+ hingegen eine Plattform mit wirklich interessanten Inhalten. Für Gossip habe ich Twitter und dann gibt es da noch Tumblr und Pinterest für eher bebilderte Bespaßung. Ne, Facebook mochte ich noch nie und ich glaube auch, dass Facebook seinen Zenit in Sachen Bedeutung der Inhalte bereits überschritten hat. Ich glaube, Facebook wird mehr und mehr zur Markenbotschafts-Müllhalde, während wirklich spannende Inhalte dort immer weniger werden. Facebook geht nicht so schnell in Gänze unter, das meine ich nicht, aber die Bedeutung als Lieferant spannender Inhalte sinkt in meinen Augen. Vielleicht ist das auch rein subjektiv aus meiner Filterblase heraus betrachtet und in Wirklichkeit sieht es ganz anders aus.


Sven Regener regt sich auf und ich auch

22 03 2012

Sven Regener hat an sich Recht, irgendwie, in diesem wütenden Radiomitschnitt. Aber er redet am eigentlichen Problem galant vorbei und verwechselt hier und da das ein oder andere.

Beispiel: YouTube zahlt nichts an die Künstler? Das sieht die ein oder andere Plattenfirma sicher ganz anders. Vielmehr gibt es einen Einigungsstau in Deutschland zwischen GEMA und YouTube, während in anderen Ländern die Künstler (bzw. die Plattenfirmen) schon fleißig Geld mit YouTube verdienen. Aber hört Euch seinen Ausbruch ruhig mal unvoreingenommen und in voller Länge an.

Schade, dass Regener offenbar inzwischen so alt geworden zu sein scheint, dass er nicht mehr so recht überblickt, worüber er sich da aufregt. Vielleicht verdient er ja auch selber nichts mehr und schließt daraus, das alles scheiße geworden ist. In dem Fall würde ich empfehlen, mal wieder ein so fantastisches Album wie die vorletzten beiden zu machen statt so einer haarsträubenden Scheiße wie "Fremde Federn", dem unerträglichsten Album, das ich seit Jahren gehört (bzw. vielmehr durchgeskippt) habe. Mit Scheißmucke verdient man nämlich in der Tat kein Geld. Aber das ist Polemik.

Denn eigentlich kann ich bei mir und in meinem Umfeld in den letzten Jahren eine klare Tendenz in Richtung wieder für Musik bezahlen sehen, übrigens gerade unter denen, die Piraten wählen. Spotify und Co., last.fm Premium, iTunes, Amazon MP3 und so weiter: Ich und wahrscheinlich die meisten der Leute um mich herum haben in den letzten zwei, drei Jahren wieder Größenordnungen an Geld in Musik gesteckt, wie seit ihrer Teenagerzeit nicht mehr. Und dann kommt da so ein Regener und tut so, als würde keiner Kohle für Musik abdrücken wollen. Das war mal so, eine Zeit lang, als es einfach keine akzeptablen Angebote gegeben hat, wo man seine Kohle hätte reinwerfen können: Entweder gar keine digitale Distribution oder mit DRM vermint, dann doch lieber gesaugt. Inzwischen ist das anders und – Überraschung! – die Leute bezahlen ja doch, wenn man sie lässt. Und das, obwohl sie in der Zwischenzeit vom Apfel der kostenlosen Verfügbarkeit genascht hatten, denn die Leute haben doch offenbar genug Problembewusstsein bzw. verhalten sich anständig, wenn man ihnen angemessene Angebote macht. Da sollte man anknüpfen, statt rumzuheulen, dass YouTube nicht die offensichtlich überhöhten Forderungen der GEMA bezahlen möchte. Das Gesellschaftsbild, was er da zeichnet, ist maßlos – je nach Sichtweise – übertrieben oder überholt, jedenfalls nicht zutreffend.

Überhaupt: So zu tun, als würde YouTube alleine das ganze Geld einsacken, das sie mit anderer Leute Musik macht, ist eine reichlich dreiste Behauptung. Wäre es anders, würden die Plattenfirmen sicherlich eher nicht freiwillig ihren "Content" dort einstellen. Sven Regener hat da keinen Bock drauf und stellt seine Videos lieber kostenlos auf seiner eigenen Website ein. Seine Entscheidung, aber seiner Argumentation nicht gerade dienlich, denn damit verzichtet er aktiv auf YouTube-Einnahmen. Nur, um sich zu beschweren, dass er als Künstler mit YouTube kein Geld verdient. Oder was?

Und dann diese tumbe Milliardenkonzern-Rhetorik, das ist doch kein Argument. Das ist eine Forderung, dass Google doch bitte YouTube aus anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren möge. Übertragen auf die Musikindustrie entspricht das in etwa der Forderung, Sony möge doch die Musiksparte unprofitabel betreiben und aus seinen anderen Geschäftsbereichen quersubventionieren, denn da verdienen die ja genug, gar Milliarden! Die Schweine!

