Es ist wirklich reiner Zufall, dass ich ausgerechnet heute einen Artikel über Duisburg schreibe, wo doch morgen ein schicksalhaftes Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und dem MSV Duisburg stattfindet. In der Tat wollte ich schon eine ganze Weile mal einige Gedanken zur Stadt Duisburg niederschreiben, also los:
Wenn man in #Düsseldorf aufwächst, lernt man nach und nach die Nachbarstädte kennen, wenn es einen Grund gibt, sie zu besuchen. #Duisburg kennen die weitaus meisten Düsseldorfer aus zwei Gründen: Man besucht erstens, meist bereits im Kindergarten, den Duisburger Zoo und später, wann immer man auf der A3 mitten durch den Zoo fährt, erinnert man sich daran; nicht zuletzt wegen den drei Heckenbuchstaben ZOO, die auf der Autobahnbrücke zurechtgeschnitten stehen. Zweitens hält man mit dem Zug im merkwürdig runtergekommenen Duisburger Hauptbahnhof, wenn man irgendwo hin möchte, wo es interessanter ist. Weitere Gründe, warum man mal in Duisburg gewesen sein sollte? Nach Zoo und Bahnhofshalt kommt seeehr lange nichts, dann folgen die Unfallklinik, der fantastische und unterschätzte Landschaftspark Nord, das Delta (eine Großraumdisco), der größte Binnenhafen Europas (samt Hafenrundfahrt, an die ich mich aber genau gar nicht erinnere, was auch sicher seinen Grund hat) und für Fußballfreunde das Stadion des MSV Duisburg. Dann kommt wieder lange nichts und dabei bleibt es dann auch meistens. Ach ja, da ist ja noch die Love Parade mit 17(!) Todesopfern, daran erinnert sich aber niemand gerne. Der Innenhafen ist ganz nett, zählt aber nicht im Vergleich zum Düsseldorfer Medienhafen, tut mir leid.
Meine maßlos übertriebene These ist ja, dass Duisburg dermaßen egal ist, dass es niemandem auffiele, wenn es weg wäre, am wenigsten denen, die dort wohnen. Warum? Was kommt hinter Duisburg? Oberhausen, Essen, Mülheim und der Rest vom Pott, überall ist man häufiger und lieber als in Duisburg. Aber warum eigentlich? Was macht diese Stadt so egal? Für mich ist Duisburg zu wenig pottig, hat also zu wenig vom charmanten Ruhrpott-Charme abbekommen. Möglicherweise hat Duisburg zu viel vom Niederrhein. Andererseits finde ich selbst Krefeld interessanter als Duisburg. Was macht Duisburg so uninteressant, dass man mit dem Zug ständig durchfährt, aber nie aussteigt? Von allen großen Städten im direkten Einzugsbereich von Düsseldorf ist nur Mönchengladbach noch uninteressanter. Ist von Euch Lesern mal jemand aus eigenem Antrieb nach Mönchengladbach gefahren? Nicht? Warum auch? Klar, manchmal leben dort (Bums-)Bekanntschaften oder man hat beruflich dort zu tun. Aber zum Einkaufen oder um eine Sehenswürdigkeit zu besuchen? Klar, was soll man dort auch? Ich war kürzlich mal da und habe nicht einen nennenswerten Aspekt in Erinnerung behalten.
Zurück zu Duisburg: Ein großartiges Beispiel für die Egalheit von Duisburg ist ja die Landmarke "Magic Mountain Tiger & Turtle". Bei Qype habe ich folgendes darüber geschrieben, was mich auch zu diesem Blogeintrag inspiriert hat:
Falls Ihr ein diffuses Bild von dem Ding habt, durch Zeitungsberichte oder von Fotos, weil die Skulptur interessant aussieht oder Euch der Name fasziniert, und deswegen in irgendeiner Erwartung dort hin fahren wollt: Lasst es. Wobei es gerade diese deplatzierte Sinnlosigkeit ist, die dem ganzen Ding überhaupt irgendeinen Wert gibt. Ich meine: What? Was soll das? Eine merkwürdig niederwüchsig bepflanzte Halde die man auf einem Spiralweg emporspaziert, oben drauf eine merkwürdige Acherbahn-Skulptur, deren Begehbarkeit beidseitig am Looping endet und von der man eine Aussicht genießen kann, deren Egalheit schwer zu toppen sein dürfte. Noch mal: What?
Es tut mir ein wenig Leid, das so sagen zu müssen, aber dieses Ensemble drückt für mich all das aus, was Duisburg vom Rest des Potts unterscheidet: Die Egalheit. Wobei, Gegenbeispiel: Der Landschaftspark Nord auf der anderen Seite der Stadt ist im grotesken Kontrast zu dieser seltsamen Landmarke einer der großartigsten Orte im Ruhrgebiet, so faszinierend. Am Magic Mountain Tiger & Turtle ist nur der Name faszinierend und die Deplatziertheit seiner gesamten Existenz. Wobei das auch schon wieder drei Sterne wert ist. Aber bitte, fahrt bitte nicht in einer nur zu enttäuschenden Erwartung dort hin. Und wenn, dann wenigstens Nachts, die Nachtfotos von MrDuD geben dem Ganzen einen ganz anderen Spin.