Ich kaufe Musik, die ich gut finde (als MP3 ohne DRM). Und ich bezahle zusätzlich für last.fm Premium und einen Streamingdienst (zur Zeit Spotify), wo ich Musik höre, die ich mir nicht kaufen möchte, weil sie mir so viel nicht oder noch nicht wert ist. Gelegentlich wird mir Musik, die ich dort kennengelernt habe so viel Wert, dass ich sie kaufe. Die Kohle kann die Plattenfirma mitnehmen oder es bleiben lassen, weil es ihr zu wenig ist. Musik, die bei den Streamingdiensten nicht auftaucht – und das ist unerfreulich viel – sauge ich weiterhin, bevor ich sie blind kaufe. Denn leider habe ich mich über etwa die Hälfte meiner Alben-Blindkäufe ernsthaft geärgert. Also keine Blindkäufe mehr, sondern erst ernsthaft reinhören und dann löschen oder kaufen. Das ist mein Verständnis von Fair Use und das hat in meinen Augen den nötigen Anstand, den Herr Regener einfordert.

Abschließend stellt sich mir die Frage, was Herr Regener denn eigentlich will? Dass YouTube einen Anteil seiner Einnahmen an die Verwerter abgibt? Ist längst der Fall. Dass YouTube-Einnahmen bei den Künstlern ankommen? Ist eher ein Problem zwischen Verwertern und Künstlern. Dass YouTube sich mit der GEMA einigt? Da sehe ich das Problem gemessen an den erfolgten Einigungen in anderen Ländern eher auf der Seite der GEMA. Dass die Leute wieder für Musik bezahlen und nicht asozial bei Megaupload saugen? Ist auch längst in einem tragbaren Maße der Fall, denke ich, aber allemal geht die Tendenz klar in die richtige Richtung. Dass die Gesellschaft die Künstler nicht aus dem Auge verliert? Da sind wir uns sicher alle einig, deswegen besteht das Problem in meinen Augen auch eher in der Angstfantasie von Herrn Regener als in der Realität. Also regen Sie sich ab, Herr Regener.


WLAN-Einbrüche in Vodafones EasyBox-Router so einfach wie nie

17 03 2012

Ich kann es immer noch nicht glauben: Arcadyan, der Hersteller der EasyBox-Router u.a. von Vodafone berechnet die voreingestellten (und auf dem Gerät abgedruckten) WLAN-Schlüssel direkt aus der MAC-Adresse der Geräte (siehe auch http://heise.de/-1473896). Das ist in etwa so, als würde man Codeschlösser verkaufen, deren voreingestellter Code sich mit einem simplen Verfahren aus der Hausnummer berechnen ließe. Diese Scheiße haben sie sich auch noch patentieren lassen, unfassbar, aber immerhin ein Grund für andere, das nicht nachzubauen. Ergebnis: Wer dieses voreingestellte Passwort nicht geändert hat, kann ungebetene Gäste bekommen.

Die MAC-Adresse einer WLAN-Basisstation lässt sich mit sehr geringem Aufwand ermitteln und mit einfachen Tools daraus der WLAN-Schlüssel berechnen. Das geht so leicht, das jedes 10-jährige Kind das hinbekommt. Ich habe das fantastische Programm inSSIDer benutzt, das ich sonst zum herausfinden eines möglichst unbelasteten Funkkanals benutze. Die MAC-Adresse der betroffenen Router, deren Funknetznamen praktischerweise auch noch alle mit EasyBox- beginnen, steht in der ersten Spalte. Diese MAC-Adresse füttert man in eins der oben erwähnten Tools und bekommt sofort den Standardschlüssel ausgespuckt. Nun kann man sich einfach mit dem jeweiligen WLAN verbinden und sich dort umsehen. Von meinem Schreibtisch aus kann ich sechs solcher Funknetze sehen, insgesamt waren es 36. Heftig, wie verbreitet diese Boxen sind. Die meisten davon werden im Auslieferungszustand belassen worden sein, sonst hätte man auch gleich den blöden Funknetznamen mitgeändert.

Wenn das WLAN mit dem Standardpasswort läuft, ist anzunehmen, dass auch der Router selbst mit seinem Standardpasswort betrieben wird, das sich im Netz leicht finden lässt. Dort könnte man alle Einstellungen tätigen und einigen Unfug anstellen. Falls jemandem die Tragweite hier nicht bewusst ist: Ein Angreifer hat in dem Moment vollen Zugriff auf das Netzwerk, könnte auf alle nicht extra gesicherten Freigaben zugreifen, irgendwelche Sicherheitslücken ausnutzen oder den DNS-Server des Routers auf einen von ihm kontrollierten umstellen. Wenn sich jemand Zugriff auf das eigene Netzwerk und auch noch die Router-Konfiguration verschafft, hat er einen normalerweise weitgehend in der Hand. Das ist der GAU. Vor allem, da anzunehmen ist, dass da auch sonst keine weiteren Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden, wenn schon der Router im Auslieferungszustand läuft.

Also was tun? In erster Linie schon mal nichts verändern, das ist klar. Computersabotage und so. Aber wie findet man heraus, wem dieses Funknetz gehört, um denjenigen zu warnen? Mit etwas Glück findet man einen Netzwerkdrucker und kann den Druckertreiber zu installieren und eine Warnung auszudrucken. Aber anonyme Briefe sind doof und seinen Namen möchte man auch nicht gerade hinterlassen. Wer weiß, wie "dankbar" sich derjenige zeigt. Man sieht schon, dass man das ganze besser bleiben lässt, denn spätestens jetzt steckt man in einem klassischen Hackerethik-Dilemma. Man könnte auch das Funknetz umbenennen, aber weniger kundige Benutzer werden dann nur bemerken, dass sie sich nicht mehr verbinden können, aber nicht, warum. Selbst wenn man sowas wie aenderdeinwlanpasswort nehmen würde, würde das derjenige ja nicht mehr als sein Funknetz erkennen und im Zweifel einfach das Gerät nach Anleitung zurücksetzen und das Spiel geht von vorne los. Außerdem möchte man ja nichts verändern und damit in die Integrität anderer Leute Computeranlagen eingreifen, man bewegt sich ja so schon am Rande der Legalität.

Grundsätzlich geht es einen nichts an, wie sicher oder unsicher Leute ihre Funknetze betreiben. Aber trotzdem könnte ich nicht einfach daran vorbeigehen und die Augen verschließen, wenn ich nun schon mal Kenntnis erlangt hätte. Was das angeht fühle ich mich wie ein Arzt, der auch nicht einfach einen Verletzten auf der Straße liegen lassen kann, nur weil der sich vielleicht als undankbar herausstellen und irgendwelchen Ärger machen könnte. Die "Verletzten" hier bekommen von ihrem Provider eine fertig eingerichtete Box und schließen die lediglich an. Da das ganze funktioniert, werden sie wahrscheinlich nie mitbekommen, dass jedermann im Vorbeigehen in ihr internes Netzwerk hinein kann. Und wenn dann auch noch womöglich sensible (Kunden-)Daten auf ungeschützten Netzwerkfreigaben liegen, wird es ganz düster. Das könnte ich nicht ungewarnt lassen, wenn ich Kenntnis davon erlangt und die Möglichkeit hätte, eine Warnung zu platzieren.

Ich sehe hier aber vor allem Vodafone in der Pflicht: Eigentlich müssten die alle ihre Kunden, an die sie eine EasyBox ausgeliefert haben, schleunigst anschreiben und eindringlich vor dieser heftigen Sicherheitslücke warnen. Verantwortungsvolle Provider würden das tun, trotz des möglicherweise immensen Imageschadens. Und wenn nicht? Das muss in die Tagespresse, in die Tagesschau gar. Vodafone-Kunden (und wer möglicherweise sonst noch betroffen ist) müssen gewarnt werden, die Sache muss angemessen skandalisiert werden. Wir müssen weg von der standardmäßigen Vertuschung und im Sande verlaufen lassen solch gravierender Sicherheitsmängel. Leute haben ein Anrecht auf sichere IT-Systeme, ganz besonders muss ein fertig konfigurierter Router sicher sein, denn der Router ist die wichtigste Sicherheitseinrichtung für Netzwerke, die ans Internet angeschlossen sind.

Also liebe Leute: Wenn ihr sowas wie Hackerethik verspürt, fangt gar nicht an, die Schwere der Sicherheitslücke an anderer Leute EasyBoxen zu überprüfen. Man bringt sich damit nur in ein moralisches Dilemma. Ich hatte die Möglichkeit, das Verfahren an einer EasyBox auszuprobieren und kann bestätigen, dass es wirklich so leicht funktioniert. Ich wiederhole mich: Heftig!


Lebt es sich auf der Apple-Insel eigentlich wirklich so schön?

28 02 2012

Neulich musste ich feststellen, dass ein iPhone-User meine mit WhatsApp für Android verschickten Icons nicht sehen und auch keine eigenen senden kann. Mir erklärte dann jemand, dass man auf dem iPhone keine Smilies pro App braucht, weil es Smilie-Tastatur-Apps gibt, die überall funktionieren. Das klingt nachvollziehbar, wenn man auf der Apple-Insel lebt. Allerdings gerät man auf dieser Insel zunehmend in eine Minderheitensituation gegen den Rest der Welt (vgl. Linksverkehr). Ich verstehe ja, dass das durchaus im Sinne des Exklusivitätsgefühls der Apple-User ist, aber an den Schnittstellen will man doch nicht ständig an solche überflüssigen Grenzen stoßen (vgl. nicht Linksverkehr). Oder doch? iPhone-User sind groß darin, sich ihren goldenen Käfig schön zu reden. Wie werden da solche Grenzen empfunden?

Ein besseres Beispiel ist eigentlich der immer noch lächerlich winzige Bildschirm des iPhones. Genau wie bei der lächerlichen Auflösung der ersten iPhones erzählen einem iPhone-Besitzer allen Ernstes, dass 3,5" oder 480x320 ja locker ausreichen. Natürlich nur genau so lange, bis das neue iPhone 160px mehr hat als jeder Mittelklasse-Androide für ein Drittel der Kohle. Bei der Displaygröße erwarte ich ähnliches beim iPhone 5, das muss Apple einfach größer machen, denn den kleinsten Schwanz zu haben wird auf Dauer den wenigsten Kunden schmecken. Andere Beispiele: UMTS braucht ja eh keiner, EDGE braucht ja auch weniger Akku. GPS braucht ja eh keiner, WLAN-Ortung reicht ja auch. Multitasking braucht ja eh keiner, viel zu kompliziert und der Akku erst! Siri ist die einzige Spracherkennung auf der Welt und funktioniert total gut und fehlerfrei und checkt total, was man von ihr will. Von der monokulturellen Inhaltekontrolle will ich gar nicht anfangen.