Wenn ich nun so darüber nachdenke, ist diese Landmarke eigentlich erst recht einen Besuch wert, denn allein die unspektakulärste Aussicht weit und breit ist schon wieder sehenswert: Kläranlage, niedrige Wohnbebauung, Sportplatz, Straße, unspektakuläre Industrieanlage, unspektakuläre Hafenanlage und ein Fitzelchen vom Rhein kann man von der Skulptur aus sehen. Das ist für mich Duisburg. Wobei ich einräumen muss, dass ich mir beim Lesen der anderen Bewertungen bei Qype einigermaßen ertappt vorkomme, diese Haldenskulptur und ihren Bezug zum Standort auf reiner Düsseldorfer-Hochnäsigkeit zu verkennen. Schlimm, wenn einem auffällt, dass man gerade in seiner Herablassung als "typisch Düsseldorfer" rüber kommt. Ging mir in England neulich auch so, also dass ich als typischer Deutscher auffalle, das ist mir zu Hause gar nicht so bewusst.
Dabei ist Duisburg eigentlich gar nicht so uninteressant, wenn man genauer hinsieht. Dass man vom Rhein nichts hat, weil fast die gesamte Rheinfront mit Industrie- und Hafenanlagen zugepflastert ist, ist unschön, kann man Duisburg aber nicht vorwerfen: Das wäre reichlich undankbar gemessen an der industriellen Leistung für die Region und das ganze Land. Zudem hat es Duisburg im Mittelalter mal bitter getroffen, als sich der Rhein nach einem Hochwasser mehrere Kilometer von der Innenstadt entfernt ein neues Bett gesucht hat. Das klingt zwar witzig, war es aber sicherlich nicht.
Aber Duisburg hat ein Highlight, das jeder mal besucht haben sollte: Den Landschaftspark Nord, eine alte Hochofenanlage, die komplett begehbar da steht und langsam von der Natur zurückerobert wird. Ich bekomme mich gar nicht ein vor Begeisterung über dieses Juwel der #Industriekultur, das Dingen ist einen eigenen Artikel wert, erinnert mich mal dran. Der Zoo gehört auch zu den besten Zoos, die man von Düsseldorf aus als Tagesausflug erreichen kann. Und demnächst werde ich mir auch mal die Sechs-Seen-Platte genauer ansehen, soll auch nett sein.
Gemessen an den ganzen zweifelsohne charmanten Aspekten Duisburgs frage ich mich gerade, wieso mir diese Stadt trotzdem so egal vorkommt. Warum finde ich etwa Oberhausen interessanter? Nur wegen dem Centro und dem großartigen Gasometer (unbedingt mal besuchen!)? Das ist zahlenmäßig weniger als Duisburg zu bieten hat, aber trotzdem habe ich ein besseres Bild von Oberhausen; es spiegelt für mich wohl einfach konsequenter das wieder, was ich am Pott so schätze: Industriekultur und Strukturwandel in einem spannenden Spannungsverhältnis und die Art und Einstellung der Leute. Ich mag die Leute aus dem Pott einfach unheimlich gerne, hingegen kann ich mit den Leuten vom Niederrhein meist eher weniger anfangen. Und wie gesagt: Duisburg hat mir schon zu viel vom Niederrhein.
Trotzdem habe ich gerade beim Schreiben dieses Artikels beschlossen, Duisburg ab sofort gleichberechtigt zu den anderen Städten aus dem Pott zu mögen. Dumm für Krefeld, das nimmt jetzt Duisburgs alten Platz bei mir ein.
P.S. Auch irgendwie fragwürdig, das Spannungsverhältnis zwischen Industriekultur und Strukturwandel spannend zu nennen. Das können echt nur Leute, die da nicht selbst drin stecken, die nicht ständig gegen den allgegenwärtigen Verfall in ihrer Umgebung ankämpfen müssen, Bildungsbürger. Käme ich aus dem Pott, ich würde wohl über jeden Euro kotzen, der in die neuen Bundesländer fließt, während meine Stadt und alles drumherum vor sich verfällt, vergessen wird, abgeschrieben ist. Mir würde das so unglaublich undankbar vorkommen, ich käme mir so benutzt und ausgespuckt vor, wie jemand, der nach 45 Jahren Maloche in der Rente verarmt, ohne das Gefühl, das ihm irgendjemand angemessen dankt für den volkswirtschaftlichen Wohlstand, an dem er mitgewirkt hat, allein gelassen mit seinen daraus erwachsenen Problemen. Und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um die Herablassung, die einem entgegengebracht wird, weil man verlebt und etwas dreckig daherkommt. Wenigstens eine eingehende Beschäftigung mit der Industrievergangenheit sind wir alle dem #Pott schuldig. Wieso ist das in der Schule eigentlich nur so ein Randthema? Was für ein Skandal!
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