Ich will nicht darauf hinaus, dass das iPhone scheiße ist und voll krass unterlegen, ey! Im Gegenteil setzt es seit bald 5 Jahren nicht weniger als stetig neue Industriemaßstäbe und ist eine Technologie- und Designikone. Aber bei all dem gibt Apple seinen Kunden immer wieder dicke Kröten zu schlucken, wobei sich zu viele Besitzer in den Augen aller anderen um Kopf und Kragen reden, während sie ihre kognitive Dissonanz mit haarsträubend leicht durchschaubaren Argumentationsmustern zu überwinden suchen. Natürlich trifft das nicht auf alle iPhone-User zu, die Zahl nimmt nach meinem Gefühl auch stetig ab; aus er Ecke ist es sogar im letzten Jahr auffallend ruhig geworden. Aber es gibt sie noch und sie gehen auch noch lange nicht als wirre Einzelköpfe durch.

Meine Frage lautet nun: Ist denen das bewusst, wie lächerlich sie sich damit eigentlich machen? Für solch blindes Wegdiskutieren von Offensichtlichkeiten und Zurechtlegen bis Ignorieren der Realität gibt es ein Begriffspaar: Religiöser Eifer bzw. religiöse Verblendung. Ja, das Bild von Apple als Religion(sersatz) ist abgedroschen, aber nach meinem Verständnis von Religion liegt hier ganz klar etwas religiöses im vorrangig schlechtesten Sinne vor.

Wollte ich nur mal los werden, so ganz einseitig.


Telekom und YouTube: Dreist oder unfähig?

15 02 2012

Nach einer wirklich beschämenden Odyssee bekomme ich in ein paar Tagen nach ziemlich genau drei Monaten nach einem Wechsel zur Telekom endlich mein VDSL wieder. Darüber will ich aber gerade gar nicht reden, sondern über die stetige Unbenutzbarkeit von YouTube im Telekom-Netz. YouTube-Videos laden selbst in 360p dermaßen langsam, dass ich häufig die zweifache Laufzeit des Videos vorpuffern lassen muss. Bei anderen Providern gibt es mit YouTube keine solchen Probleme und andere Videoportale laufen prima im Telekom-Netz. Das ist völlig indiskutabel und meine bisherige Unterstellung war immer, dass die Telekom YouTube absichtlich ausbremst, um Extrazahlungen seitens Google zu erpressen. Das wäre doppelt dreist, weil es erstens auf dem Rücken der eigenen Kunden ausgetragen wird, die Premiumkohle an die Telekom abdrücken, um einen möglichst schnellen VDSL-Anschluss zu bekommen. Viel dreckicker wäre es allerdings gemessen daran, dass die Telekom ja bereits von ihren Kunden bezahlt wird und nun auf der anderen Seite nochmals die Hand aufhalten würde. Nun stolpere ich über die folgenden beiden Tweets von @telekom_hilft:

@PedroBurito 1/2 Der Flaschenhals bei der YouTube-Übertragung liegt bei der Netzzusammenschaltung mit Google. ^he
https://twitter.com/#!/Telekom_hilft/status/169069138894000129

@PedroBurito 2/2 Wir haben alles getan damit die Videos stabil laufen. ^he
https://twitter.com/#!/Telekom_hilft/status/169069225334415363

Das halte ich wahlweise für eine unfassbar dreiste Lüge oder ein ganz bitteres Eingeständnis der eigenen Inkompetenz in Sachen Backbone-Anbindung, immerhin eine Kernkompetenz der Telekom. Ich weiß echt nicht, was schlimmer wäre. Das Problem besteht ja nicht erst seit gestern und wenn die wirklich wie angegeben "alles getan" hätten, dann würde das inzwischen genau so gut laufen, wie bei allen anderen Providern auch. Ich glaube also vielmehr, dass "alles getan" hier nur bedeutet, dass die Telekom Google ein Angebot gemacht hat, YouTube gegen zusätzliche Zahlungen angemessen anzubinden.

Für mich als Kunden ist es letztlich egal, ob die Telekom dreist oder unfähig oder – wer weiß – hier vielleicht sogar wirklich das Opfer ist, im Ergebnis kann ich YouTube nicht zuverlässig benutzen, obwohl ich die schnellste verfügbare Internetanbindung im teuersten für Privatkunden verfügbaren Tarifmodell habe. Das geht mir so unfassbar auf die Nerven, dass ich meine Entscheidung, zur Telekom zu wechseln fast schon wieder bereue. Selbst über die in Flingern völlig überlastete O2-HSDPA-Anbindung klappt YouTube zuverlässiger, wie ich in den mehreren Offline-Tagen beim Wechsel zur Telekom ausprobieren konnte. Ich wusste das auch vorher, denn die 2 Jahre mit 1&1 VDSL hatten dank Telekom-Anbindung das gleiche Problem. Mein Problem war: Lieber YouTube benutzen oder alles andere in schnell, denn außer der Telekom liefert hier niemand VDSL. Da war YouTube dann doch nicht mehr ganz so wichtig.

Ich werde also die zwei Jahre bei der Telekom etwas missmutig aussitzen und vielleicht stellen die die YouTube-Bremse ja auch mal irgendwann ab. Ich glaube nachwievor, dass das Absicht ist und unterstelle der Telekom damit schmutzige Dreistheit. Wobei ich ja lieber an Unfähigkeit glauben würde.

Nachtrag 20.02.2012: Mir erzählte jemand mit VDSL50, dass er das Problem nicht so bemerkt. Bei ihm würde nur ca. jedes achte YouTube-Video zu langsam laden, nach ein paar Reloads würde es aber immer irgendwann kommen. In der Tat kommt es auch bei mir stark aufs Glück an. Es gibt Situationen (vor allem nachts), da kann ich ohne Stottern ein YouTube-Video nach dem anderen auch in HD angucken. Dann gibt es aber auch Situationen, da lädt gar kein YouTube-Video sauber durch, das passiert vor allem am Abend. Bei meinen Eltern bin ich meistens Sonntags Mittags, da lädt über DSL6000 traditionell praktisch kein einziges YouTube-Video in auch nur ansatzweise Echtzeit. Allerdings weiß ich nicht, ob das hier zu anderen Zeiten besser ist.

Eine Zeit lang hatte ich den Eindruck, dass YouTube ab 17:00 Uhr ganz düster wird, während es bis 16:59 Uhr locker flockig durch die Leitung plätschert. Aber der Eindruck ließ sich nicht halten. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass die Stotterei tatsächlich je nach Netzlast mal mehr mal weniger auftritt. Das würde die Telekom-Darstellung der Engpässe beim Peering stützen. Die Frage bleibt, warum das in dem Moment dann immer nur YouTube betrifft, während ich mit Vollgas von Sharehostern und anderen Videoplattformen saugen kann? Meine Vermutung bleibt, dass hier eine Priorisierung zu Ungunsten von YouTube-Traffic vorgenommen wird. Das ist irgendwo verständlich, macht YouTube doch einen Großteil des Traffics aus. Aber: Ich als Endkunde habe dafür absolut keinerlei Verständnis. Ich bezahle der Telekom Premium-Kohle dafür, dass sie mir das schnellstmögliche Internet klar macht. Wenn es da Traffic-Engpässe gibt, die andere Provider nicht haben, ist das ein schnellstmöglich seitens der Telekom aus der Welt zu schaffendes Problem. Wenn die Telekom nicht an allgemeinen Peering-Punkten teilnehmen möchte und lieber eigene Peering-Punkte betreibt, dann ist es eben auch ihre Aufgabe, für eine vergleichbare Dienstequalität zu sorgen.

Wir haben alles getan liest sich aber angesichts fortbestehender Probleme wie leckt uns am Arsch, liebe Kunden, wir werden nicht dafür sorgen, dass ihr Euer schnelles Internet auch für YouTube benutzen könnt, solange Google uns nicht noch mal Extra-Peering-Gebühren abdrückt. Dann verdienen wir zwar doppelt, aber hey, da muss man ja trotzdem nicht gleich von Wegelagerei sprechen… Überhaupt wird bei der ganzen Debatte um die Netzneutralität von den Providern reichlich dreist unterschlagen, dass sie ihre Kosten traditionell über die Gebühren der angeschlossenen Kunden decken. Wenn das wegen eines ruinösen Preiskampfes und sprunghaft angestiegenem Traffic nicht mehr reicht, muss man die Gebühren halt wieder anheben. Wenn man sich den Wettbewerb so anschaut, scheint das aber gar nicht nötig zu sein, denn bei den billigeren Providern (also fast allen) funktioniert ja auch YouTube einwandfrei.


Adblock Plus, die Whitelist und sich aufdrängende ethische Fragen

18 12 2011

Der Firefox-Werbeblocker Adblock Plus hat neuerdings eine Whitelist, die bestimmte unaufdringliche Werbung passieren lässt. Andere Werbeblocker tun es Adblock Plus bereits gleich. Das provoziert einigen Unmut in meiner Twitter-Timeline, viele Adblock Plus Nutzer fühlen sich betrogen und lamentieren herum. Es war sogar maßlos überzogen von Spyware die Rede. Dabei bewegen sie sich meine Auffassung nach ethisch gesehen auf ziemlich dünnem Eis.

Vor einer ganzen Weile habe ich schon mal etwas zum grundsätzlichen Problem mit Werbeblockern geschrieben: Werbeblocker sind kein guter Stil, aber nötig. Um mich nicht zu sehr zu wiederholen verweise ich vorab auf eine Lektüre dieses Artikels.

Nun aber erst mal zur Whitelist von Adblock Plus. Die funktioniert so, dass der Anbieter von Adblock Plus einen bestimmten und ziemlich strengen Kriterienkatalog für unaufdringliche Werbung definiert hat. Wenn sich Werbetreibende daran halten, können sie per Vertrag einen Platz auf der Whitelist bekommen, was dafür sorgt, dass ihre Werbung nicht mehr herausgefiltert wird. Diese Whitelist ist in der neuen Version standardmäßig aktiv, kann aber abgeschaltet werden. Das Ziel ist klar formuliert: Es soll attraktiv für Werbetreibende werden, ihre Werbung unaufdringlich zu gestalten. Der am weitaus häufigsten genannte Grund für die Verwendung von Werbeblockern ist ja gerade der Selbstschutz vor übergriffiger Werbung, so eine Whitelist ist also eine wirklich hervorragende Idee für einen Interessenausgleich zwischen seriösen werbefinanzierten Websites und von unseriös werbefinanzierten Websites genervten Usern.

Je länger ich darüber nachdenke, desto großartiger finde ich diesen Ansatz. Wie bereits im oben genannten Artikel gesagt, halte ich den Einsatz von Voll-Werbeblockern nur mit dem Argument des Selbstschutze vor übergriffiger Werbung für ethisch zu rechtfertigen. Wer nun die Whitelist ausschaltet, steht in meinen Augen aber ohne moralische Rechtfertigung da. Vielleicht ist das ja auch ein Grund für das Geschrei? Plötzlich muss man als moralisch sauber handelnder Mensch doch wieder die ein oder andere Werbung ertragen, wo man es sich doch hinter dem Pauschalargument der übergriffigen Werbung so gemütlich werbefrei eingerichtet hatte. Das ist eine infame Unterstellung, aber eine andere Erklärung habe ich nicht: Die Whitelist lässt sich problemlos abschalten und wenn sie nicht standardmäßig an wäre, wäre sie reichlich nutzlos, denn dann würde kaum jemand Notiz davon nehmen. Ich halte den faireren Deal für die sinnvollere Default-Einstellung.

Anders herum kommt durch so eine Whitelist-Lösung der Einsatz eines Werbeblockers plötzlich für Leute wie mich erstmals in Frage, die bisher aus Achtung vor den Lieferanten kostenloser Informationen darauf verzichtet hatten. Wenn nun noch mehr Leute als zuvor Werbeblocker (mit Whitelist) einsetzen, wird der Druck auf die Schalter aufdringlicher Werbungen umso größer, der gewünschte Effekt wächst also mit jedem Nutzer. Plötzlich tut man der Gemeinschaft sogar einen Dienst, wenn man einen Werbeblocker mit Whitelist einsetzt. Und nicht zuletzt nimmt man den schwarzen Schafen unter den Werbetreibenden ein Argument aus der Hand, mit dem sie einem bisher die Ohren vollgeheult haben. Wer jetzt noch heult, den kann man auf die Möglichkeit verweisen, seiner Werbung die Aufdringlichkeit zu nehmen und sich einen Platz auf den einschlägigen Whitelists zu sichern. Wer nervige Werbung schaltet, ist halt nicht in der Position, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden.

Ernsthaft: Mit dem Adblock-Whitelist-Ansatz halten wir nicht weniger als den Schlüssel zum Frieden im Werbekonflikt im Internet in der Hand! Am Ende können alle zufrieden sein, weil das Web zu einem besseren Ort wird, je weniger überaufdringliche Werbung es gibt. Die Einschnitte auf Nutzerseite sind dabei deutlich kleiner als auf der anderen Seite, das ist schon für sich genommen ein Sieg.

Das einzige Geschmäckle ist, dass Werbetreibende zur Zeit mit jedem Werbeblocker-Betreiber Einzelverträge schließen muss und wahrscheinlich auch dafür bezahlen muss. Wir brauchen hier eine Non-Profit-Organisation, die solche Whitelists unabhängig und zentral pflegt und auch die Einhaltung der strengen Nicht-Nervigkeits-Kriterien überprüft.

P.S. Neulich hatte ich auf einer eigentlich seriösen Nachrichtenseite ein Layer-Ad, dessen Schließen-Knopf nicht funktioniert hat und der somit sehr zuverlässig den Konsum des eigentlichen Seiteninhalts verhindert hat. Wenn sowas öfter passiert, brauchen sich die Betreiber der Seite nicht wundern, wenn die Besucher ohne Werbeblocker ausbleiben und am Ende nur noch diese undankbaren Abschnorchel-Besucher mit Werbeblocker übrigbleiben.


Das Hochzeits-Dilemma

13 12 2011

Ich wäre längst verheiratet, wenn das mit der Feier nicht so ein Dilemma wäre: Man kann es einfach nicht allen recht machen. Aber fangen wir mal an, wieso man überhaupt heiraten will:

  1. Aus Liebe. Das ist romantisch, aber heutzutage irgendwie auch ziemlich überflüssig, denn an der Liebe wird sich durch so eine Trauung eher nichts verändern, jedenfalls nicht zum Positiven.
  2. Um der Beziehung einen legalen Rahmen zu geben. Sei es, weil man nicht unverheiratet Kinder in Welt setzen will, weil man als Mann dann im Zweifel ziemlich gebumstrechtelos ist. Sei es, weil man endlich von meiner Frau bzw. meinem Mann sprechen möchte, ohne Irritationen hervorzurufen. Es gibt etliche solcher kleinen Gründe und zusammengenommen sind sie für mich der Hauptgrund für eine Heirat.
  3. Wegen der Party. Ernsthaft: Auf eine schöne Hochzeit freuen sich viele ihr ganzes Leben lang, ich zumindest. Punkt.
  4. Aus Steuergründen. Da ich das Thema Steuern so weit von mir weg wie nur möglich schiebe, denke ich daran immer erst zuletzt. Außerdem gibt es echt nichts unromantischeres als wegen Steuern zu heiraten. Das schenkt denen nur Aufmerksamkeit, die sie nicht verdienen, die Steuern. Ein realistischer Blick aufs Konto oder ein Gespräch mit dem Steuerberater macht diesen Grund allerdings zum praktisch wichtigsten von allen. Eigentlich Grund genug, schon aus Trotz gar nicht zu heiraten.

Wenn ich all diese Gründe aufsummiere, will ich eigentlich lieber heute als irgendwannmal™ heiraten. Der einzige Grund, der mich bisher davon abgehalten hat, ist die Schwierigkeit, das angemessene Ausmaß der Feier zu finden. Im Grunde kann man da nur verlieren, wenn man nicht der erste ist, der aus dem näheren Umfeld heiratet. Man hat etwa fünf grundsätzliche Optionen:

  1. Man lädt alle ein, die man irgendwie kennt. Da kommt schnell eine nicht ganz kleine dreistellige Zahl an Leuten zusammen, was so eine Hochzeit in organisatorische und vor allem finanzielle Dimensionen katapultiert, dass es einem den Magen umdreht. Vorteil ist ganz klar, dass niemand beleidigt ist, nicht eingeladen worden zu sein. Die Türken machen das angeblich so, aber bei denen ist jeder Gast traditionell ein Plusgeschäft, weil ein Hochzeitsgeschenk als Starthilfe fürs Leben gesehen wird und entsprechend ein ordentlicher Geldbetrag zusammen kommt.
  2. Man streicht so lange Leute heraus, mit denen man eigentlich gar nicht so viel zu tun hat, bis man bei ca. 70 Leuten ist. Damit wird man schon einer unangenehm großen Zahl an Leuten vor den Kopf stoßen, es ist trotzdem noch ziemlich teuer, aber wenigstens organisatorisch realistisch zu stemmen. Als Kompromiss die von den meisten Leuten in meinem Umfeld gewählte Variante.
  3. Man baut eine rigide Positivliste: (Nähere) Familie rein, nur enge Freunde rein, alle anderen raus. Da wird man auf unter 40 Leute kommen und kann vor allem zeigen nicht eingeladene Leute hier mehr Verständnis, weil die Abgrenzung klarer ist. Trotzdem sind es gerade die nur knapp herausgefallenen, die einem das dann besonders übel nehmen, vor allem, wenn man zuvor schon auf deren Hochzeit getanzt hat. Das Problem verschlimmert sich also mit jeder Hochzeit, auf die man eingeladen war, also bei Bildungsbürgern ab Ende 20 rapide. Ein echt guter Grund, lieber früher als später zu heiraten.
  4. Man macht gar keine Party, sondern lädt nur die nähere Familie und allerbeste Freunde ins Standesamt und danach in irgendein nahe gelegenes Restaurant ein. Das wird zwar lange Gesichter beim allen auslösen, auf deren Hochzeit man schon eingeladen war (Aha, Kleinsparer!), aber es ist eine günstige und saubere Lösung. Nachteil: Keine Party. Wenn man sich sein Leben auf die eigene Frau im Brautkleid gefreut hat, ist das ein bitterer Abstrich. Das Vorhaben, die Party irgendwann nachzuholen, zieht man als Atheist mangels Gelegenheit frühestens mit Anfang 50 durch, wenn einem das wieder einfällt, weil die Kinder aus dem Haus sind.
  5. Man heiratet heimlich. Das Äquivalent zur anonymen Bestattung als Asche unterm Baum oder auf hoher See. Irgendwie unbefriedigend und auch etwas feige aus der Affäre gezogen. Trotzdem denke ich ernsthaft darüber nach, denn wenn es eh schon keine Party gibt, kann man auch gleich heimlich heiraten. Billig, schnell und man stößt allen vor den Kopf, so dass sich exakt niemand zurückgesetzt fühlen kann. Andererseits will man das freudige Erlebnis ja schon mit irgendwem teilen können.
  6. Man kann auch Sonderformen wählen: Viele Gäste und alle bringen was zu Essen oder zu Trinken mit und der Raum ist günstig. Das ist ein Modell, das wenigstens das finanzielle Problem löst, allerdings den bisher noch gar nicht angesprochenen Stressfaktor noch etwas erhöht und zudem schnell mal einen muffigen Kalter-Hund-Charme versprüht.

Was also tun? Die Erwartungshaltungen sind kaum unter einen Hut zu bringen, ich kann also jeden verstehen, der davor kapituliert und einfach gar nicht heiratet. Ein attraktiver Ausweg. Andererseits bleibt das dauerhaft schale Gefühl, der halben Sachen. Nichts für mich, und schon mal gar nicht, wenn Kinder ins Spiel kommen. Darüber könnte ich noch mal so einen Text schreiben, irgendwannmal.

Ich tendiere ja zur nur-Familie-ins-Standesamt-mitnehmen-Lösung, das sind ja auch schon über 20 Leute, wenn es nur um Großeltern, Eltern, Geschwister und deren Kinder geht. Was schickes anziehen, Hochzeit durchziehen, lecker Essen gehen, Feierthema offen lassen, möglichst wenig Stress. Reicht eigentlich. Mehr Feier kann ich mir realistisch betrachtet auch auf mittlere Sicht sowieso nicht leisten, weil ich nicht das Glück habe, dass die Brauteltern die Hochzeit ausrichten. Und wenn man doch mal zu Geld kommt, kann man eine ordentliche Feier immer noch nachholen. Trotzdem schade, die Freunde von der eigenen Hochzeit auszuschließen. Und auch irgendwie schade um meine Jahre gereiften Ideen für eine Feier nach meinem Geschmack, also schade um die Cheeseburgerpyramide als Buffethöhepunkt. Und schade um den Kitsch, denn ein wenig gezielt dem Kitsch aussetzen ist erfrischend wie ein Eimer Eiswasser nach dem Saunabesuch. Ach alles scheiße…


Überraschung: Ein Aufruf pro Hausaufgaben

06 11 2011

Ich habe Hausaufgaben gehasst, von der ersten Klasse an, egal wir schnell erledigt, egal wie spaßig an sich gedacht. Dass man jeden Tag in die Schule muss und wenn man schon mal da ist halt auch das beste draus macht, konnte ich einsehen. Was heißt einsehen? Akzeptieren trifft es besser. Aber um 13:30 Uhr war dieser Teil des Tages für mich abgehakt und ich konnte mich Dingen widmen, die mich tatsächlich und ureigen interessiert haben. Hausaufgaben habe ich folglich immer als dreisten Übergriff des Schulaspekts im Leben wahrgenommen, den es unter allen Umständen zu vermeiden gilt. Das könnte damit zusammenhängen, dass ich während der Präsenzzeit in der Schule immer gut zugehört und mitgedacht habe und der Auffassung war, dass Hausaufgaben eine Strafe für die Typen wäre, die – warum auch immer – ihr Hirn in der Schule nicht einschalten können oder wollen und das folglich zu Hause nachholen müssen.

Hausaufgaben gingen mir also total am Arsch vorbei. Mit zwei Ausnahmen: Im Physik LK habe ich fast immer meine Hausaufgaben selbst gemacht, weil mir der Nutzwert der wirklich dringend nötigen Übung sonnenklar war (ansonsten hätte es zu einer 1 nicht gereicht, Ehrgeiz und so). Und weil der Lehrer mit Schülern schlimme Dinge angestellt hat, die keine Hausaufgaben gemacht oder wenigstens abgeschrieben hatten. Man musste etwa an die Tafel und die Aufgabe dort vor dem ganzen Kurs in Echtzeit nachholen. Wollte man definitiv nicht, glaubt es mir einfach.

Die andere Ausnahme war der Lateinunterricht in der 11. Klasse: Ich habe die Übersetzungs-Hausaufgaben immer mit einem Kumpel per Brute-Force-Attacke gelöst. Wir haben uns Montag nach der Schule getroffen, alle Vokabeln des Textes in drei Wörterbüchern nachgeschlagen, in eine Liste geschrieben und dann die Sätze nach wahrscheinlichster Sinnhaftigkeit zusammengesetzt. Das hat deswegen Spaß gemacht, weil wir zu zweit waren und immer möglichst absurde, aber eben noch irgendwie belegbare Übersetzungen ersonnen haben. Highlight: Wir haben mal die Milch männlicher Fische in einem Text verwendet, weil das tatsächlich in einem der drei Wörterbücher stand. Nebeneffekt 1 war, dass ich mein Latinum bei einem gestrengen Lehrer immerhin mit einer sauberen 3 abschließen konnte, was einer 1- in anderen Fächern gleich kam. Nebeneffekt 2 war aber auch nicht zu verachten: In der Oberstufe hatten wir einen ungeschriebenen Kodex, dass wir uns alle gegenseitig bestmöglich unterstützen. Und unsere freiwilligen Meldungen bei der Verlesung der Hausaufgaben hat für alle anderen im Kurs das Anfertigen der Hausaufgaben optional gemacht, denn es wurde niemand dran genommen, solange es Freiwillige gab. Gut fürs Kurs- und Stufenklima.

Darauf wollte ich aber gar nicht hinaus. Hausaufgaben habe ich also fast durchweg abgelehnt und tue es auch weitgehend heute noch. Einziger Zweck ist fast immer, Leuten eine zweite Chance einzuräumen, die im Unterricht nicht mitgedacht haben, also für die mit der richtigen Einstellung eine pure Schikane. Insgesamt also für im Unterricht fleißige Schüler wie mich rundweg abzulehnen. Anlässlich mehrerer Träume in Folge, die in der Schule spielten, habe ich aber noch mal darüber nachgedacht. Spannende Frage: Was wäre, wenn ich in der Schule keine Hausaufgaben gehabt hätte? Was wäre die Auswirkung gewesen?

Ohne Hausaufgaben hätte ich die lebenswichtige Fähigkeit nicht erlernt, lästige Aufgaben nur genau so weit zu erledigen, dass man nicht negativ auffällt. Diese Fähigkeit kann man gar nicht wichtig genug nehmen: Die Grundlast gut verteilen und möglichst unauffällig und wiederum arbeitsarm abzuschreiben, ein Gespür dafür entwickeln, wann ein vollständiges Ignorieren möglich ist. Dann aber wiederum bemerken wenn es drauf ankommt und im richtigen Moment das richtige Maß an Arbeit investieren. So in etwa lautet das Rezept für Hausaufgaben und das lässt sich im späteren Leben erstaunlich häufig anwenden, auch wenn es gar keine Hausaufgaben mehr gibt.

Ohne ständige Hausaufgaben, denen es aus dem Weg zu gehen gilt, hat man es später doppelt schwer. Also sind Hausaufgaben gar nicht durchweg scheiße, sondern im Gegenteil ein wichtiger Teil der Vorbereitung auf ein gutes Leben. So hatte ich das noch nie gesehen. Und dann gibt es in machen Fächern tatsächlich noch einen messbaren Übungseffekt. So schwer es mir also fällt, muss ich meine bisherige Einstellung widerrufen, ja gar fordern, dass Hausaufgaben aufgegeben werden. Sowas…